«Unsere Väter kapieren, nicht kopieren!»

September 21, 2026

Claudius Buser, TSC-Dozent für Kirchengeschichte
Geschichte ist alles andere als verstaubt. Der TSC-Dozent Claudius Buser erklärt, warum es sich lohnt, die eigenen Wurzeln zu kennen, was wir von früheren Generationen lernen können und weshalb wir unsere Väter «kapieren, nicht kopieren» sollten.

TSC: Über Geschichte denken vermutlich viele: passé, verstaubt, alt, vorbei. Du siehst das sicher anders.

Claudius Buser: Dieses Gefühl haben auch manche Studierende zu Anfang: Mit uns kommt eine neue Generation, wir wissen eigentlich schon, wie es geht. Aber ich sage: Geschichte ist gelebtes Leben. Wir können viel lernen aus der Geschichte einzelner Personen oder Personengruppen, wie sie gestaltet und was sie erlebt und erlitten haben.

TSC: Was hast du gelernt aus der Geschichte oder aus Geschichten unserer Vorfahren?

Claudius Buser: Aus der Chrischona-Geschichte habe ich gelernt: Wir müssen unsere Väter kapieren, nicht kopieren. Wer die Vorfahren nur kopiert, verpasst die Adaption ins Heute. Wichtig ist zu verstehen, welche Herausforderung sie hatten und wie sie reagierten – daraus können wir für unsere eigenen Herausforderungen lernen. Ich habe aber auch Erschreckendes gelesen, etwa: «Lieber bei der Ernte zerbrechen als in der Scheune verrosten.» Solche Lebensweisheiten aus dem Pietismus des 19. Jahrhunderts kannten kaum Selbstfürsorge. Aus Geschichte lernen heisst beides: übernehmen, was trägt – und auch mal sagen: nein, so nicht.

TSC: Du bringst deinen Studierenden auch bei, über ihre biografische Vergangenheit nachzudenken.

Claudius Buser: Ja, die Studierenden schreiben eine Arbeit zur autobiografischen Reflexion. Mir ist wichtig, dass sie merken: Ich bin Teil der Geschichte – wie eine Perlenkette, in der ich mit anderen Generationen verbunden bin, kein abstraktes Vergangenes.

TSC: Geschichte muss gedeutet werden. Dabei haben wir eine Brille auf – etwa die der modernen Weltsicht – durch die wir auf Geschichte blicken. Oder geht das auch ohne?

Claudius Buser: Nein, wir betrachten Geschichte immer aus einem bestimmten Blickwinkel – sie ist etwas, das wir befragen, nie objektiv zurückholen. Manchmal sage ich: Wenn ich einmal im Himmel Luther und Zwingli treffe und sie mir sagen «Es war ganz anders», höre ich gespannt zu. Wir haben zwar historische Quellen, aber nie das gelebte Leben von damals. Unser Geschichtsbild bleibt daher immer bruchstückhaft.

TSC: Was soll die nächste Generation auf keinen Fall vergessen?

Claudius Buser: Vergesst nicht: Wir sind Teil einer Heilsgeschichte – auch und gerade inmitten von Unheil. Gott schreibt seine Geschichte oft gerade durch Schwierigkeiten hindurch. Haltet die Hoffnung fest, dass es Heilsgeschichte ist – und bleibt unterwegs mit diesem Gott, der es gut mit uns meint.

Claudius Buser, TSC-Dozent für Kirchengeschichte

«Vergesst nicht: Wir sind Teil einer Heilsgeschichte – auch und gerade inmitten von Unheil. Gott schreibt seine Geschichte oft gerade durch Schwierigkeiten hindurch. Haltet die Hoffnung fest, dass es Heilsgeschichte ist – und bleibt unterwegs mit diesem Gott, der es gut mit uns meint.»

Claudius Buser, TSC-Dozent für Kirchengeschichte

Dozenteninfo

Claudius Buser ist seit 2002 Dozent für Kirchengeschichte am Theologischen Seminar St. Chrischona. Besonders interessiert ihn die Geschichte des TSC und der Pilgermission St. Chrischona. Immer wieder macht Claudius Mut, hoffnungsvoll auf die Geschichte zu schauen. Sein Credo: «Zukunft braucht Herkunft. Herkunft ist Inspirationsquell, Richtungsgeber und Mutmacher für die Zeit, die vor uns liegt.»

Claudius Buser, TSC-Dozent für Kirchengeschichte

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