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19.12.2017 11:19 Alter: 34 days
Kategorie: Theologisches Seminar St. Chrischona
Von: Chrischona-Panorama

Das bleibt: Spittlers Erbe und der Bildungsauftrag

Gespräch mit Dr. Benedikt Walker, Rektor tsc


Dr. Benedikt Walker, Rektor tsc

Will Spittlers Erbe am tsc weiterführen: Dr. Benedikt Walker, Rektor tsc.

Christian Friedrich Spittler, Gründer der Pilgermission St. Chrischona

Christian Friedrich Spittler gründete am 8. März 1840 die Pilgermission St. Chrischona, aus welcher der Verband Chrischona International und das Theologische Seminar St. Chrischona hervorgingen.

Bildung heute und gestern. Im Interview mit der Zeitschrift «Chrischona-Panorama» spricht Dr. Benedikt Walker, Rektor des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc), über den traditionellen Auftrag des tsc, über zeitgemässe Bildungsangebote und darüber, wie es für das tsc weitergeht.

Chrischona-Panorama: Für den Chrischona-Campus wird es in den nächsten Jahren Veränderungen geben und damit auch für das tsc; darüber wurde in der letzten Zeit ausführlich informiert. Vieles ist in Bewegung, manches wird sich ändern. Was aber bleibt?
Benedikt Walker: Was bleibt, ist das Erbe von Christian Friedrich Spittler, dem Chrischona-Gründer. Das ist zugleich eine Verpflichtung für das tsc und ja seit jeher unser Auftrag. In den Statuten des Chrischona-Verbandes lautet das so: «Der Verband verantwortet die Ausbildung und Sendung von Männern und Frauen in den Dienst des Reiches Gottes. Dazu trägt und unterhält er insbesondere das Theologische Seminar St. Chrischona.» Somit ist der Campus schon lange Impulsgeber für Bildung. Und schliesslich startete die Pilgermission St. Chrischona als Ausbildungsstätte. Bei allen derzeitigen Veränderungen rund um den Chrischona-Verband wird der Bildungsauftrag immer bleiben. Kurz gesagt heisst das für das tsc «back to the roots», zurück zu den Wurzeln: Weiterbildung, Ausbildung und Aussendung.

«Bei allen derzeitigen Veränderungen wird der Bildungsauftrag immer bleiben. Zurück zu den Wurzeln: Weiterbildung, Ausbildung und Aussendung.»

Chrischona-Panorama: Worin besteht denn Spittlers Erbe? Was lernen wir von ihm für unseren heutigen Bildungsauftrag?
Benedikt Walker: Was wir von ihm lernen können ist vor allem sein Veränderungswille, seine Fähigkeit, sich aktuellen Gegebenheiten anzupassen und seine Innovationskraft. Ja, Spittler war sehr innovativ. Jederzeit hat er auf die aktuellen politischen und sozialen Umstände und auf die Nöte der jeweiligen Zeit reagiert. Gab es durch den Krieg viele Waisen, hat er ein Waisenhaus gegründet, fanden Taubstumme keine Hilfe, hat er für sie ein Heim gebaut. Dies lässt sich auch bei seinen Nachfolgern finden: Benötigte man in Nordamerika oder Palästina Missionare, so wurden sie ausgebildet und dort hin ausgesendet. Diesen Sinn müssen wir heute übernehmen und auf die Bedürfnisse unserer Zeit reagieren. In meinen Augen heisst das, zeitgemässe Bildungsangebote zu schaffen.
Spittler hat die Ausbildung seinerzeit revolutioniert, indem er erkannte, dass der akademischen Universitätsbildung etwas entgegengesetzt werden musste. Den Missionaren, die er ausgebildet hat, hätte eine reine theologische Ausbildung wenig genützt. Sie wurden auf St. Chrischona in der Bibelschule im praktischen Sinne ausgebildet. Nicht zuletzt, weil sie hier Selbstversorger waren, konnten sie sich in ihrem Auftrag als Missionare später behaupten. Heutzutage braucht es keine Selbstversorger mehr, aber auch wir am tsc fragen uns: Wie sollte ein Mensch ausgebildet sein, um in der heutigen Zeit das Evangelium verkündigen zu können?

Chrischona-Panorama: Und die zeitgemässen Bildungsangebote, von denen du sprichst – wie sehen die nun am tsc aus?
Benedikt Walker: Sicher haben wir den Anspruch, eine akademische und fundierte theologische Ausbildung zu liefern. Dennoch – in der Postmoderne geht es um weit mehr als Wissensvermittlung. Mehr denn je braucht es heute Menschen, die reflektieren, die auch eine Doktrin in Frage stellen können. Wir brauchen heute Pastoren, welche die Fragen dieser Zeit reflektieren können. Eine unserer Aufgaben als Ausbildungsstätte ist es deshalb, die Studenten kritisches Bewusstsein und Denken zu lehren. Das tsc versteht sich auch als Denkschule.
Weiter versuchen wir auf die neuen Anforderungen zu antworten, indem wir Themen wie zum Beispiel Konfliktmanagement, Gemeinde-Kybernetik und Mitarbeiterführung in den Stundenplan aufnehmen. Und da stehen wir wieder in der Tradition von Spittlers Pilgermission – indem wir eine möglichst praxisorientiere Ausbildung anbieten.

Chrischona-Panorama: Noch etwas ist seit Spittlers Zeiten geblieben – die Öffnet internen Link im aktuellen FensterGemeinschaft auf dem Chrischona-Campus. Wird sich am Zusammenleben etwas ändern?
Benedikt Walker: Ich denke nicht, denn die Gemeinschaft ist fraglos ein wichtiger Mosaikstein unseres Ausbildungskonzeptes. Wir wollen kognitiv, spirituell und emotional schulen, indem wir Wissen lehren, Kompetenzen vermitteln und in der Gemeinschaft Spiritualität leben. Dabei kommt den Dozenten eine zentrale Rolle zu – als Wissens- und Kompetenzvermittler, aber eben auch als Vorbilder, die leben, was sie lehren.
Der klare Auftrag bleibt – Menschen, die sich berufen fühlen, ausbilden und in die Welt aussenden. Deshalb bevorzuge ich, die Gemeinschaft auf dem Chrischona-Campus als «Weggemeinschaft» zu bezeichnen. Wir leben und lernen eine Zeit lang gemeinsam – danach muss der Schritt in die Praxis getan werden.

Chrischona-Panorama: Eine wesentliche Frage: Wie kann das tsc die Qualität der Ausbildung halten und den eigenen Ansprüchen gerecht werden? Gibt es einen Ausblick in die finanzielle Zukunft?
Benedikt Walker: Zurzeit steht noch nicht fest, in welche Organisationsform das tsc überführt wird. Wie auch immer sie aussehen wird, eines steht fest: Ausbildung ist nie kostendeckend. Aber Bildung ist ein hohes Gut und muss es wert sein, gefördert zu werden. Eine Ausbildung ausschliesslich über Studiengebühren zu finanzieren, wäre illusorisch. Deshalb werden öffentliche Hochschulen vom Staat finanziert; private Ausbildungsstätten wie das tsc sind auf die jeweiligen Träger und Freundeskreise angewiesen, wenn sie langfristig und nachhaltig eine qualitativ hochwertige Bildung liefern wollen. Ich bin aber davon überzeugt, dass Spender, die bisher den Verband Chrischona International unterstützt haben, damit immer auch die Ausbildungsstätte mitbedacht haben. Auch deshalb bin ich sicher, dass Träger und Freundeskreis ebenfalls in Zukunft finanzielle Sicherheit geben werden. Das wird jetzt eine zentrale Aufgabe sein: die richtige Organisationsstruktur zu finden und die finanzielle Situation zu klären.

Chrischona-Panorama: Vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Benedikt Walker ist seit September 2016 Rektor des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc). Dieses Gespräch ist mit weiteren Beiträgen zur theologischen Bildungsarbeit am tsc im Öffnet externen Link in neuem FensterChrischona-Panorama 6/2017 erschienen.