Musikgeschichte von St. Chrischona
März 26, 2026
Vom Brüderchor zum Studiengang – eine musikalische Entwicklung
Die Musik auf St. Chrischona entwickelte sich seit 1840 vom einfachen Gemeindegesang über Posaunenchor und Brüderchor bis zu gemischten Chören, Schallplatten, Musicals und einem eigenen Studiengang. Prägend waren Dora Rappard und später Hans Rüdiger.
Die singende Gemeinde gibt es schon seit sich Christen in ihren Häusern treffen. Im frühen Mittelalter von der Gemeinde weg auf die Chorsänger/Mönche konzentriert (ausser ambrosianischer Gesang in Norditalien und der Südschweiz), findet der Gemeindegesang seit der Reformation einen neuen Aufschwung (nur Zwingli hatte ein Problem damit). Chrischona singt seit ihrem Beginn 1840 mit! Natürlich ist das am Anfang unorganisiert und sehr klein, doch in den Abdankungsberichten über verschiedene Dozenten (auch Spittler) liest man schon von den Brüdern, die Lieder gesungen haben. Bald darauf wird ein regulärer Brüderchor aus allen anwesenden Brüdern gebildet.
Entstehung von Posaunenchören
Es bleibt nicht allein beim Gesang. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 beobachtet der Chrischona-Bruder Adam Ewald (1847–1918) als Krankenträger (Sanitäter) die Militärkapellen bei Abdankungen und denkt sich, solche Blasmusik könnte man auch in den Gemeinschaften einführen. Er selbst gründet 1885 den allerersten Posaunenchor in Deutschland. Auf Chrischona greift man diese Gedanken schon etwas vorher auf. Im Glaubensboten von 1883 lesen wir:
«Auch unser neu gegründeter Posaunenchor liess sich hören. Die Instrumente sind ein Geschenk des Hrn. Jäger im Fälkli; sechs bis sieben Brüder haben, nach Anleitung eines sachkundigen Hausgenossen, die Kunst sie zu gebrauchen bald gelernt und recht erhebend tönt nun jeden Sonntag Morgen um 6 Uhr und bei andern Anlässen ein Choral zu Gottes Ehren.»
Der Glaubensbote, VII Band 1883, Nr. 6, S. 72.
Dora Rappard fördert Musikunterricht
Zurück zum Chorgesang: Der richtig grosse Durchbruch im Bereich Musik und Gesang wird von Dora Rappard (1842–1923) eingeleitet. Sie, die Chrischona Mutter, ist eine begnadete Liederdichterin und Komponistin. Nun singen die Brüder Lieder aus der Reformationszeit, Lieder von Graf Niklaus Ludwig von Zinzendorf, Evangeliums-, und Erweckungslieder und natürlich die Lieder von Dora Rappard. Dieser Aufbruch im Bereich der Musikarbeit findet seinen Niederschlag auch im Stundenplan: Klavier-, Harmonium- und Gesangsunterricht inkl. Grundlagen des Dirigierens – jeder Gemeinschaftsprediger ein Chorleiter – wird nun normaler Bestandteil der Ausbildung.
Zusammen mit ihrem Mann Carl Heinrich Rappard (1832-1909) bringt Dora Rappard 1875 das erste Liederbuch von St. Chrischona heraus: Gemeinschaftslieder. Dieses verbreitet sich rasch und erlebt viele Neuauflagen. Jahrzehnte später wird dieses Gesangsbuch überarbeitet, erweitert und der Herausgeberkreis vergrössert. Es kommt 1955 unter neuem Namen heraus: Neues Gemeinschaftsliederbuch, schon 1958 muss es nachgedruckt werden. Herausgeber sind gemeinsam die Pilgermission und die Mennoniten der Schweiz und des Elsass, sowie das EGW Bern.
In der Zeit der beiden grossen Weltkriege wird sicher auch gesungen, aber es ist nicht die Zeit der grossen Evangeliums-Lieder auf Chrischona, sondern eher der Trauer und der Entbehrung, ist doch die Zahl der Studenten und Bibelschülerinnen dramatisch eingebrochen und das Überleben des Werkes schwierig. Und doch werden – vielleicht zum Trotz und Trost – in dieser Zeit einige Pilgerlieder herausgegeben für Chöre unter dem Titel: Pilgerlieder, Klänge aus dem Brüderkreise und für denselben und als Neuerung und Weiterentwicklung Chrischona-Liederhefte für Frauen.
Geburtsstunde des gemischten Chors
Nach dem zweiten Weltkrieg erlebt Chrischona unter der Leitung von Hans Staub einen neuen Aufschwung. Auch die Musikarbeit findet eine Fortsetzung. Gegen Ende der 60er-Jahre wird sogar ein gemischter Chor gegründet, jetzt singen die Studentinnen und Studenten gemeinsam. Im Glaubensboten vom April 1969 lesen wir:
«So fand am 17. Februar die erste Gesangprobe des Gemischten Chores statt. Unter der kundigen Leitung unseres Lehrers Hans Rüdiger [Dozent von 1956-1991; Fächer: Pädagogik, Chorleitung, Chorgesang, Musiktheorie (bis in die 90iger Jahre), Deutsch, Klavier] kamen die singfreudigen Familienglieder, Angestellten, Bibelschülerinnen und Seminaristen zusammen, und wir hoffen, bald in den Gottesdiensten, in Spitälern und Heimen Menschen mit der Evangeliumsbotschaft im Lied erfreuen zu können.»
Glaubensbote 4/69, S. 75.
Alle vier Jahre gibt es in der Dienstzeit von Hans Rüdiger auch Singwochen durch den Evangelischen Sängerbund (ESB) Wuppertal, so dass jede Klasse einmal so eine Woche miterleben kann. Als Abschluss dieser Wochen gibt es jeweils Konzerte in der näheren Umgebung (z. B. Dorfkirche Riehen, Ref. Kirche Lausen).
Unter der Leitung von Hans Rüdiger werden auch Schallplatten aufgenommen mit dem Brüderchor und dem gemischten Chor. Noch 1987 wird eine Schallplatte mit Liedern von Dora Rappard eingespielt.
Der Weg zum TSC-Chor
Nach Hans Rüdiger übernimmt Gottfried Burger 1991 die Musik- und Chorarbeit. Die Singwochen werden abgeschafft zugunsten von Chortagen mit anschliessenden Aufführungen auf Chrischona aber auch in der näheren Umgebung (z. B. Gellertkirche Basel, Bethesda Basel, Evangelische Kirche in Steinen). Anfang des 21. Jahrhunderts studieren alle gemeinsam das abendfüllende Musical «Das Finale» ein, inkl. Solisten und Instrumentalisten. 2003 löst Gottfried Burger den obligatorischen Gesamtstudentenchor auf und führt die Chorarbeit auf freiwilliger Basis weiter. Dieser Chor ist der Vorgänger des heutigen TSC-Chors.
Im Jahr 2010 übernimmt Susanne Hagen die Musikarbeit und schon bald entsteht die Idee, diese auszubauen. 2016 münden die Überlegungen in einen neuen Studiengang: Der BA in Theologie und Musik wird Wirklichkeit und feiert heute (2016) sein 10 Jahre Jubiläum.
Lied von Dora Rappard
Zu meines Heilands Füßen
O Freund, der mich geliebt, nimm ganz mein Herze hin!
Je mehr es Dir sich gibt, je größer mein Gewinn!
Und gilt’s auch mit Dir leiden in diesem Freundschaftsstand.
Mein Herr, ich tu’s mit Freuden, weil Du mich Freund genannt;Du wählest meine Wege: Du führst mich Schritt für Schritt.
Und gibts auch dunkle Stege, wohl mir, mein Freund geht mit!
So geh ich ganz im Frieden durch dieses Pilgerland.
Es mangelt nichts hienieden dem, den Du Freund genannt.Und wenn Du kommst zurück in hoher Majestät,
wenn vor dem Flammenblick die sichre Welt vergeht:
dann schlägt die selge Stunde, die mich Dir ganz vereint.
Ich jauchz mit frohem Munde: Der König ist mein Freund.
2 Musikvideos
Claudius Buser unterrichtet Kirchengeschichte am TSC.