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Über Dr. Dr. Beat Schweitzer

Studiengangsleiter des Bachelor-Studiengangs Kommunikative Theologie und Dozent für Ethik am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc). Passionierter Brettspieler, Scherzkeks und Ökofreak.

Ethische Überlegungen zur Covid-19-Impfung (1500x500px)

Impfen oder nicht?

Ethische Überlegungen zu einer Corona-Impfung

Impfen oder nicht?

Autor: Dr. Dr. Beat Schweitzer

Die Impfungen gegen das Corona-Virus haben weltweit begonnen. Doch soll man sich eigentlich impfen lassen? Und ist das nicht gefährlich? Dr. Dr. Beat Schweitzer hat diese Fragen gründlich durchdacht. Der promovierte Molekularbiologe und Theologe ist Dozent für Ethik am Theologischen Seminar St. Chrischona. Er kommt nach einer Güterabwägung zum Schluss: Impfen lassen empfiehlt sich.

Erster Corona-Impfstoff ist zugelassen, was nun?

Seit beinahe einem Jahr hält uns das Corona-Virus auf Trab und fordert uns als Individuum und als Gesellschaft heraus. Der Wunsch nach einer Rückkehr zu normalen Verhältnissen wächst mit jedem Tag. Diese Hoffnung hat vor kurzem Nahrung erhalten. Mitte Dezember 2020 hat Swissmedic einen ersten Impfstoff gegen das Corona-Virus in der Schweiz zugelassen (siehe: www.swissmedic.ch) und weitere Impfstoffe befinden sich in Prüfung. Die Schweiz ist deshalb in einer komfortablen Lage, denn eine Impfung ist möglich. Damit stellt sich die Frage: «Impfen oder nicht?». Die verantwortlichen Behörden erhoffen sich von dieser Impfung einerseits einen Schutz des Individuums (insbesondere der Risikopersonen) und damit verbunden eine Entlastung der Gesundheitseinrichtungen. Andererseits soll eine Impfung dazu beitragen, dass das Virus weniger bis gar nicht mehr verbreitet wird (Unterbrechung der Infektionswege), was dem Schutz der gesamten Bevölkerung zu Gute käme.

Darf das Allgemeinwohl fordern, dass individuelle Rechte eingeschränkt werden?

Eine solche Impfung wäre eine präventive und keine therapeutische Massnahme. Denn ein gesunder Mensch lässt sich durch die Impfung einem gewissen Risiko aussetzen, um sich selbst und andere zu schützen. Ist dieses Risiko gerechtfertigt? Wir betreten hier ein Spannungsfeld zwischen Individual- und Sozialethik: Darf das Allgemeinwohl (z. B. Herdenimmunität, Gemeinschaftsschutz, Solidarität, Entlastung des Gesundheitswesens) fordern, dass individuelle Rechte (z. B. Recht auf Selbstbestimmung, Recht auf Unversehrtheit) eingeschränkt werden? Meines Erachtens hängt die Beantwortung dieser Frage von den Auswirkungen einer Impfung auf die geimpfte Person ab und ist eine Güterabwägung. Im Fall einer Impfung gegen Masern oder gegen Kinderlähmung fällt diese Abwägung heute klar zu Gunsten einer Impfung aus. Die beschriebenen Nebenwirkungen stehen statistisch in keinem Verhältnis zu den Folgen eines schweren Verlaufes von z. B. Masern (siehe: www.rki.de). Obwohl in der Schweiz rechtlich keine Impfpflicht besteht, fühlen wir uns im Fall von Masern dennoch moralisch verpflichtet, uns bzw. unsere Kinder dagegen impfen zu lassen.

Dr. Dr. Beat Schweitzer, Studiengangsleiter Bachelorstudiengang Kommunikative Theologie am tsc
Dr. Dr. Beat Schweitzer ist Studiengangsleiter Kommunikative Theologie und Dozent für Ethik am tsc.

Schwierige Güterabwägung wegen Unklarheiten

Bei der Corona-Impfung ist eine solche Güterabwägung schwieriger. Der aktuell zugelassene Impfstoff gehört zu der neuartigen mRNA-Impfstoffen. Langjährige Erfahrungswerte durch vergleichbare klinische Anwendungen beim Menschen liegen nicht vor. Positiv ins Gewicht fällt, dass ca. neun von zehn geimpften Personen vor den Folgen einer Erkrankung geschützt sind. Die Testprotokolle zeigen, dass typische Impfnebenwirkungen (z. B. Fieber, Kopfweh, Muskelschmerz) auftreten, aber wieder abklingen. Bei vereinzelten Testpersonen traten allergische Reaktionen oder eine vorübergehende Lähmung des Geschichtsnervs auf. (Quelle: https://www.fda.gov/media/144245/download, S. 38, Ob diese Nebenwirkungen mit der Impfung zusammenhängen, ist unklar). Langzeitfolgen der Impfungen sind bisher nicht bekannt, was auf Grund der noch kurzen Testphase auch zu erwarten ist.

Verändert der Impfstoff meine DNA?

Bedenken an einer Corona-Impfung könnten auch am neuartigen mRNA-Impfstoff liegen. Im Unterschied zu bisherigen Impfstoffen wird hier das Immunsystem-aktivierende Antigen nicht in Form eines Proteinstückes, sondern als «Bauplan» in Form von mRNA zur Verfügung gestellt. Diese mRNA wird von körpereigenen Zellen aufgenommen und löst dann in diesen Zellen die Produktion des Antigens aus. Nach kurzer Zeit wird diese mRNA dann abgebaut. Manche befürchten, dass diese eingeschleuste mRNA die eigene DNA verändert. Dazu müsste jedoch die einzelsträngige mRNA zuerst in eine doppelsträngige DNA umgebaut werden. Dafür ist ein bestimmtes Enzym nötig (Reverse Transkriptase), das der Mensch jedoch nicht besitzt. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass die eingeschleuste mRNA nicht in die eigene DNA eingebaut wird – was auch mit der von einer menschlichen Zelle ständig selbst-produzierten mRNA nicht geschieht.

«Manche befürchten, dass diese eingeschleuste mRNA die eigene DNA verändert. Dazu müsste jedoch die einzelsträngige mRNA zuerst in eine doppelsträngige DNA umgebaut werden. Dafür ist ein bestimmtes Enzym nötig (Reverse Transkriptase), das der Mensch jedoch nicht besitzt.»

Was ist mRNA?
Eine mRNA (englisch: messenger RNA), auch Boten-RNA genannt, ist eine einzelsträngige Ribonukleinsäure (RNA), die als Transkript eines zu einem Gen gehörenden Teilabschnitts der Desoxyribonukleinsäure (DNA) die genetische Information für den Aufbau eines Proteins in einer Zelle enthält. Mit einer mRNA wird also die Bauanleitung für ein bestimmtes Protein zellulär verfügbar.

Corona-Erkrankung kann lange nachwirken

Auf der anderen Seite der Güterabwägung sind die Auswirkungen einer Covid19-Erkrankung zu bedenken. Im schlimmsten Fall kann die Krankheit zum Tod führen. Wer die Krankheit übersteht, muss mit Nachwirkungen rechnen. Neben Müdigkeit und Geschmacksstörungen gibt es Berichte über Folgen wie z. B. Herzprobleme, Beeinträchtigungen der Lungenfunktion, Gehirnbeeinträchtigungen und ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen. (Quelle: Studie von Adam Hampshire et al.)  Wie lange solche Nachwirkungen anhalten und welche noch dazu kommen, wird die Zeit zeigen.

Die Waage neigt sich zu Gunsten der Impfung

Auf beiden Seiten der «Waage» liegen in dieser Güterabwägung offene Fragen, insbesondere nach den möglichen Langzeitfolgen einer Impfung oder einer Erkrankung. Vieles wissen wir aber bereits jetzt. Vergleicht man die möglichen Nebenwirkungen und die möglichen Folgen einer Erkrankung, dann neigt sich die Waage deutlich zu Gunsten einer Impfung. Wenn dann noch mitbedacht wird, dass eine Impfung eine Entlastung des Gesundheitswesens bedeutet und im besten Fall auch andere Menschen vor einer Ansteckung schützt, dann ist das Urteil umso deutlicher. In der Summe empfiehlt sich deshalb meines Erachtens eine Impfung gegen das Corona-Virus.

«Vergleicht man die möglichen Nebenwirkungen und die möglichen Folgen einer Erkrankung, dann neigt sich die Waage deutlich zu Gunsten einer Impfung.»

Die ethischen Überlegungen von Dr. Dr. Beat Schweitzer und der Rat von christlichen Ärztinnen und Ärzten haben den Schweizer Freikirchenverband zu einer Impfempfehlung veranlasst. Mehr dazu auf: www.livenet.ch.

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Was uns glücklich macht

Kolumne

Was uns glücklich macht

Autor: Dr. Dr. Beat Schweitzer

Zufriedenheit, Freude, Glück, Wohlbefinden: All diese Begriffe sind Ausdruck für ein Empfinden, nach dem sich Menschen sehnen. Doch weshalb können wir überhaupt so empfinden und welche Faktoren tragen dazu bei?

Glücksempfinden – nur eine körperliche Reaktion?

Wer möchte nicht glücklich sein und in seinem Leben Freude erfahren? Wenn wir uns diese Frage stellen, übersehen wir gerne, dass es gar nicht selbstverständlich ist, dass der Mensch überhaupt in der Lage ist, Freude oder Glück zu empfinden. Er verdankt dieses besondere Empfinden seiner Physiologie. Denn rein bio-chemisch gesehen, ist das Empfinden von Glück nichts weiter als eine körperliche Reaktion, die durch die Ausschüttung bestimmter Hormone ausgelöst wird. So führt der Erhalt einer guten Nachricht, eine angenehme Begegnung oder ein unerwarteter Gewinn in einem Spiel zur Ausschüttung des «Glückshormons» Dopamin. Wer sich sportlich betätigt, fördert die Ausschüttung von Endorphinen. Diese Hormone sorgen dafür, dass Menschen sich glücklich und zufrieden fühlen. Wer Schokolade isst, nimmt damit auch die Glückshormone Serotonin und Phenethylamin zu sich. Ob die Dosis auch ausreicht, um ein Glücksgefühl zu entfachen, ist zwar nicht bewiesen, würde aber die Befriedigung erklären, die wir beim Naschen verspüren.

Punktuelle und anhaltende Freude

Solche Beispiele erklären, wie sich punktuell das Empfinden von Glück oder Freude einstellen kann. Geht es um das Verständnis eines anhaltenden Empfindens, dann braucht es weitere Erklärungen. Der Mensch kann nicht dauernd joggen oder Schokolade essen, nur um ständig glücklich zu sein. Was führt zu einem anhaltenden Glücksgefühl, zu andauernder Zufriedenheit und Freude? Hier setzt die Glücksforschung an. Dieser Forschungszweig will wissen, unter welchen Bedingungen Menschen sich glücklich fühlen und welche Faktoren dazu beitragen.

Das United Nations Sustainable Development Solutions Network gibt regelmässig den «World Happiness Report» heraus. Darin wird die Lebenszufriedenheit in verschiedenen Ländern verglichen. Es werden folgende Faktoren bewertet: Einkommen, soziale Unterstützung, zu erwartende gesunde Lebensjahre, Vertrauen, Grosszügigkeit und die empfundene Freiheit in Lebensentscheidungen. In diesem Report fällt auf, dass die skandinavischen Länder immer in den Spitzenrängen vertreten sind, die Schweiz liegt im Report von 2019 auf Rang 6. Erklärt werden kann dies durch gute Versicherungen, ein sehr gutes Bildung- und Gesundheitssystem, relativ kurze Arbeitszeiten, ein zum Leben ausreichendes Gehalt, genügend Freizeit zur Entspannung, kaum Korruption, politische Transparenz, das Gefühl, dass die Regierung die Bedürfnisse der Bevölkerung aufnimmt und genügend Freiheit zur persönlichen Entwicklung.

Freunde und Beziehungen

Die Harvard Medical School hat in einer Langzeitstudie über 75 Jahre hinweg Faktoren des Glücklichseins untersucht. Das klare Resultat: glückliche Beziehungen und Freundschaften. Diese haben sogar körperliche Auswirkungen. Probanden mit besonders intensiven Beziehungen waren messbar glücklicher und körperlich fitter. Sie waren mit 80 Jahren weniger von nachlassender Gehirnfunktion betroffen und lebten länger. Die Studie lässt den Schluss zu: Wer lange und glücklich leben möchte, braucht Freunde und Beziehungen, um das Wohlbefinden von Geist und Körper zu fördern.

Die Glücksforschung zeigt, dass es empirisch nachweisbare Faktoren gibt, die langfristiges Glücklichsein und anhaltende Freude fördern. Gerade die Harvard-Studie sollte uns Christen aufhorchen lassen. Wenn zwischenmenschliche Kommunikation und Beziehungen die stärkste Triebfeder für das persönliche Glücklichsein sind, dann hätten wir als christliche Kirche ein attraktives Angebot: Freude und Erfüllung in der Kommunikation und den Beziehungen miteinander und darüber hinaus mit Gott.

Diese Kolumne ist zuerst im «Insist» erschienen, dem Hintergrundmagazin der Schweizerischen Evangelischen Allianz.
Weitere Informationen unter: www.insist.ch

Dr. Dr. Beat Schweitzer, Studiengangsleiter Bachelorstudiengang Kommunikative Theologie am tsc
Dr. Dr. Beat Schweitzer ist Studiengangsleiter Kommunikative Theologie und Dozent für Ethik am tsc.