Sängerinnen des tsc-Chor beim Adventskonzert 2019 (1500x500px) (Foto: Knut Burmeister, ALLTAG)

Ein Geschenk, mitsingen zu dürfen

Wie eine Sängerin die Adventskonzerte 2019 des tsc-Chor erlebte

Ein Geschenk, mitsingen zu dürfen

Am 1. Adventswochenende 2019 gab der Chor des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) zwei Konzerte mit weihnachtlichen Liedern und Gospels. Am 30. November vor mehr als 500 Zuhörern im Konferenzzentrum auf St. Chrischona und am 1. Dezember vor rund 300 Zuhörern in der Basler Pauluskirche. Sängerin Desirée Kratzat erlebte die Konzerte als etwas Kostbares. Desirée berichtet:

Grosse musikalische Bandbreite

Weniger als drei Monate liegen zwischen dem Beginn des Studienjahres im September und den Chorkonzerten im Advent. Auch in diesem Jahr brachte es unsere Chorleiterin Susanne Hagen fertig, allen 80 Sängerinnen und Sängern 16 Lieder einzustudieren, die eine grosse musikalische Bandbreite umfassen: von klassischen Chorsätzen (Ola Gjeilo, Johann Sebastian Bach) bis hin zu modernen Hymnen (Casting Crowns, Whitney Houston). Passend zur Adventszeit, die zu 24 Tagen Besinnung einlädt, sangen wir als tsc-Chor die Gospelversion des bekannten Hallelujahs, das Händel in nur 24 Tagen schrieb. So waren unsere Zuhörer einmal mehr begeistert von der musikalischen Weihnachtsbotschaft und der stimmlichen Vielfalt unseres Klangkörpers.

Etwas Grösseres entsteht

In dem Moment, wenn alle Stimmen der Sängerinnen und Sänger zusammenkommen, entsteht etwas, das grösser ist als der Einzelne allein. Egal, ob die Stimmen laut oder leise, sicher oder unsicher sind. Das hat mich als eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin besonders geprägt und mich ermutigt, in meine Stimme zu investieren. Ich erlebe im tsc-Chor eine gegenseitige Wertschätzung und eine Freude, gemeinsam etwas so Grosses und Besonderes wie die Adventskonzerte auf die Beine stellen zu dürfen.

Adventskonzert des tsc-Chors am 30.11.2019: Chor vom Technikpult (Foto: Knut Burmeister, ALLTAG)
Mit stimmungsvollen Liedern bereitete der tsc-Chor rund 450 Zuhörerinnen und Zuhörern einen guten Start in die Adventszeit. (Foto: Knut Burmeister, ALLTAG)

tsc-Chor lockt zahlreiche Besucher an

Beim Adventskonzert auf Chrischona begrüssten uns die Besucher klatschend, während wir auf die Bühne liefen, um unsere Plätze einzunehmen. Als ich inmitten unseres Chores stand, wurde mir bewusst, dass der gesamte Saal gefüllt war und somit über 500 Personen gekommen waren. Und auch am nächsten Tag, als wir in der majestätisch wirkenden Pauluskirche standen, war dies ein Moment reiner Freude. Choräle wie «Ubi Caritas» in einem so herrlichen Gebäude singen zu dürfen, ist etwas Atemberaubendes. Besonders angesichts einer Akustik, die den Gesang noch einmal ganz neu erlebbar werden lässt. Bereits beim zweiten Lied begannen die Bässe und Tenöre einheitlich und bereiteten uns Altistinnen und Soprane den Einstieg gekonnt vor. So sangen wir voller Freude «Good news» von Negro Spiritual & Don Newby. Begleitet wurden wir dabei von unserer grossartigen Band aus professionellen Musikern und Musikdozenten des tsc. Darunter der Bassist Sigi Bohnert, der Geiger Andreas Wäldele und der Saxophonist Bene Müller.

Klangvoller und guter Start in die Adventszeit

Das Stück «Bethlehemian Rhapsody», ein Cover des Klassikers von Queen, liess die Soprane gekonnt in die Höhen gelangen. Genauso hatten die restlichen Stimmregister ihre Momente, welche die Gesamtheit unserer aller Stimmen besonders wertvoll wiedergab. Ich erlebte diese beiden Adventskonzerte als etwas Kostbares und als einen guten Start in diese besonnene Adventszeit, in der die Hektik meist näher ist als die Ruhe. Es war ein Geschenk, mitsingen zu dürfen und zu erleben, wie Menschen durch unsere Musik an diesen Abenden tief berührt und beschenkt nach Hause gehen konnten.

Adventskonzert des tsc-Chors am 30.11.2019: Sängerin Desirée inmitten des Chors (Foto: Knut Burmeister, ALLTAG)
Desirée Kratzat (Bildmitte) freut sich, dass sie im Chor mitsingen darf. (Foto: Knut Burmeister, ALLTAG)

In dem Moment, wenn alle Stimmen der Sängerinnen und Sänger zusammenkommen, entsteht etwas, das grösser ist als der Einzelne allein.

Über den tsc-Chor

Im tsc-Chor singen rund 80 Personen mit. Darunter sind Studierende, Mitarbeitende und Freunde des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc). Geleitet wird der Chor von Susanne Hagen, Studiengangsleiterin Theologie & Musik. Der Chor gibt im Frühsommer und in der Adventszeit jeweils zwei Konzerte.

Das nächste Chorkonzert findet statt am Samstag, den 25. April 2020, im Konferenzzentrum auf dem Chrischona-Campus.

Fotos: Knut Burmeister, ALLTAG

Eben-Ezer-Sessions am 18.10.2019: Melina (1500x500px) (Foto: Knut Burmeister, ALLTAG)

Eben-Ezer-Sessions: tsc-Bands on stage

Veranstaltungsrückblick

Impressionen der Eben-Ezer-Sessions vom 18. Oktober 2019

Die Bands des Studiengangs Theologie & Musik des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) trugen am 18. Oktober 2019 selbst geschriebene und gecoverte Lieder in der Eben-Ezer-Halle auf dem Chrischona-Campus vor. Im Rahmen dieser «Eben-Ezer-Sessions» zu hören waren zudem Poetry-Slammer und weitere Musiker.

Popsongs, Worshiplieder, Schlager

Der öffentliche Auftritt erfolgte rund sechs Wochen nach der Neuzusammenstellung der Bands zum Beginn des Studienjahres. Neben Studierenden der Theologie & Musik setzen sie sich auch aus Jahreskurslern mit dem Schwerpunkt Worship und aus Mitarbeitenden des tsc zusammen. Viele der rund 100 Zuschauer staunten darüber, welche Vielfalt an Liedern sich die Studierenden in dieser kurzen Zeit erarbeitet hatten. Jede Band trug zwei oder drei Lieder aus verschiedenen Musikgenres vor, darunter Worshipsongs, aber auch Pop- und Rockmusik oder Schlager. Die Schulung in verschiedenen musikalischen Genres gehört zu einer professionellen musikalischen Ausbildung. Deshalb ist der Studiengang Theologie & Musik entsprechend konzipiert.

Auch die anderen Studiengänge des tsc waren bei den Eben-Ezer-Sessions vertreten: So gab Theologiestudent Lukas Knierim einen Poetry-Slam zum Besten. Weitere Studierenden sorgten für eine stimmungsvolle Dekoration oder einen reibungslosen Barbetrieb mit Bierausschank und Hot Dogs.

Die «Eben-Ezer-Sessions» finden zweimal pro Studienjahr in der Eben-Ezer-Halle statt. Der Eintritt ist kostenlos. Nächster Termin ist Dienstag, der 12. Mai 2020.

Fotos: Knut Burmeister, ALLTAG

Zeit – Geist – Spiel: Dr. Andreas Loos und Kirstine Fratz (1500x500px)

Wenn Zeitgeist und Heiliger Geist miteinander spielen

Zeitgeistseminar mit Dr. Andreas Loos und Kirstine Fratz am tsc

Wenn Zeitgeist und Heiliger Geist miteinander spielen

Autor: Simon Baum, tsc-Student und Jugendpastor

Be-Geistert! Besser könnte man das Gefühl der rund 50 Teilnehmer des «Zeit–Geist–Spiels» des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) Mitte Oktober 2019 auf dem Chrischona-Campus kaum beschreiben. «Nicht werten, sondern staunen!» – dazu haben Dr. Andreas Loos (Theologe und Dozent des tsc) und Kirstine Fratz (Zeitgeistforscherin) zu Beginn des Seminars aufgefordert. Das Ziel wurde übertroffen: Aus Staunen wurde Begeisterung.

Kooperieren Heiliger Geist und Zeitgeist?

Das Image des Zeitgeistes ist nicht unbedingt das Beste – je nachdem, wo man hinhört in Gesellschaft und Kirche. Heiliger Geist gegen Zeitgeist, das ist bekannt. Deswegen stellten Kirstine Fratz und Andreas Loos die ungewöhnliche Frage in den Mittelpunkt: Kooperieren die beiden Geister nicht auch spielerisch miteinander?

Provokativ meinte der Theologe: «Wir dürfen dem Heiligen Geist nicht verbieten zu wehen, wo er will.» Und er fragte weiter: «Kann es sein, dass nicht der Zeitgeist die Menschen verführt, sondern wir den Zeitgeist?» Damit gemeint ist, wenn Menschen dem Zeitgeist Übernatürliches – ja Göttliches zuschreiben – das er gar nicht im Stande ist, zu halten. Der Zeitgeist, so Kirstine Fratz, sei ein temporäres Versprechen für ein gelungenes Leben. Die Frage stellt sich also: Wie kann ein guter Umgang mit dem Zeitgeist aussehen?

Das Seufzen des Zeitgeistes

Die Hamburger Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz ist überzeugt: «Der Zeitgeist hat uns viel mehr im Griff, als wir denken. Er durchdringt alle unsere Lebensbereiche.» Zudem sei er nicht etwas, das wir rein kognitiv erfassen. Oft würden wir ihn erstmal nur fühlen können. Was sich nach einem gelungenen Leben anfühlt, definiere der Zeitgeist immer wieder neu.

Kann dieser Geist aber wirklich etwas mit dem Heiligen Geist zu tun haben? Um diese Frage zu beantworten, müssten wir einen neuen Umgang mit dem Zeitgeist erlernen. Dafür sei es wichtig, so Fratz, nicht zu werten, sondern alles vorerst als blosse Information zu betrachten, was wir über den Zeitgeist entdecken. «Was hat das zu bedeuten?» sei die Schlüsselfrage. Die Antwort auf diese Frage verrate uns etwas über die Ursehnsüchte des Menschen.

Die Zeitgeistforscherin merkte an, dass der Zeitgeist ein ruhiger und feinfühliger Geist sei, der sich zurückzöge, wo es ihm zu laut werde. Stattdessen wehe er an verborgenen Orten, wo er über die ungestillten Sehnsüchte der Menschen flüstere – ja sogar seufze.

Der Theologe Dr. Andreas Loos und die Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz denken darüber nach, wie Heiliger Geist und Zeitgeist miteinander klar kommen.
Der Theologe Dr. Andreas Loos und die Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz denken darüber nach, wie Heiliger Geist und Zeitgeist miteinander klar kommen.

Geheiligtes Zeit-Geist-Spiel

«Der Kreislauf von Mangel, Begehren und Erfüllen ist eine wundervolle Gabe des Heiligen Geistes. Der Zeitgeist spielt damit und der Heilige Geist mutet uns dieses Spiel zu, damit es zu einem Spiel des Lebens wird.» Mit dieser herausfordernden These erklärte Andreas Loos das Zeit–Geist–Spiel. Wie aber kann dieses Spiel gelingen? Bei Betrachtung des Wirkens von Zeitgeist und Heiligem Geist falle auf, dass diese gar nicht so unterschiedlich agieren. Beide würden an verfestigten und zwanghaften Strukturen des Systems rütteln, die Leben hindern statt zu fördern. Sie zögen sich zurück, wo man sie verfügbar machen bzw. kontrollieren will.

Und: Sie tauchen dort auf, wo es niemand erwarten würde. Kirstine Fratz nannte die Heirat von Justin Bieber als Beispiel. Auf die Frage der Presse, weshalb Bieber sich in seinen jungen Jahren nicht noch etwas «austoben» möchte, antwortete der: «Ich habe eine Verantwortung gegenüber den Gefühlen meiner Frau.»

«Mich hat die Offenheit fasziniert!»

Am Ende des zweitägigen Seminars überwog das Staunen und die Begeisterung. Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichteten von neuen Zugängen zum Heiligen Geist bis hin zu Durchbrüchen von langjährigen seelischen Gefangenschaften. Stellvertretend für viele Seminarteilnehmer ist das Fazit von Pfarrer Markus Burkhart: «Mich hat die Offenheit fasziniert, sich den Zeitgeistphänomenen zu stellen. Also nicht gleich zu werten, sondern erstmal zu fragen: Was hat das zu bedeuten?»

Und die Referentin Kirstine Fratz erklärte: «Ich habe so vieles gelernt dieses Wochenende. Durch die tiefgehenden Einsichtigen über den Heiligen Geist habe ich den Geist im Zeitgeist ganz neu entdeckt.» Bei so viel Begeisterung ist klar: Das Zeit-Geist-Spiel ist noch lange nicht fertig – es hat gerade erst begonnen.

Das Zeitgeistseminar liefert den Teilnehmern viel Diskussionsstoff.
Das Zeitgeistseminar liefert den Teilnehmern viel Diskussionsstoff.

«Heiliger Geist trifft Zeitgeist»

Interview mit Kirstine Fratz und Andreas Loos

In einem ausführlichen Interview auf dem Blog der tsc-Internetseite erklären Kirstine Fratz und Andreas Loos ihre Thesen genauer. Sie beantworten unter anderem diese Fragen: Wie kommt man auf die Idee, dass Zeitgeist und Heiliger Geist etwas miteinander zu tun haben könnten? Worin unterscheiden sie sich? Und was verbindet sie?

Das Theologische Seminar St. Chrischona hat die Mitschnitte der Einführungsreferate von Kirstine Fratz und Andreas Loos auf seinem Soundcloud-Kanal veröffentlicht (siehe oben). Die weiteren Referate des Zeitgeistseminars wurden ebenfalls mitgeschnitten, stehen aber exklusiv den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars zur Verfügung.

tsc-Jubiläumstreffen 2019: 50 Jahre Jubiläum (Abschlussklasse 1969) 1500x500px

Generationen ermutigen einander

tsc-Jubiläumstreffen 2019

Generationen ermutigen einander

In seiner rund 180-jährigen Geschichte hat das Theologische Seminar St. Chrischona (tsc) Generationen von Christen ausgebildet. Beim Jubiläumstreffen am 15. und 16. Oktober 2019 auf dem Chrischona-Campus begegneten sie sich – und ermutigten einander.

Generationenübergreifender Gottesdienst

Einer der Höhepunkte des Jubiläumstreffens war der generationenübergreifende Gottesdienst, den Jubilare, Studierende, Mitarbeitende und Dozierende gemeinsam feierten. Dazu wählte die Lobpreisband Herzenslieder verschiedener Generationen aus. Darunter: «Du grosser Gott», «Die Gott lieben werden sein wie die Sonne» und «My Lighthouse». Die Predigt bestand aus jeweils einem Impuls einer Studentin und eines Jubilars zum Doppelgebot der Liebe. Der Effekt war ein wechselseitiger: Studierende und Dozierende des tsc wurden von den Geschichten und Erfahrungen der Jubilare mit Gott neu ermutigt. Die Jubilare aktualisierten ihre Erinnerungen ans tsc und schöpften neue Hoffnung für die Zukunft.

Rund 100 Jubilare folgten der Einladung des tsc

Das tsc-Jubiläumstreffen 2019 fand erstmals als zweitägiger Anlass ausserhalb der früheren Chrischona-Jahreskonferenzen statt. Eingeladen waren alle Absolventinnen und Absolventen des tsc, deren Aussendung 10, 20, 30, 40, 50 oder 60 Jahre zurückliegt. Rund 100 Jubilare folgten der Einladung, an ihre alte Ausbildungsstätte zurückzukehren. Die grösste Gruppe stellten die 40-jährigen Jubilare, von denen 30 gekommen waren. Die zweitgrösste Gruppe bildeten die 50-jährigen Jubilare mit 21 Teilnehmern. Das Wiedersehen mit den ehemaligen Klassenkameraden und dem Chrischona-Campus sind die zwei Hauptgründe, warum die Jubilare sich über die Möglichkeit zum Treffen sehr freuen.

Wie Japaner zum Glauben kommen

Von den 60-jährigen Jubilaren konnten sieben teilnehmen. Eine von ihnen ist die 85-jährige Lotte Mattmüller, die 1959 den Oberkurs an der Bibelschule für Frauen abschloss. Sie berichtete aus ihrem über 30-jährigen Einsatz mit ÜMG Schweiz in Japan. Etwa wie Japaner zum Glauben gekommen sind. «Es ist immer ein Wunder, wenn jemand zum Glauben kommt. Geholfen dabei hat der persönliche Kontakt und das Weitergeben des Wortes Gottes», so Lotte Mattmüller.

Was das Studium am tsc brachte

Ein weiterer tsc-Absolvent von 1959 ist der 84-jährige Werner Buchholz. Er war unter anderem im bessarabischen Gemeinschaftsverband und als Pastor der Nordkirche tätig. Über seine theologische Ausbildung auf St. Chrischona sagte er: «Sie war mir eine Hilfe, das Wort Gottes noch tiefer ins Herz und ins Leben hineinzunehmen.» Er wünschte sich, dass sich Christen wieder mehr als «Botschafter an Christi statt» verstehen. «Botschafter sind keine unabhängigen Verkündiger, sie müssen hören, was Jesu Auftrag für sie ist.»

Was sich in den Brüchen des Lebens bewährt

Insgesamt entlockte tsc-Mitarbeiter René Winkler bei der offiziellen Jubilarenfeier rund einem Dutzend Absolventinnen und Absolventen Einblicke in ihre Lebensgeschichte. Dabei wurde auch deutlich, was sich in den kleinen und grösseren Brüchen bewährt. Mehrere Jubilare berichteten, dass sie in solchen Situationen von Gott besonders stark getragen gefühlt haben. Wichtig sei es, sich immer wieder Zeit für das Wort Gottes zu nehmen, an seinen Verheissungen festzuhalten und sich seiner Berufung neu gewiss zu werden. Frank Spatz, tsc-Absolvent von 1999 und Generalsekretär des Ev. Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, erklärte in der Retrospektive: «Gott hat immer wieder Überraschungen für mich. Es lohnt sich, das zu wagen, was Gott mit mir vorhat.»

Dolfi Annen, tsc-Absolvent 1979, und Franziska Chiavi, tsc-Studentin seit 2017, verkündigten beide das Doppelgebot der Liebe.
Dolfi Annen, tsc-Absolvent 1979, und Franziska Chiavi, tsc-Studentin seit 2017, verkündigten beide das Doppelgebot der Liebe.
René Winkler interviewt Lotte Mattmüller und Werner Buchholz.
René Winkler interviewt Lotte Mattmüller und Werner Buchholz.
tsc-Jubiläumstreffen 2019: 50 Jahre Jubiläum (Abschlussklasse 1969)
tsc-Jubiläumstreffen 2019: 50 Jahre Jubiläum (Abschlussklasse 1969)
Rektor Benedikt Walker heisst die Jubilare herzlich willkommen zum Jubiläumstreffen 2019.
Rektor Benedikt Walker heisst die Jubilare herzlich willkommen zum Jubiläumstreffen 2019.

Hintergrundinformationen vom tsc

Informationen zum tsc erhielten die Jubilare von Rektor Benedikt Walker. Er erklärte ihnen die Hintergründe der strukturellen Veränderungen, die das tsc durchlaufen hat. Seit 2019 ist das Theologische Seminar St. Chrischona rechtlich eigenständig. Neu knüpft es das tsc-Netzwerk. Denn: «Gute theologische Ausbildung funktioniert nur im Zusammenspiel mit Gemeinden, Freunden und Partnern», wie Benedikt Walker erklärte.

Persönliches Update von René Winkler

René Winkler, der ehemalige Direktor von Chrischona International, ist seit 2019 als Leiter Weiterbildung des tsc tätig. Sehr persönlich berichtete er darüber, wie er die Veränderungen und eine Auszeit erlebt hat: «Die Auszeit hatte ein Ziel: mich ganz auszufädeln aus der bisherigen Rolle. Ich kann sagen: Das ist gelungen. Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut! Am tsc konzentriere ich mich auf Inhalte und Beziehungen: Weiterbildungsangebote für Ehrenamtliche entwickeln, den Kontakt zu tsc-Absolventen pflegen und intensivieren sowie als Referent zur Verfügung stehen.»

Kirstine Fratz, Zeitgeistforscherin und Autorin (3000x1000px)

Heiliger Geist trifft Zeitgeist

Interview mit Kirstine Fratz und Dr. Andreas Loos

«Zeitgeist und Heiliger Geist wollen uns beide wachsen sehen!»

Die Hamburger Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz und tsc-Dozent Dr. Andreas Loos luden im Oktober 2019 zu einem Wochenendseminar auf den Chrischona-Campus ein. Dabei stellten sie Zeitgeist und Heiligen Geist als Spielgefährten vor. Im Interview erklären sie, wie das «Zeit – Geist – Spiel» zu verstehen ist.

tsc: Frau Fratz, als Zeitgeistforscherin haben Sie die Antennen weit ausgefahren ins Leben der Menschen und der Gesellschaft. Leben wir in einer Zeit, die von allen guten Geistern verlassen ist?

Kirstine Fratz: Der Gedanke kommt einem sicherlich schnell, schaut man sich um in den aktuellen Problemfeldern der Zeit. Die Kunst ist es aber, zwischen den Feldern wieder Kontakt mit den guten Geistern aufzunehmen und zu erkennen, wo neuer Wille für Versöhnung und Heilung gestartet wird. Dieser kommt oft in ganz anderen Formen und Farben, als wir es von vergangenen Zeitgeistern gewohnt sind. Daher fällt es uns häufig schwer es zu sehen, weil wir uns die guten Geister so noch nicht vorgestellt haben.

So glauben wir etwa, dass die demografische Verschiebung und der vermeintliche Verfall von familiären Werten die Grundlagen unserer Gesellschaft zerstören, und erkennen nicht, dass gerade diese Verschiebung das Konzept Familie neu hat atmen lassen. Ein Phänomen für diesen guten Geist ist, dass besonders junge Frauen wieder zunehmend Lust auf Mutterschaft haben. Denn der neue gesellschaftliche Kontext macht es für sie wieder attraktiv. Und sie haben das Gefühl, es ist Zeit, das Thema wieder positiv für ihr Leben zu bewerten. Eine Entwicklung, die für uns so vorher nicht erkennbar war.

tsc: Der Zeitgeist, über den Sie schreiben: Wer ist er und was macht er?

Kirstine Fratz: Er ist eine sehr machtvolle und kreative Kraft. Der Zeitgeist hat die Macht, unser Denken, Handeln und Fühlen zu verändern. Das macht vielen Menschen Angst und manche verteufeln ihn sogar dafür.
Der Vorwurf, der dem Zeitgeist immer wieder gemacht wird, ist, dass er destabilisiert, Werte mit Füssen tritt, oberflächlich und launisch wäre. Das ist allerdings eine recht oberflächliche Sichtweise auf sein Werk. In der Tat steht er nicht für Stabilität, Bewahren und Erhalten. Doch was passiert mit einer Gesellschaft, die versucht, sich vor Bewegung und Veränderung zu schützen? Das System erstarrt und bietet zunehmend Raum für Macht, Schmerz und Leid.
Der Zeitgeist bricht erstarrte Strukturen auf, nimmt sich der darin entstandenen Defizite und Sehnsüchte an und bietet neue Möglichkeiten, diese zu erfüllen. Diese Dynamik erscheint einem oft erst als eine Bedrohung, ein Vorzeichen für den Untergang. Doch ist es meist eine neue Annäherung an etwas Lebenswichtiges, was im alten System zu sterben drohte. Und dann verlieren wir wie von Zauberhand auf einmal die Lust so viel Alkohol zu konsumieren wie einst, bevor unser Körper uns wichtig wurde. Wir verzichten darauf, unsere Kinder einfach zum Gehorsam zu erziehen, weil wir sie auf einmal in ganzer Blüte und Entfaltung sehen wollen. Und junge Frauen wollen plötzlich nicht mehr auf Mutterschaft warten, wie sie es im alten System gelernt haben.
Das alles sind immer wieder neue Chancen, die Gesellschaft lebendig und damit auch gesünder zu gestalten.

Kirstine Fratz, Zeitgeistforscherin (768x1024px)
Kirstine Fratz, Zeitgeistforscherin und Autorin

Der Vorwurf, der dem Zeitgeist immer wieder gemacht wird, ist, dass er destabilisiert, Werte mit Füssen tritt, oberflächlich und launisch wäre. Das ist allerdings eine recht oberflächliche Sichtweise auf sein Werk. In der Tat steht er nicht für Stabilität, Bewahren und Erhalten. Doch was passiert mit einer Gesellschaft, die versucht, sich vor Bewegung und Veränderung zu schützen? Das System erstarrt und bietet zunehmend Raum für Macht, Schmerz und Leid. (Kirstine Fratz)

tsc: Andreas Loos, wie kommst du auf die Idee, der Heilige Geist könnte etwas mit dem Zeitgeist zu tun haben?

Andreas Loos: Eben, weil er heilig ist. Das heisst für einen Theologen, dass ich dem Heiligen Geist nicht vorschreiben sollte, wo und wie er wirkt. Leider hat die Christenheit das immer wieder getan und den Heiligen Geist zu einseitig mit Erlösung verknüpft und an die Institution Kirche geknüpft. Diese starre Entgegensetzung von Kirche und Gesellschaft, Heiligem Geist der Gläubigen und unheiligem Geist der Zeit hat mich lange blind gemacht dafür, wie weit und tief der Heilige Geist sich einlässt auf das Leben. Die Bibel erzählt, wie der Heilige Geist jeden Menschen zu einer lebendigen Seele macht, zu bedürftigen Mängelwesen mit Hunger und Durst nach Leben, Liebe und Glück. Er inspiriert, begabt und ermächtigt Menschen dazu, liebe- und lustvoll die Schöpfung aufblühen zu lassen, Neues hervorzubringen, Schönes zu erschaffen – häufig geradezu spielerisch. Und dort, wo wir uns auf Geister, Prinzipien und Strukturen eingelassen haben, die das Leben entheiligen und bedrohen, da erfüllt der Heilige Geist Menschen mit neuen Ideen, mutigen Handlungsweisen und erstaunlich resilienter Welthoffnung. So belebt er, was tot ist, bewegt, was erstarrt ist, befreit, was zwanghaft ist, und stimmt neu an, was verstummt ist.

Wenn nun die Zeitgeistforschung von spontanen und unerwarteten Zeitgeistbewegungen berichtet, welche die lebensuntauglichen und starren Vorgaben des Zeitgeistes für ein erfülltes Leben aufbrechen und überbieten, dann frage ich mich: Woher kommt diese selbstregulierende Kraft des Zeitgeistes? Steckt dahinter etwa das stille und unaufdringliche Handeln des Heiligen Geistes?

Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie.
Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie.

Diese starre Entgegensetzung von Kirche und Gesellschaft, Heiligem Geist der Gläubigen und unheiligem Geist der Zeit hat mich lange blind gemacht dafür, wie weit und tief der Heilige Geist sich einlässt auf das Leben. (Dr. Andreas Loos)

tsc: Mit dem Zeitgeist spielen – ist das eher Risiko oder Verheissung?

Kirstine Fratz: Es ist beides. Sich auf verheissungsvolles Terrain zu wagen, ist immer mit einem Risiko verbunden. Doch die Verheissung lässt uns dieses Risiko oft erst eingehen. Verheissung ist immer auch Antrieb, etwas zu wagen, zu hoffen und zu erfahren.

Andreas Loos: Keine Verheissung ohne Risiko, das hat letztlich damit zu tun, dass Gott Liebe ist und mit uns Liebe verwirklichen will. Und zwar in der Kraft des Heiligen Geistes, der Liebe Gottes in unseren Herzen (Römer 5,5). Liebe kann die Gegenliebe weder erzwingen, noch verfügen, noch manipulieren. Ich glaube, dass Gott selbst das Wagnis und Risiko der Liebe eingegangen ist. Und ich hoffe, dass die Verheissung von Leben und Liebe uns immer wieder lockt. Das hat nichts mit leichtfertigem Zocken zu tun, wohl aber mit gelassener Freiheit, Fehler zu machen und zu scheitern. Wie Petrus: Lieber mal absaufen mit Jesus, aber dafür mit ihm über das Wasser gehen.

Lieber mal absaufen mit Jesus, aber dafür mit ihm über das Wasser gehen. (Dr. Andreas Loos)

tsc: Lassen sich Zeitgeist und Heiliger Geist klar unterscheiden?

Kirstine Fratz: Der Zeitgeist ist das Fieber des Neuen. Seine Kraft ist die Erneuerung, seine Vision das Unvorstellbare, seine Macht die Resonanz. Er strebt, er sehnt, er drängt und treibt und gibt uns keine Ruhe. Denn würde er uns in Ruhe lassen, so würden wir den anderen Geistern zu viel Raum geben. Den trägen und vertrauten Geistern, die uns eigensinnig machen und entmutigen. So erinnert er uns stets an die Freiheit des Denkens und des Gestaltens. Das ist beschwerlich und auch euphorisch, denn durch den Zeitgeist haben wir die Möglichkeit, uns und unserer Welt immer wieder neu zu begegnen. So ist der Zeitgeist stets temporär, der Heilige Geist in seinem Streben aber ewig und unverrückbar in seinem Wollen und in seiner Liebe. Ihre Herangehensweise an den Menschen ist klar zu unterscheiden, doch in Ihrem Wirken tun sich ähnliche Absichten und Ziele auf.

Andreas Loos: Theologisch ist das gar nicht so einfach. Nämlich dort, wo die guten Geister des Menschen zusammenspielen mit dem Heiligen Geist. Ein Beispiel: Der Heilige Geist ruft im Herzen der Gläubigen «Abba, lieber Vater» (Galater 4,6). Aber das schliesst die Gläubigen und ihren Geist nicht aus, sondern setzt sie frei. Sie rufen jetzt selbst «Abba, lieber Vater», weil der Heilige Geist ihrem Geist bezeugt, dass sie Gottes Kinder sind (Römer 8,15–16). Hier sind beide untrennbar am Werk. Andererseits gibt es klare Kriterien für die Unterscheidung der Geister. Etwa überall dort, wo Angst, Zwang und Gewalt geschürt werden, haben wir es nicht mit dem Heiligen Geist der Freiheit zu tun.

Der Zeitgeist ist das Fieber des Neuen. Seine Kraft ist die Erneuerung, seine Vision das Unvorstellbare, seine Macht die Resonanz. Er strebt, er sehnt, er drängt und treibt und gibt uns keine Ruhe. (Kirstine Fratz)

tsc: Zeitgeistforschung trifft Theologie, und Sie nennen das «Zeit – Geist – Spiel». Welche thematischen Bälle spielen Sie sich gegenseitig zu?

Kirstine Fratz: Wir werden gemeinsam beleuchten, wie sich das Wirken des Zeitgeistes im Sinne des Heiligen Geistes darstellt. Wir werden uns voller Schöpfergeist darüber beraten, ob es nicht an der Zeit ist, die strikte Trennung zwischen Glauben und Zeitgeist liebevoll aufzulösen. Für weniger Angst und mehr Versöhnung, die zu neuem Mut, Hoffnung und Freude für das Wirken von den beiden Geistern führen kann. Wir haben uns vorgenommen, ein Tabuthema anzupacken, weil wir nicht mehr daran glauben, dass diese beiden Kräfte sich nicht leiden können, sondern beide uns gerne frei und wachsen sehen.

Andreas Loos: Ich werde ein paar zeitgeistsensible Facetten des Heiligen Geistes ins Spiel bringen, die eher in Vergessenheit geraten sind. Zum Beispiel, dass jeder Mensch mit dem Heiligen Geist zu tun hat und ihm den herrlichen Kreislauf von Mangel, Begehren und Erfüllung verdankt, durch den wir zu Gott, zueinander und zu uns selbst finden. Oder die schöpferische, künstlerische und spielerische Seite des Heiligen Geistes, die uns kreativ und spielerisch macht. Ach ja, und dass der Heilige Geist es liebt, unsere Zeit zu erfüllen, wenn sie reif dafür ist, um unserem Geist zuzuflüstern, dass wir geliebte Kinder des Höchsten sind. Ich bin ziemlich neugierig, was wir und alle Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer auf dieser weiten Spielwiese entdecken und erleben werden.

Wir haben uns vorgenommen, ein Tabuthema anzupacken, weil wir nicht mehr daran glauben, dass diese beiden Kräfte sich nicht leiden können, sondern beide uns gerne frei und wachsen sehen. (Kirstine Fratz)

tsc: Sie wollen dazu beitragen, dass die Menschen zu mündigen Zeitgeistteilnehmerinnen und -teilnehmern werden. Woran denken Sie dabei?

Kirstine Fratz: Mündigkeit entsteht durch Bewusstheit. Für den Zeitgeist fehlt oft das Bewusstsein für seine Dynamik. Meistens halten wir uns im Bewerten und Urteilen auf und erkennen dabei nicht die Chancen. Zeit – Geist – Spiel soll eine neue Wahrnehmung schulen für die gestalterische Kraft der beiden Mächte und der gestalterischen Kraft in uns selbst. Das macht uns mündig, um mit beiden Mächten in einen spielerischen Austausch zu gehen und dann zu erschaffen, was uns als sinnvoll erscheint. So bleiben wir frei in der Entscheidung und doch angebunden an die Schönheit des Ewigen und die Chancen des Temporären.

Andreas Loos: Angstfähig werden. Damit meine ich, sich selbst als Zeitgeistteilnehmer an- und ernst zu nehmen. Den durchaus furchteinflössenden Seiten des Zeitgeistes ins Auge schauen, aber manchen Spuk auch durchschauen. Über sich selbst lachen und dem Heiligen Geist zutrauen, dass er mich hält, wenn die nächste Zeitgeistwelle auf mich zurollt. Aber noch mehr. Spiritualität ist die Kunst, geistbestimmt zu leben (ars spiritualis). Das will gelernt und eingeübt werden. Mündig ist, wer sich immer wieder dafür entscheidet und dabei Fehler und Scheitern nicht scheut. So entdecke ich mit anderen, wie der Heilige Geist zur passenden Zeit das Gute zu mir kommen lässt, mich zum Guten kommen lässt – manchmal trotz, aber immer wieder auch mit Hilfe des Zeitgeistes.

So entdecke ich mit anderen, wie der Heilige Geist zur passenden Zeit das Gute zu mir kommen lässt, mich zum Guten kommen lässt – manchmal trotz, aber immer wieder auch mit Hilfe des Zeitgeistes. (Dr. Andreas Loos)

Vorstand des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit tsc-Vertretern (1500x500px)

Gnadauer auf Chrischona

Foto: Der Gnadauer Vorstand trifft sich vor der Mitgliederversammlung mit Vertreterinnen und Vertretern des tsc.

Mitgliederversammlung 2019 des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes

Gnadauer auf Chrischona

Das Theologische Seminar St. Chrischona (tsc) war vom 12. bis 14. September 2019 Gastgeber der Mitgliederversammlung des Ev. Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Die rund 80 Delegierten erlebten drei intensive Tage und lernten nebenbei das tsc besser kennen.

Gnadau und tsc sind eng verbunden

Lange ist es her, dass der hauptsächlich aus deutschen Werken und Gemeinschaftsverbänden bestehende Gnadauer Gemeinschaftsverband auf St. Chrischona in der Schweiz tagte. Vor der diesjährigen Mitgliederversammlung war dies zuletzt 1995 der Fall.

Das Theologische Seminar St. Chrischona ist mit der Gemeinschaftsbewegung aber eng verbunden. Rund ein Dutzend Delegierter der Gnadauer Mitgliederversammlung haben selbst am tsc studiert. Im langfristigen Trend stammen rund 50 Prozent aller tsc-Studenten aus Deutschland, viele davon aus Gemeinden des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Zudem ist das tsc Gründungsmitglied im neuen Gnadauer Bündnis für Lernen und Arbeiten im Gnadauer Verband. Und René Winkler, Leiter Weiterbildung am tsc, ist Mitglied im Gnadauer Vorstand. Im März 2019 hat das tsc mit rund 80 Teilnehmern beim Upgrade-Kongress des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes in Willingen teilgenommen und mitgearbeitet.

Die Generation Lobpreis in der Gemeinschaftsbewegung

Den Upgrade-Kongress auszuwerten war auch ein wichtiger Tagesordnungspunkt der Gnadauer Mitgliederversammlung auf St. Chrischona. Ausserdem war Thema, wie die Generation Lobpreis besser in die Gemeinschaftsbewegung eingebunden werden kann. Dazu waren unter anderem Tobias Faix (Professor für Praktische Theologie und Autor) und Andreas Boppart (Leiter Campus für Christus in Deutschland, Österreich, Schweiz) als Gastreferenten eingeladen.

Um die Generation Lobpreis theologisch und musikalisch gut auszubilden, bietet das Theologische Seminar St. Chrischona seit 2016 den Bachelorstudiengang Theologie & Musik an. Vier Sänger und Liederschreiber aus diesem Studiengang gaben am Abend des zweiten Sitzungstages ein Konzert für die Delegierten der Gnadauer Mitgliederversammlung. Dabei präsentierte Carolin Feuchtmeyer mit einer Band auch ihr selbst geschriebenes Lied «You know», das im Rahmen der Eben-Ezer-Sessions auf Video aufgenommen worden ist.

«Ganz grosses Gnadauer Kino!»

Eine Mehrheit der Gnadauer Delegierten besuchte den Chrischona-Campus während der Mitgliederversammlung zum ersten Mal. Viele zeigten sich beeindruckt von der Grösse, Ruhe und Spiritualität des Campus. Auch die Bibelarbeiten, welche die tsc-Dozenten Susanne Hagen, Andreas Loos und Debora Sommer am Morgen der Sitzungstage hielten, stiessen auf Resonanz. In einem Dankwort an das tsc erklärte Präses Michael Diener: «Wir erlebten einen schönen, grossen Tagungsraum, tolle Dozenten und eine einmalige musikalische Begleitung – das war ganz grosses Gnadauer Kino. Vielen Dank dafür!»

Gnadauer auf Chrischona: Präses Michael Diener
Gnadauer-Präses Michael Diener bedankt sich beim Theologischen Seminar St. Chrischona herzlich für die Gastfreundschaft: «Wir erlebten einen schönen, grossen Tagungsraum, tolle Dozenten und eine einmalige musikalische Begleitung – das war ganz grosses Gnadauer Kino.»
Dr. Benedikt Walker, der Rektor des tsc, begrüsst die Delegierten der Gnadauer Mitgliederversammlung auf dem Chrischona-Campus.
Dr. Benedikt Walker, der Rektor des tsc, begrüsst die Delegierten der Gnadauer Mitgliederversammlung auf dem Chrischona-Campus.
Die Delegierten der Gnadauer Mitgliederversammlung geniessen die Ruhe und das spätsommerliche Wetter auf dem Chrischona-Campus.
Die Delegierten der Gnadauer Mitgliederversammlung geniessen die Ruhe und das spätsommerliche Wetter auf dem Chrischona-Campus.
Gnadauer auf Chrischona: Song Gabriel Portner
tsc-Student Gabriel Portner spielt vor den Gnadauer Delegierten sein selbst geschriebenes Lied «Königskind und Löwenherz».
tsc-Start 19/20: Neue Studierende (1500x500px)

Jetzt geht das Studium los!

Bericht vom Studienstart 2019

Theologisches Seminar St. Chrischona (tsc) startet mit 54 «Ersties» ins 180. Studienjahr

Das Theologische Seminar St. Chrischona ist mit 33 neuen Studierenden sowie 21 neuen Gasthörerinnen und Gasthörern ins 180. Studienjahr gestartet (Stand: 5.9.). In den Einführungstagen mit abwechslungsreichem Programm hiess die 141-köpfige Studiengemeinschaft die «Ersties» herzlich willkommen.

Vor dem Unterrichtsbeginn am 2. September hatte die Studiengemeinschaft am tsc bereits ein viertägiges Programm erlebt. Dies umfasste Infoanlässe, Lobpreiszeiten, Gottesdienste, Bibelarbeiten und ein grosses Fest mit Westernthema. Rektor Benedikt Walker formulierte die Idee hinter der abwechslungsreichen Einführung: «Theologie studieren am tsc ist mehr als akademische Ausbildung. Es ist auch Persönlichkeitsentwicklung – und ein geistlicher Weg, den wir als Studiengemeinschaft gemeinsam gehen wollen.»

Was den Ausschlag fürs tsc gab

Die Mischung aus hoher Studienqualität und lebendiger christlicher Gemeinschaft gab für viele der neuen Studierenden den Ausschlag, sich für einen der drei theologischen Bachelorstudiengänge oder den Jahreskurs am tsc zu bewerben. Bei der Wahl der Studiengänge zeigte sich ein konstantes Interesse an Theologie & Musik, der mit zehn neuen Studierenden ins vierte Jahr startet und bereits erste Absolventen hat.

Die neuen Studierenden freuten sich darüber, dass sie die Studiengemeinschaft während der Einführungstage besser kennengelernt haben. Zum Beispiel der 25-jährige Robin Nägeli aus Uster, der den Studiengang Kommunikative Theologie beginnt. Er sagte: «Ich finde es schön, wie offen die Menschen am tsc sind und einen kennenlernen wollen. Das ist angenehm und erleichtert den Einstieg».

Impulsgeber von der Kommunität Don Camillo

Als Impulsgeber der geistlichen Weggemeinschaft am tsc war Pfarrer Heiner Schubert eingeladen. Der Leiter der Kommunität Don Camillo in Montmirail erzählte Anekdoten und gab Erkenntnisse weiter aus seiner 40-jährigen Lebenserfahrung in der Kommunität. Etwa, dass Gemeinschaft dazu herausfordere, sich mit dem eigenen Schatten auseinanderzusetzen. Also mit schwierigen Seiten der eigenen Persönlichkeit, die gerne verdrängt werden.

Kreative Ansätze statt Vorträge

Die Aufmerksamkeit war Heiner Schubert sicher, als er biblische Gleichnisse in Form von Zeichnungen nacherzählte. Ein kreativer Ansatz, der durch interaktive Formen des Bibellesens und Gruppenarbeiten ergänzt wurde. Beispielsweise tauschte sich die Studiengemeinschaft in einem «Speed-Dating» paarweise über Bibeltexte aus. Manche der neuen Studierenden waren positiv überrascht, dass sich dies hinter dem Begriff der geistlichen Einführungstage verbarg. Die Kommunikative Theologie, die am tsc gelehrt und erarbeitet wird, wirkt sich eben auch auf die Methodik aus.

tsc-Start 19/20: Neue Studierende (1500x1000px)
Zum Studienjahr 2019/20 haben 32 neue Studierende einen Bachelorstudiengang oder den Jahreskurs am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc) begonnen.
Pfarrer Heiner Schubert und Dr. Benedikt Walker (Rektor tsc)
Pfarrer Heiner Schubert (im Foto links) von der Kommunität Don Camillo gibt geistliche Impulse für die Studiengemeinschaft am tsc.
tsc-Start 19/20: Bibellesemethode Speed-Dating
Kreative Bibellesemethode: In der Form eines Speed-Datings kommen die Studentinnen und Studenten über einen Bibeltext ins Gespräch.

Fernstudierende lernen E-Dozierende kennen

Ebenfalls zur Studiengemeinschaft des tsc gehören die sechs neuen Fernstudierenden des Bachelorstudiengangs Kommunikative Theologie. Für sie war die Teilnahme an den Einführungstagen freiwillig. Die meisten von ihnen nutzen gerne die Möglichkeit, ihre Dozentinnen und Dozenten sowie den Chrischona-Campus persönlich kennenzulernen.

Alle neuen Studierenden betonten die angenehme Stimmung und die Wichtigkeit dieses gemeinsamen Starts, der das Ausrufezeichen hinter den Satz setzte: Jetzt geht das Studium los!

Das Theologische Seminar St. Chrischona (tsc) bietet seit 1840 theologische Aus- und Weiterbildung an. Das tsc-Studienangebot umfasst die Bachelorstudiengänge Kommunikative Theologie (Präsenz- und Fernstudium), Theologie & Pädagogik, Theologie & Musik sowie den tsc-Jahreskurs.

tsc-Graduierungsfeier 2019: Absolventinnen mit den besten Bachelorarbeiten (3zu1)

Abschluss zur richtigen Zeit

Bericht von der Graduierungsfeier 2019

18 tsc-Absolventen erhalten Abschlusszeugnisse

Zum ersten Mal fand die Graduierungsfeier des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) vor Beginn des neuen Studienjahres auf dem Chrischona-Campus statt. Am Freitag, den 30. August 2019, überreichten die Studiengangsleiter 18 Absolventinnen und Absolventen vor der versammelten Studiengemeinschaft die Abschlusszeugnisse ihres Bachelorstudiums.

Dreimal die Bestnote

Eine Premiere war die Zeugnisübergabe an die ersten drei Bachelorabsolventen des Studiengangs Theologie & Musik. Den Bachelorstudiengang Kommunikative Theologie schlossen zwölf Absolventen ab. Hinzu kommen drei Absolventinnen des Bachelorstudiengangs Theologie & Pädagogik. Alle drei Studiengänge sind von der Middlesex University London validiert. Die Bestnote «1st class Honours» erhielten drei Absolventinnen, die übrigen Absolventen schlossen ihr Bachelorstudium mit «2nc class Honours» ab.

Studium als Beginn eines lebenslangen Bildungsprozesses

Dr. Benedikt Walker, der Rektor des tsc, gratulierte den diesjährigen Absolventen zu ihren guten Studienleistungen. Er machte ihnen Mut, «sich auf den lebenslangen Bildungsprozess zwischen Theorie und Praxis einzulassen». Dafür sei das drei- oder vierjährige Studium am tsc erst der Anfang gewesen. Neben der Vermittlung von Wissen habe es die Grundlage gelegt habe, Reflexions- und Sprachfähigkeit zu entwickeln.

tsc-Studium vorbildlich fürs Studieren im 21. Jahrhundert

Glückwünsche überbrachte auch Dr. Johan Siebers, der Vertreter der Middlesex University. Er wies auf die erfolgreiche 20-jährige Partnerschaft zwischen Middlesex und tsc hin, die eine gegenseitige Bereicherung darstelle. So lobte er das Konzept des Studierens am Theologische Seminar St. Chrischona als vorbildlich für das 21. Jahrhundert. Es sei «individuell ausgeprägt, eingebettet in eine Gemeinschaft, getragen von wirklicher Einheit zwischen Theorie und Praxis und offen für die Welt», so Dr. Siebers.

Präsentation der besten Bachelorarbeiten

Eine spannende Neuerung war die Präsentation der besten Bachelorarbeiten im Rahmen der Graduierungsfeier. Die Feier transportierte auf diese Weise mehr Inhalte aus dem Studium der Absolventen. Tabea Reichenbach, Nadine Bär und Mira Stubbig präsentierten die Erkenntnisse ihrer ausgezeichneten Arbeiten. Zum Beispiel untersuchte Theologieabsolventin Tabea Reichenbach, was das Vollkommenheitsverständnis Jesu aus Matthäus 5,48 für Perfektionisten bedeutet. Eine ihrer Erkenntnisse: «Jesus möchte ein ungeteiltes Herz, nicht aber die Fehlerlosigkeit, nach welcher der Perfektionist strebt.»

tsc-Graduierungsfeier 2019: Absolventen
Die Absolventinnen und Absolventen 2019 der Bachelorstudiengänge des Theologischen Seminars St. Chrischona freuen sich über ihren Studienabschluss.
tsc-Graduierungsfeier 2019: Dr. Johan Siebers und Dr. Benedikt Walker
Dr. Johan Siebers, Linktutor der Middlesex University (im Foto links), und Dr. Benedikt Walker, Rektor tsc, sind die Herren des Verfahrens. Sie freuen sich über die vielen guten Studienleistungen der Absolventinnen und Absolventen.
tsc-Graduierungsfeier 2019: Absolventinnen mit den besten Bachelorarbeiten (4zu3)
Tabea, Nadine und Mira haben die besten Bachelorarbeiten in ihrem jeweiligen Studiengang geschrieben. Während der Graduierungsfeier stellten sie ihre Arbeiten und die gewonnenen Erkenntnisse vor.

«Mein Studium hatte seine Zeit, der Dienst hat jetzt seine Zeit»

Die Graduierungsfeier ist der letzte offizielle Akt des Studiums am Theologischen Seminar St. Chrischona. Für die Absolventen ist damit ein Lebensabschnitt beendet. Beat Müller, Theologieabsolvent 2019, wies in seinem Schlusswort für die Abschlussklasse darauf hin, dass der Abschluss für ihn genau zur richtigen Zeit komme. «Heute schliesse ich das Studium ab, am Sonntag werde ich eingesetzt als neuer Pastor in der Chrischona-Gemeinde in Mattwil. Mein Studium hatte seine Zeit, der Dienst in der Gemeinde hat jetzt seine Zeit.»

Communicatio-Magazin 1/2019: Nur eine Illusion? Ist Gott nur ein Produkt des Gehirns? (Foto: © francescoch / www.istockphoto.com)

Ist Gott nur ein Produkt des Gehirns?

Artikel aus dem Communicatio-Magazin 1/2019

Nur eine Illusion?

Die guten Gründe der Hirnforschung unter die Lupe genommen (Autor: Dr. Dr. Beat Schweitzer)

Die Hirnforschung fördert erstaunliche und faszinierende Erkenntnisse zutage. Beweist sie auch, dass Gott letztlich nicht mehr als eine Konstruktion ist? Ein nützliches Evolutionsprodukt unseres Gehirns? Dr. Dr. Beat Schweitzer, Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Ethik, ist Biologe und Theologe. In diesem Artikel, der im Communicatio-Magazin 1/2019 erschienen ist, geht er den Erkenntnissen der Hirnforschung nach und entwickelt Gegenargumente: Dass eine Begegnung mit Gott nachweislich Zustände in unserem Gehirn auslöst, kann auch ein Hinweis darauf sein, dass es diesen Gott tatsächlich gibt. Dr. Dr. Schweitzer schreibt:

Sitzt Gott im rechten Schläfenlappen? So fragt der Umschlagtext auf dem Buch «Der gedachte Gott» des Hirnforschers Andrew Newberg. Weiter steht dort:

«Warum Menschen Götter haben, beschäftigte bislang vor allem Kulturforscher. Nun haben Mediziner den Ursprung der Religion im menschlichen Gehirn lokalisiert. Durch Experimente finden die Autoren heraus, was im Gehirn vor sich geht, wenn Menschen beten. Ihr sensationeller Befund: Ob Christen oder meditierende Buddhisten – es werden die gleichen Hirnzellen auf die genau gleiche Art aktiviert. Religion ist messbar! Kommen wir mit dieser neuen Erkenntnis Gott ein Stückchen näher?»

Für den christlichen Glauben stellt das natürlich eine grosse Herausforderung dar. Sollte sich das bewahrheiten, wäre unser Glaube radikal in Frage gestellt. Wie kann man noch ernsthaft an Gott glauben, wenn er nur das Produkt meiner Hirnzellen ist?

Dr. Dr. Beat Schweitzer, Studiengangsleiter Bachelorstudiengang Kommunikative Theologie am tsc
Dr. Dr. Beat Schweitzer ist Studiengangsleiter Kommunikative Theologie und Dozent für Ethik am tsc.

Interesse am Communicatio-Magazin?

Communicatio heisst das Magazin des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc). Es widmet sich den vielfältigen Themen einer «Kommunikativen Theologie», wie sie am tsc gepflegt und erarbeitet wird. Das Communicatio-Magazin erscheint zweimal pro Jahr. Sie können es kostenlos abonnieren per Post oder per E-Mail.

Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.

1. Die neuro-theologische Herausforderung

Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes Organ. Es steckt voller Rätsel. Kein Wunder, dass sich die Naturwissenschaften dafür interessieren. Nebst anatomischen und physiologischen Fragen will man auch erforschen, wie komplexe Phänomene wie Bewusstsein, Entscheidungsfindung oder eben Religion zustande kommen. Mit Hilfe von ständig verbesserten Messmethoden ist es möglich geworden, zu untersuchen, welche Hirnregionen bei religiöser Praxis aktiv sind. Dabei stellt sich die Frage, ob religiöse Erfahrungen neurobiologisch nachweisbar sind – und wenn ja, wie diese zustande kommen. Ist der Mensch dann von Natur aus religiös, oder beruhen religiöse Erfahrungen auf Fehlfunktionen des Gehirns und könnten möglicherweise therapiert werden? Ist Gott letztendlich das Produkt menschlicher Hirnprozesse, oder werden in einer Gotteserfahrung reale Wahrnehmungen verarbeitet?

Umgangssprachlich hat sich für dieses Forschungsgebiet der Begriff «Neurotheologie» eingebürgert. Er geht auf den Theologen James B. Ashbrook zurück, der sich bereits 1984 in einer Zeitschrift mit religiösen Ansprüchen der Neurobiologie auseinandersetzte. Um die Jahrtausendwende erschienen Publikationen, die versuchten, Gott und die Religion neurobiologisch zu erklären. Einige davon mit effekthascherischen Titeln wie «Gott-Modul», das «Gott-Gen» oder «Der gedachte Gott». Sie erzielten entsprechend eine breite Publikumswirksamkeit, gerade auch über die populärwissenschaftlichen Medien.

In der Zwischenzeit ist es um die Neurotheologie in der breiten Öffentlichkeit ruhiger geworden. Das dürfte daran liegen, dass die Forschungsresultate zeigen, dass das Phänomen Religion und seine neurobiologische Basis vielschichtig und komplex ist und (zu) einfache und effekthascherische Erklärungen unbefriedigend und nicht überzeugend sind. Es braucht einen differenzierten und interdisziplinären Zugang, um in diesen Fragen weiterzukommen.

Im Folgenden werden einige exemplarische Studien der Neurotheologie vorgestellt.

Michael A. Persinger, Vilayanur Ramachandran und das «Gott-Modul»

Der Neuropsychologie Michael Persinger veröffentlichte 1987 ein Buch mit dem Titel «Neuropsychological Bases of God Beliefs». Darin entwickelt er die These, dass eine Gotteserfahrung in den Schläfenlappen zustande kommt. Grundlage dieser These ist seine Beobachtung, dass Menschen mit epileptischen Anfällen im Schläfenlappen-Bereich eher zu religiösen Erfahrungen neigen, als Menschen ohne Anfälle. Persinger vermutet deshalb einen Zusammenhang zwischen bestimmten Formen von Epilepsie und dem Glauben an einen Gott. Um seine These zu testen, regte er in Versuchen mittels Magnetspulen bei Personen entsprechende Gehirnregionen an. Dazu entwickelte Persinger den sogenannten «Gottes-Helm», ein umfunktionierter, mit elektromagnetischen Spulen versehener Motorradhelm. Von ca. 500 Personen sollen gegen 80% der Versuchspersonen religiöse Erfahrungen von angenehmem Wohlsein, dem Gefühl der Anwesenheit Gottes bis hin zu Ausser-Körper-Erfahrungen gemacht haben. Für Persinger war damit belegt, dass sich religiöse Erfahrungen im Gehirn auslösen lassen und Gott damit nur ein Produkt unseres Gehirns ist.

Der Neurologe Vilayanur Ramachandran nahm den Gedanken der Verknüpfung von Epilepsie mit religiösen Erfahrungen auf. Er zeigte, dass Menschen mit Schläfenlappen-Epilepsie stärker auf religiöse Bilder reagierten als auf Bilder mit sexuellem oder gewalttätigem Inhalt. Für Ramachandran war dies ein Beleg dafür, dass es im Gehirn Regionen gibt, die an religiösen Erfahrungen beteiligt sind. Er bezeichnete diesen Ort als das «Gott-Modul».

Der Psychologe Pehr Granqvist überprüfte Persingers Resultate in einer Doppelblindstudie. Er fand in Experimenten heraus, dass Personen, deren Helme nicht aktiviert waren, genauso häufig religiöse Erfahrungen machten, wie diejenigen, deren Helme aktiv waren. Nach Granqvist ist deshalb nicht die elektromagnetische Stimulierung, sondern die eigene Disposition und Erwartung verantwortlich für die religiöse Erfahrung. Gesamthaft wird aber auch deutlich: Unser Gehirn kann religiö­se Erfahrungen produzieren und dazu angeregt werden.

Linke Hirnhälfte (Foto: © Jolygon / www.istockphoto.com)
Linke Hirnhälfte (Foto: © Jolygon / www.istockphoto.com)

Andrew Newberg und das «Absolute Einssein»

Der Hirnforscher Andrew Newberg veröffentlichte 2001 eine neurotheologische Studie unter dem Titel «Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht». Während Persinger mit seinem Ansatz versuchte, religiöse Erfahrungen durch Stimulierung des Gehirns zu erzeugen, wählte Newberg einen anderen Ansatz. Er wollte untersuchen, ob bei Menschen, die religiöse Erfahrungen machen, bestimmte Hirnregionen involviert sind. Dazu untersuchte Newberg buddhistische Mönche und christliche Nonnen beim Meditieren. Die Versuchspersonen wurden angewiesen, ein einfaches Signal zu geben, wenn sie sich im Zustand tiefster Meditation und damit auf dem Höhepunkt ihrer religiösen Erfahrung befanden. Mit Hilfe eines Scans (Computertomografie) wurde anschliessend untersucht, ob im Vergleich zum Normalzustand Unterschiede in der Hirnaktivität bestanden. Newberg machte dabei zwei interessante Beobachtungen.

Er fand eine stark erhöhte Aktivität im Bereich des Frontalkortex, wo sich ein zentrales Netzwerk zur Steuerung der eigenen Aufmerksamkeit befindet. Da Meditation eine starke Konzentration und Fokussierung benötigt, ist dieser Befund zu erwarten. Newberg beobachtete aber auch, dass die Hirnaktivität im Bereich des unteren und hinteren Scheitellappens stark verringert war, einem Bereich, der mit der Verarbeitung von Information aus verschiedenen Sinnesorganen assoziiert ist. Newberg folgerte, dass bei der Meditation eine Abkoppelung der Sinneswahrnehmungen stattfinde. Dadurch werde die eigene Körperwahrnehmung und die Orientierungsfähigkeit in Raum und Zeit vermindert. Newberg sah in diesem Verlust den Grund für das Gefühl der Meditierenden, sich im eigenen Ich aufzulösen oder mit etwas Grösserem und Unfassbareren zu verschmelzen. Die buddhistischen Mönche interpretierten diesen Zustand als Auflösung in eine Leere, ins Nichts, die christlichen Nonnen als Eins-Werden mit Gott.

Newberg schloss aus seinen Resultaten, dass es im Gehirn Strukturen gibt, die bei religiösen Erfahrungen involviert sind. Deshalb sei das Gehirn offen für die Wahrnehmung von «religiöstranszendenten» Erfahrungen. Das Gehirn fungiere quasi als Empfangsorgan für eine religiöstranszendente Wirklichkeit, von der Newberg ausgeht, dass es sie gibt. Ansonsten würde es keinen Sinn machen, dass das Gehirn dafür empfänglich sei. Das könne zwar nicht bewiesen werden, sei aber eine plausible Hypothese, da es unserer Intuition entspreche. Der Mensch besitz gemäss Newberg also die Fähigkeit zur Selbst-Transzendenz. In einer vollkommenen Form dieser Selbst-Transzendenz verschmelzen Geist und Materie und werden eins. Newberg nennt dies das «Absolute Einssein». Hier verlässt Newberg den Boden der Naturwissenschaften und entwickelt eine metaphysische Gesamtsicht – das räumt er auch ein.

Nina P. Azari und die kognitive Dimension religiöser Erfahrung

Die Hirnforscherin und Theologin Nina Azari untersuchte 2001 religiöse und nicht-religiöse Menschen beim Rezitieren unterschiedlicher Texte. Bei der religiösen Gruppe handelte es sich um Mitglieder aus einer evangelikalen Kirche, die ein Bekehrungserlebnis aufweisen konnten und die Bibel als das buchstäbliche Wort Gottes verstanden. Die nicht-religiöse Gruppe bestand aus Studenten aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Fachrichtungen, die sich selbst als nicht-religiös einstuften. Beide Gruppen mussten Psalm 23, ein bekanntes Kindergedicht und die Gebrauchsanweisung für eine Telefonkarte rezitieren. Dabei wurde ihre Gehirnaktivität gescannt. Die Untersuchungen ergaben, dass bei der religiösen Gruppe beim Rezitieren von Psalm 23 Teile des rechten präfrontalen Cortex und der rechte Schläfenlappen eine erhöhte Aktivität aufwiesen. Diese Bereiche des Gehirns sind für Lernen, Erinnerung, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Aufmerksamkeit und für die Bewertung sozialer Beziehungen wichtig. Bereiche des limbischen Systems im Inneren des Gehirns (umschlossen vom Cortex, der Grosshirnrinde), das für die Emotionen mitzuständig ist, zeigten keine erhöhte Aktivität. Azari schloss daraus, dass religiöse Erfahrung kein emotionaler, sondern ein kognitiver Prozess sein müsse, an dem unterschiedliche Hirnregionen beteiligt sind. Schlüsse zum Wahrheitsgehalt bzw. zur Echtheit der religiösen Erfahrungen zog Azari nicht. Sie bleibt damit auf dem Boden der Naturwissenschaften und verzichtet auf eine weltanschauliche Deutung ihrer Forschungsergebnisse.

2. Umgang mit neuro-theologischen Forschungsresultaten

Die drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich mit Forschungsergebnissen umgegangen werden kann:

  • Forschungsergebnisse werden religionskritisch eingesetzt. Die gefundene Korrelation zwischen einer bestimmten Hirntätigkeit und religiösen Erfahrungen wird als Indiz dafür gewertet, dass religiöse Prozesse im Gehirn konstruiert werden. Können solche Prozesse und Erfahrungen dann sogar simuliert werden, ist das Phänomen «Religion» naturalistisch erklärt und als ein Produkt der Evolution entlarvt und somit erledigt. Persingers Ansatz gehört in diese Kategorie.
  • Forschungsergebnisse werden religionsbestätigend eingesetzt. Die gefundene Korrelation zwischen einer bestimmten Hirntätigkeit und religiösen Erfahrungen wird als Indiz dafür gewertet, dass das menschliche Gehirn grundsätzlich «religionsfähig» ist. Das kann dann unterschiedlich gedeutet werden. a) Religion ist damit nicht etwas grundsätzlich Schlechtes, sondern kann im Rahmen einer evolutionsbiologischen Deutung als Selektionsvorteil angesehen werden. b) Diese Religionsfähigkeit macht nur dann Sinn, wenn es tatsächlich etwas zu erfahren gibt. Weshalb sonst sollte sich beim Menschen diese Fähigkeit evolutionsbiologisch entwickelt haben (in Analogie dazu: Das Ohr macht nur Sinn, weil es etwas zu hören gibt, und das Auge, weil es etwas zu sehen gibt). Newberg ist zu dieser Kategorie zu zählen.
  • Die Forschungsergebnisse werden weder religionskritisch noch religionsbestätigend eingesetzt. In solchen Ansätzen werden die Erkenntnisgrenzen und -möglichkeiten der Neurowissenschaften beachtet und Ergebnisse nicht weltanschaulich instrumentalisiert. Azari ist dieser Kategorie zuzuordnen.

Aufgrund dieser unterschiedlichen Möglichkeiten stellte der Theologe Ulrich Eibach folgende These auf:

«Nicht die empirischen Beobachtungen der Neurophysiologie sind umstritten, sondern die Deutungen, die die Beobachter selbst und nicht zuletzt die Öffentlichkeit diesen geben. Die Deutungen hängen meist primär von weltanschaulichen Voraussetzungen ab, die sich nicht aus den Beobachtungen selbst ergeben. […] Ob sich in den neurophysiologisch nachweisbaren Erlebnissen eine eigenständige geistige und religiöse Wirklichkeit kundtut und welcher Art sie ist, darüber kann allein aufgrund neurophysiologischer Beobachtungen keine Aussage gemacht werden.» (Eibach: Gott nur ein Hirnprodukt?, S. 8)

Es stellt sich deshalb die wichtige Frage: Welches Weltbild steckt hinter dem jeweiligen Forschungsansatz bzw. der jeweiligen Interpretation?

3. Metaphysischer Deutungshintergrund der Neurotheologie

Die Naturwissenschaft sieht sich in ihrem Forschen einem methodischen Materialismus verpflichtet. Sie versucht, ihre Fragestellungen ausschliesslich durch innerweltliche Zusammenhänge zu beantworten. Dahinter steckt die begründete und vielfach bestätigte Annahme einer kausalen Geschlossenheit der Welt. Aussagen über ein mögliches Einwirken einer transzendenten Macht werden dabei nicht gemacht. Gott taucht deshalb in keiner naturwissenschaftlichen Formel auf. Weltanschaulich ist das (mehr oder weniger) neutral. Doch der Schritt zu einem metaphysischen Materialismus ist nicht weit. Wenn Gott in den Gleichungen nie auftaucht, dann braucht es ihn auch nicht und – noch weiter gehend – dann gibt es ihn auch nicht. Alles ist dann ausschliesslich Materie und wird durch deren Gesetzmässigkeiten bestimmt. Geistig-mentale Phänomene wie beispielsweise Bewusstsein oder Willensfreiheit sind dann nur Epiphänomene (Begleiterscheinungen) materieller Prozesse und lassen sich auf diese reduzieren. Diese reduktionistische, metaphysische Position nennt sich materialistischer Monismus. Wer eine solche Weltanschauung vertritt, wird eine religiöse Erfahrung auf bestimmte Hirnaktivitäten reduzieren und in ihnen nur eine weitere Konstruktion unseres Gehirns sehen. Dabei wird von vornherein ausgeschlossen, dass dahinter eine reale Erfahrung stehen könnte, die auf eine transzendente Realität hinweist, welche mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht zugänglich ist.

Anders der Substanz-Dualismus, der zwischen Physischem und Mentalem unterscheidet. Danach sind Geist und Körper ontologisch, also wesensmässig verschieden, wobei dem Geist Vorrang gegenüber dem Körper zugemessen wird. Das «Ich» ist kein Produkt des Gehirns, sondern eine dem Gehirn übergeordnete Grösse. Der Geist wirkt auf den Körper ein und steuert ihn. Bewusstsein, Willensfreiheit und religiöse Erfahrungen sind deshalb keine Epiphänomene, sondern real. Damit rückt auch die Realität Gottes in den Bereich des Möglichen.

Doch auch der Substanz-Dualismus birgt seine Probleme. Er muss nämlich erklären können, wie der Geist auf den Körper einwirken kann, ohne dabei naturwissenschaftliche Grundgesetze wie zum Beispiel den Energieerhaltungssatz zu verletzen. Wenn der Geist den Körper bewusst steuert, dann muss es zwischen diesen beiden ontologisch verschiedenen Ebenen eine Schnittstelle geben, an denen sie interagieren. Diese Interaktion müsste auf der Seite des Körpers bemerkbar und damit naturwissenschaftlichen Untersuchungen zugänglich sein. Der Substanz-Dualismus müsste erklären können, wie der Geist ohne Energieübertragung auf den Körper einwirken kann. Ansätze dazu gibt es aus dem Bereich der Quantenphysik. Sie sind zwar spekulativ und umstritten, zeigen aber, dass es diesbezüglich naturwissenschaftliche Lösungsansätze gibt (vgl. Becker, S. 116-138).

Sowohl der Monismus als auch der Dualismus sind letztendlich nicht beweisbar. Sie lassen sich höchstens danach beurteilen, ob sie plausibel sind, also annehmbar, einleuchtend und nachvollziehbar sein können oder nicht. Wer versucht, neurowissenschaftliche Forschungen religionskritisch zu instrumentalisieren, tut das aus weltanschaulichen Gründen und nicht, weil Daten aus Experimenten ihn dazu nötigen. Das gilt auch umgekehrt.

Rechte Hirnhälfte (Foto: © Jolygon / www.istockphoto.com)
Rechte Hirnhälfte (Foto: © Jolygon / www.istockphoto.com)

4. Kritische Rückfragen an die Neurotheologie

Lassen sich religiöse Erfahrungen von anderen Erfahrungen unterscheiden?

Die Neurowissenschaften haben Wege gefunden, religiöse Erfahrungen im Gehirn sichtbar zu machen. Doch ist es auch möglich, diese religiösen Erfahrungen von anderen Erfahrungen zu unterscheiden? Konkreter: Sind bei nicht-religiösen Erfahrungen andere, weniger oder zusätzliche Hirnregionen aktiv? Lässt sich das meditative Gebet neurobiologisch von einem Versinken in ein Musikstück unterscheiden? Im Grunde müsste die Gegenprobe gemacht werden (vgl. Petzold). Aus einer bestimmten gemessenen Hirnaktivität müsste zielsicher auf eine entsprechende religiöse Erfahrung geschlossen werden können, ohne dass man weiss, womit sich die Versuchsperson gerade beschäftigt.

Es sind berechtige Zweifel angebracht, dass religiöse Erfahrungen sich von anderen Erfahrungen einwandfrei unterscheiden lassen. Wenn ein Christ beim Beten von Psalm 23 ein Gefühl der Geborgenheit erfährt, dann lässt sich das neurophysiologisch nachweisen. Die Hirnaktivität wird sich aber wohl kaum von dem eines Kindes unterscheiden, dem die Mutter zusichert, dass sie da ist und für das Kind sorgen wird. Das Gefühl der Geborgenheit wird sich bei beiden Personen einstellen und vergleichbar nachweisen lassen. Religiöse Erfahrungen sind eingebettet in ein komplexes System von anderen Erfahrungen und deshalb nicht einwandfrei davon zu unterscheiden.

Was ist eine religiöse Erfahrung?

Der Mensch macht Erfahrungen, in dem er etwas erlebt und diese Erlebnisse anschliessend deutet. Erfahrung entsteht im Zusammenspiel von Erlebnis und dessen Deutung. Ein religiöses Erlebnis wird deshalb erst im Zusammenhang eines religiösen Kontextes entsprechend gedeutet und als religiöse Erfahrung verstanden. In Newbergs Studie fühlten sich buddhistischen Mönche deshalb im Einklang mit dem Nichts (Nirwana), wohingegen sich die Nonnen mit Gott verbunden fühlten. Religiöse Erfahrungen einer Person werden erst verstehbar und nachvollziehbar auf einem bestimmten geschichtlichen und kulturellen Hintergrund, in dem die Person aufgewachsen ist (vgl. Petzold).

Eine religiöse Erfahrung ist deshalb nicht absolut, sondern erst durch den Kontext der Person als eine religiöse Erfahrung verstehbar. Es stellt sich damit die Frage: Ist die Hypothese haltbar, nach der Religion lediglich ein Nebenprodukt der menschlichen Evolution ist? Es ist wie beim Huhn und beim Ei. Was war zuerst? Um eine Erfahrung als religiöse Erfahrung einstufen zu können, braucht es ein religiöses Umfeld. Damit dieses Umfeld entstehen kann, benötigt es aber religiöse Erfahrungen, die dann in eine Religion münden könnten. Es zeichnet sich ab, dass sich religiöse Erfahrung und Religion einer einfachen neurobiologischen Erklärung entziehen.

Was ist mit der transzendenten Dimension?

Die hier dargestellten Studien haben sich mit der menschlichen Dimension der religiösen Erfahrung auseinandergesetzt. Menschen wurden beim Meditieren, Beten, Rezitieren von Texten usw. untersucht. Im Fokus stand der Mensch, der mit seinen Möglichkeiten versucht, mit der transzendenten Wirklichkeit in Kontakt zu treten, an die Menschen glauben. Doch was ist mit dem umgekehrten Weg? Was, wenn eine transzendente Wirklichkeit tatsächlich existiert und diese versucht, mit der Versuchsperson in Kontakt zu treten? Wäre das neurobiologisch nachweisbar? Kann das Reden Gottes naturwissenschaftlich sichtbar gemacht werden?

Dieser Aspekt wird in der Neurotheologie zu wenig beachtet. Religion – und damit auch jede religiöse Erfahrung – wird als rein menschliches Phänomen verstanden. Diese Engführung ist aber nicht zwingend und auf Grund des Zusammenhangs von Erlebnis und Deutung in Frage zu stellen. Die transzendente Dimension müsste zumindest als Möglichkeit betrachtet werden.

Forum Kommunikative Theologie 2019: Referent Dr. Dr. Beat Schweitzer
Beat Schweitzer bei seinem Referat während des Forums Kommunikative Theologie 2019 am tsc.

5. Ausblick

Wir fragen in dieser Ausgabe des «Communicatio» nach guten Gründen, an Gott zu glauben oder nicht. Ein Grund dagegen lautet: Gott ist das Produkt unseres Gehirns und damit nur eine Illusion. Auf den ersten Blick erscheint es plausibel. Wer genauer hinschaut, dem zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Die Neurowissenschaften haben in den vergangenen Jahrzehnten Faszinierendes über unser Gehirn herausgefunden. Vieles auch darüber, was in unseren Gehirnen geschieht, wenn Menschen religiöse Erfahrungen machen. Die Tatsache, dass sich religiöse Erfahrungen mit spezifischen Hirnaktivitäten in Korrelation setzen können, bedeutet aber noch lange nicht, dass Gott nichts als das Produkt unseres Gehirns ist. Dass eine Begegnung mit Gott im Menschen etwas auslöst – sei es Freude, Furcht, Geborgenheit oder Dankbarkeit – und damit Spuren im Gehirn hinterlässt, ist keine Überraschung und darf erwartet werden. Gott muss deswegen aber nicht allein auf Hirnaktivitäten reduziert werden.

Gott lässt sich auf Grund der Neurowissenschaften weder belegen noch widerlegen. Gott ist uns in seiner Transzendenz naturwissenschaftlich nicht unmittelbar zugänglich. Es stellt sich hier die Frage der Plausibilität. Was macht mehr Sinn? Der Theologie Patrick Becker liefert hier einen faszinierenden Gedanken:

«Können wir nicht allein deshalb, weil wir eine Art Sinnesorgan für Gott besitzen, darauf schliessen, dass dieses Sinn ergibt – und sich auch auf eine Realität bezieht? Ist es wirklich plausibel, dass die Evolution einen Gehirnbereich hervorbringt, der lediglich eine Illusion erzeugt? Sicherlich kann argumentiert werden, dass die Komplexität des Gehirns Illusionen als Begleiterscheinungen hervorbringen kann oder dass auch diese Illusion einen evolutiven Sinn ergibt. Ob das jedoch plausibler ist, als die Annahme, dass es die dahinter stehende Wirklichkeit tatsächlich gibt, wage ich zu bezweifeln.» (Becker, S. 148)

Es macht neurowissenschaftlich offensichtlich mehr Sinn, Gott nicht als Illusion zu verstehen. Gott ist damit nicht das Produkt unseres Gehirns. Das Gehirn ist aber der Ort, an dem sich Gott für den Menschen wahrnehmbar und erfahrbar produziert.

Literaturangaben

  • James B. Ashbrook: Neurotheology: The Working Brain and the Work of Theology, in: Zygon 19 (1984), 331–350.
  • Michael A. Persinger: Neuropsychological Bases of God Beliefs, New York 1987.
  • Vilayanur S. Ramachandran, Sandra Blakeslee: Die blinde Frau, die sehen kann. Rätselhafte Phänomene unseres Bewusstseins, Reinbek bei Hamburg 2001.
  • Pehr Granqvist u.a.: Sensed presence and mystical experiences are predicted by suggestibility, not by the application of trans­cranial weak complex magnetic fields, in: Neuroscience Letters 379 (2005), 1–6.
  • Andrew Newberg u.a.: Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht, München 2003.
  • Nina P. Azari u.a.: Neural Correlates of Religious Experience, in: European Journal of Neuroscience 13 (2001), 1649–1652.
  • Ulrich Eibach: Gott nur ein «Hirnprodukt»? Neurobiologie und der Glaube an Gott, in: Brennpunkt Gemeinde Studienbrief (2017), 8.
  • Patrick Becker: Kein Platz für Gott? Theologie im Zeitalter der Naturwissenschaften, Regensburg 2009.
  • Matthias Petzold: Religiöse Erfahrungen und ihre neuronalen Korrelate, in: W. Achtner u.a. (Hg.), Gott – Geist – Gehirn. Religiöse Erfahrungen im Lichte der neuesten Hirnforschung, Frankfurt am Main 2005, 82–107.

Möchten Sie mehr wissen?

Dieser Text ist eine kürzere Fassung von Beat Schweitzers Referat beim Forum Kommunikative Theologie am 22. Januar 2019 auf dem Chrischona-Campus. Das Skript seines Vortrages finden Sie auf der Downloadseite zum Communicatio-Magazin.

tsc-Dozent Dr. Dr. Beat Schweitzer hat in Biologie und Theologie promoviert. Der Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft ist ihm wichtig. Das Staunen über Gottes Schöpfung möchte er nie verlernen.

Kontakt zum Autor: beat.schweitzer@tsc.education

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Communicatio heisst das Magazin des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc). Es widmet sich den vielfältigen Themen einer «Kommunikativen Theologie», wie sie am tsc gepflegt und erarbeitet wird. Das Communicatio-Magazin erscheint zweimal pro Jahr. Sie können es kostenlos abonnieren per Post oder per E-Mail.

Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.
Communicatio-Magazin 1/2019: Kaum zu rechtfertigen? Der Glaube an Gott angesichts des Leidens (Foto: © wundervisuals / www.istockphoto.com)

Kaum zu rechtfertigen? Der Glaube an Gott angesichts des Leidens

Artikel aus dem Communicatio-Magazin 1/2019

Kaum zu rechtfertigen?

Der Glaube an Gott angesichts des Leidens (Autor: Dr. Andreas Loos)

Wie können Menschen angesichts des Leidens in dieser Welt an einen gütigen und allmächtigen Gott glauben? Im Communicatio-Magazin 1/2019 formuliert Dr. Andreas Loos, Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie, eine leidsensible Lehre von Gott. Und er gibt eine Antwort, wie Menschen im Leid ein Ja zu Gott finden können: Denn Gott selbst erleidet die Übel und das Böse der Welt. In der Auferweckung Jesu Christi von den Toten hat er unter Beweis gestellt, dass Tod und Leiden nicht das letzte Wort haben. Dr. Loos schreibt:

Das Leid ist – nach wie vor – der Fels des Atheismus. Da stimme ich Joachim Kahl erst mal zu (Anm. d. Redaktion: Dr. Dr. Joachim Kahl hat in einem anderen Beitrag im Communicatio-Magazin die zwei Säulen des Atheismus definiert). Die personal-theistische Vorstellung von einem gütigen, allmächtigen und allwissenden Gott, der die Welt erhält, regiert und zu einem guten Ziel lenkt, zerschellt vielen Menschen, wenn sie mit der üblen, leidvollen und schmerzhaften Dimension des Lebens konfrontiert sind. Aber ich bin so frei und frage zurück: Kann denn der Atheismus vernünftigere und hilfreichere Antworten geben, um die Leiden der Welt zu bewältigen? Der Philosoph Holm Tetens, der sich selbst zu den atheistischen Naturalisten zählt, ist eindeutig skeptisch (Gott denken, S. 78):

«In der Perspektive des Naturalismus lässt sich gegen die Übel und Leiden in der Welt ankämpfen, aber nur in einer problematischen Haltung wie der Resignation, der tragischen Auflehnung, des zynischen egoistischen Hedonismus oder des selbstzerstörerischen Selbsterlösungswahns und in jedem Falle in der moralischen Verlegenheit, ungeheuer viel von den Übeln und Leiden in der Welt bestenfalls als Mittel zum Menschheitsfortschritt einen vermeintlichen Sinn zu verleihen.»

Weil mir die leidenden Menschen am Herzen liegen, höre ich nicht damit auf, das Leid theologisch – also auf dem Weg über Gott – zu bedenken. Der Fachausdruck dafür heisst «Theodizee».

Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie.
Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie.

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Communicatio heisst das Magazin des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc). Es widmet sich den vielfältigen Themen einer «Kommunikativen Theologie», wie sie am tsc gepflegt und erarbeitet wird. Das Communicatio-Magazin erscheint zweimal pro Jahr. Sie können es kostenlos abonnieren per Post oder per E-Mail.

Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.

1. Theodizee: Das «Ja» zu Gott und zum Leben offenhalten

Der Begriff, das Problem und die Aufgabe

Setzt man die griechischen Wörter theos (Gott) und dike (Gerechtigkeit) zusammen, dann entsteht der Begriff Theodizee. Es geht dabei nicht um eine Rechtfertigung Gottes, wenn er wegen des Leides in der Welt auf der Anklagebank sitzt. Es geht darum, die Beziehung des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zu Gott zu rechtfertigen und zu plausibilisieren.

Nun macht der Atheismus ja genau das Gegenteil. Für ihn ist das quantitative und qualitative Ausmass an Leid ein schlagender Grund dafür, dass es Gott gar nicht gibt. Damit sind wir beim sogenannten Widerspruchsproblem. Es ist wohl so alt wie die Menschheit. Kompakt und logisch hat es der Kirchenvater Laktanz (ca. 250-320) in seiner Schrift über den Zorn Gottes formuliert (zitiert nach Stosch, Theodizee, S. 10):

«Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, oder er kann es und will es nicht: Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist, oder er will es nicht und kann es nicht: Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott, oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?»

Wie personaler Theismus und Atheismus dem Leiden begegnen (Grafik von Dr. Andreas Loos)
Wie personaler Theismus und Atheismus dem Leiden begegnen (Grafik von Dr. Andreas Loos)

Mehr erfahren?

  • Kreiner: Gott im Leid, S. 15–48.
  • von Stosch: Theodizee, S. 5–17.

Theoretische und praktische Theodizee

Wer dieses Widerspruchsproblem zu lösen versucht, betreibt theoretische Theodizee. Viele schütteln den Kopf und lehnen das ab. Sie plädieren für eine praktische Theodizee. Die Hauptargumente sind:

  • Wegen der Geheimnishaftigkeit und Unbegreiflichkeit Gottes bleibt auch die Erfahrung des Leides letztlich unerklärlich.
  • Alle theoretischen Erklärungsversuche neigen dazu, Leid zu verharmlosen und die Leidenden selbst nicht ernst zu nehmen oder gar zu vernachlässigen.
  • Leidende Menschen suchen nicht zuerst nach theoretischen Erklärungen, um Leid zu verstehen, sondern nach praktischer Hilfe, um im Leid zu bestehen.

Das sind berechtigte Vorbehalte. Zugleich aber mache ich folgende Erfahrung: Für viele Menschen ist der denkerische Widerspruch zwischen Gott und Leid so stark, dass es ihnen überhaupt nicht hilft, zu hören: «Ja, Gott und sein Handeln sind unbegreifbar, aber Du kannst trotzdem weiter an ihn glauben.» Die praktische und die theoretische Theodizee bedingen sich wechselseitig. Das macht die grau hinterlegte Auflistung deutlich. Wie ein Mensch mit Leid umgeht, hängt erheblich davon ab, wie er darüber denkt.

Ich plädiere für eine Theologie, die auf der Seite der Leidenden steht. Wer das tut, weicht der atheistischen Infragestellung Gottes nicht aus, sondern packt das Widerspruchsproblem an. Ziel ist es, das Ja zu dem Gott offen zu halten, der uns begegnen und helfen will, Leid zu verarbeiten und zu bewältigen, um ein neues Ja zum Leben zu finden.

Theoretische Theodizee:
Leid verstehen

  • Leiden hat einen höheren Sinn.
  • Leiden ist unergründlich.
  • Leiden ist eine Strafe Gottes.
  • Leiden hat lebensvertiefende Wirkung.
  • Leiden ist irdisch begrenzt und nicht ewig.
  • Leiden ist nicht Gottes Wille.
  • Leiden kommt schicksalhaft.

Praktische Theodizee:
Leid bewältigen

  • Ich optimiere mich durch das Leid.
  • Ich stemme mich gegen das Leid.
  • Ich erdulde das Leid.
  • Ich integriere das Leid positiv ins Leben.
  • Ich stelle mich dem Leid und besiege es.
  • Ich nehme das Leid an, wie es kommt.
  • Ich hoffe auf leidfreie Zeiten.

2. Populäre Strategien zur Lösung des Widerspruchsproblems

Die atheistische Infragestellung Gottes aufgrund des Leides folgt logisch aus den theistischen Prämissen A), B) und C), die über Gott und das Leid aufgestellt werden. Was aber, wenn diese Annahmen so nicht stimmen? Was, wenn wir gute Gründe dafür angeben könnten, die erklären, warum und wozu Gott das Leiden nicht verhindert oder beseitigt? Dann wäre der Atheismus nicht mehr zwingend. Man müsste dazu entweder das Leiden anders interpretieren oder aber die Eigenschaften der Güte, Allmacht und Allwissenheit Gottes. Ich präsentiere nun kurz die wichtigsten Ansätze und frage jeweils, wie tauglich und leistungsfähig sie für die Lösung des Theodizeeproblems sind.

Das Leid positiv interpretieren (Bonisierungsstrategie)

Wenn man zeigen könnte, dass das Leid letztlich dem Guten (bonum) dient, wäre es gerechtfertigt an einen Gott zu glauben, der das Leid nicht verhindert oder aus der Welt schafft. Die wichtigsten Ansätze, das Leid und die Übel zu entübeln, lassen sich so skizzieren:

Mehr erfahren?

  • Kreiner: Gott im Leid, S. 125–163.
  • von Stosch: Theodizee, S. 18–39.

Funktionalisierung des Leides

Durch Übel und Leid entwickeln sich Natur, Menschsein und Geschichte weiter. So erwerben wir Menschen uns das Wissen über Gut und Böse dadurch, dass wir Leid erfahren und Schmerz empfinden. Nur, wenn es das Böse gibt, kann der Mensch sich für das Gute entscheiden und so zu einem moralischen Wesen werden. Wertvolle Tugenden wie Solidarität, Treue, Tapferkeit, Mitleid entstehen auf der Basis von Leiderfahrungen. In seiner Theodizee der Seelenbildung (soul-making theodicy) verstand der Theologe John Hick die Übel und das Leid als Bedingungen dafür, dass der Mensch zu einer Persönlichkeit heranreift und sich für Gott entscheidet. Manche Theologien versuchen zu erklären, dass Gott den Sündenfall vorherbestimmt hat, damit der Mensch sich wirklich für Gott und für das Gute entscheiden kann. Dass Gott die Menschen durch das Leiden reifen lässt und auf den (leidlosen) Himmel vorbereitet, ist ein Gedanke, der in zahlreichen geistlichen Liedern Ausdruck gefunden hat: «…denn durch Trübsal hier geht der Weg zu Dir», dichtete Zinzendorf in seinem Lied «Jesu, geh voran».

Mögliche Bibelstellen

  • 1. Mo 3,22–24
  • 1. Mo 50,20
  • 1Petr 5,10
  • Röm 8,18.28
  • Offb 21,3.4

Pädagogisierung des Leides

Eng verwandt mit der Funktionalisierungsstrategie ist die Sicht, dass Gott durch das Leiden den sündigen Menschen straft und ihn – letztlich aus Liebe – erzieht. Gerade für die Opfer, denen Böses und Übles zugefügt worden ist, kann der Gedanke, dass Gott die Täter straft, wichtig sein. Eine lange und biblische Tradition sieht im Leiden Prüfungen Gottes, durch die er die Glaubensresilienz der Menschen stärkt. Not lehrt beten. Leiden vertieft die Gottesbeziehung.

Mögliche Bibelstellen

  • 1. Mo 22
  • 5. Mo 8,5
  • 2Sam 24
  • Hi 1,1–2,10
  • Ps 17,3
  • Spr 3,11–12
  • Hebr 12,4.13
  • Jak 1,2–18

Ästhetisierung des Leides

Vertreter dieser Strategie argumentieren so: Schönheit und Harmonie, Glück und Freude kann es nur geben, wenn es auch das Hässliche und die Dissonanz, das Unglück und die Trauer gibt. Schuld führt zur Vergebung und Versöhnung, gemeinsames Erleiden führt zu einer Glücksvertiefung in zwischenmenschlichen Beziehungen; Not schweisst zusammen. Vielleicht eine der bekanntesten Bibelstellen in diesem Zusammenhang ist Römer 8,28: «Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.» Gott mutet niemandem mehr zu, als man tragen kann.

Zur Theodizeetauglichkeit

Leidgeplagte Menschen bezeugen, wie aus ihrem Leiden in erstaunlicher Weise Gutes erwachsen ist. Es gibt Leiden, die einem höheren Gut dienen, was ein Grund dafür sein könnte, dass Gott es nicht verhindert. Das kann als Argument gegen den Atheismus eingebracht werden. Aber dieser Aspekt darf nun nicht absolut gesetzt werden. Etwa indem man den Menschen theologisch demonstrieren will, dass ihr Leiden auf jeden Fall einen höheren Sinn hat, den sie vielleicht jetzt noch nicht – oder gar erst nach dem Tod – erkennen. Römer 8,28 wird dann zu einem Prinzip für jede Erfahrung von Leid erhoben. Es gibt aber Leiderfahrungen, die weder als sinnvoll erlebt noch als sinnvoll gedacht werden können, weil sie quantitativ und qualitativ schlicht masslos sind. So wäre es ein Hohn zu behaupten, der Holocaust, ein Tsunami oder sexueller Missbrauch würden dieser Welt zu einem höheren Gut dienen. Als würde der Geschichte Gottes mit der Menschheit etwas fehlen, wenn solche Ereignisse nicht passiert wären! Es gibt sinnloses Leiden. Jede Theologie, die das nicht festhält, trägt in sich die Tendenz, Leiden und Übel zu bagatellisieren auf Kosten der leidenden Personen.

Gottes Eigenschaften anders interpretieren

Statt das Leiden neu zu fassen, könnte man das Widerspruchsproblem auch lösen, indem man die Eigenschaften Gottes neu interpretiert. Ich beschränke mich auf Gottes Güte und Allmacht.

Mehr erfahren?

  • Kreiner: Gott im Leid, S. 79–100.
  • von Stosch: Theodizee, S. 40–55.

Die Güte Gottes

Vielleicht sind Gottes Güte und moralische Vollkommenheit ganz anders als wir sie uns vorstellen. Nicht wenige Denker kritisieren die flauschige und kuschlige Vorstellung vom Gott der Liebe und schlagen vor, die dunklen und schrecklichen Seiten Gottes nicht zu vergessen. Dabei will man einen schroffen Dualismus vermeiden, demgemäss Gott gut und böse zugleich ist. Aber mit Hinweis auf entsprechende Bibelstellen führt man die Übel und die Leiden unmittelbar auf Gott zurück. Wo nun völlig unverständlich bleibt, warum und wozu Gott auf böse Weise handelt, verweisen die Vertreter dieses Ansatzes gerne auf den lutherischen Gedanken des verborgenen Gottes (Deus absconditus). Das leidverursachende Handeln Gottes bleibt unbegreiflich.

Andere sprechen in diesem Zusammenhang davon, dass Gott die Leiden und Übel lediglich zulässt. Zur Entlastung Gottes führt man hier die Figur des Teufels und seiner Dämonen ein. Dieser Erklärungsansatz dient dazu, die Allmacht und Souveränität Gottes zu wahren, ohne seine Güte komplett zu verdunkeln.

Mögliche Bibelstellen

  • 2Mo 4,1.24
  • 1Sam 2,6–8
  • Klgl 3,24–38
  • Jes 45,6–7
  • Am 3,6

Die Allmacht Gottes

Mit der Neuinterpretation von Gottes Allmacht will die Theologie an Gottes Güte festhalten und zugleich Übel und Leid als das, was nicht sein soll, fassen. Der Philosoph Hans Jonas sah keine andere Möglichkeit, um nach
Auschwitz von Gott reden zu können: Gott hat nicht deshalb nicht eingegriffen, weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte. Mit der Erschaffung der Welt hat Gott seine Allmacht aufgegeben. Damit ist das Theodizeeproblem aber immer noch nicht ganz gelöst. Denn Gott bleibt als Schöpfer letztlich dafür verantwortlich, eine Welt ins Leben gerufen zu haben, die er nicht bewältigen und vor dem Übel bewahren kann. Die Prozesstheologie versteht deshalb Gottes Allmacht von Ewigkeit her nicht als zwingendes und kontrollierendes, sondern als werbendes, lockendes und überredendes Handeln.

Mehr erfahren?

  • Kreiner: Gott im Leid, S. 275–281.
  • Greshake: Warum, S. 41–63.

Zur Theodizeetauglichkeit

Tatsächlich löst sich das Problem der Theodizee auf, wenn man an einen Gott denkt, der nicht gütig oder völlig anders gütig ist als wir es uns vorstellen. Aber diese Lösung geht auf Kosten des Glaubens. Denn Glaube meint biblisch betrachtet, dass ein Mensch sich existenziell und ganzheitlich in Vertrauen, Liebe und Hoffnung an Gott hingibt und ihn verehrt. Dies geht aber nur, wenn Gott glaubwürdig, vertrauenswürdig und liebenswürdig ist. Nur einem Gott, der es gut mit uns meint und uns liebt, können und sollten wir unseren Glauben schenken. Die Neuinterpretation der Güte Gottes giesst daher noch zusätzlich Öl in das Feuer von Leiderfahrungen. Wenn Gott mir – einfach weil er es will – Übel und Leiden zufügt, wenn er das auch in unberechenbarer Weise zukünftig tun könnte, dann bin ich dem Leiden in einer entsetzlich hoffnungslosen Weise ausgeliefert.

Auch der Einbezug des Teufels bietet nur scheinbar eine Lösung. Die Frage bleibt, warum Gott Kreaturen gewollt und geschaffen hat, die in der Lage sind, derart viel und schwerwiegendes Leid über die Menschen zu bringen. Und aus den gleichen Gründen darf der christliche Glaube auch den Gedanken an die Allmacht Gottes nicht verabschieden. Wenn Gott dem, was seine Schöpfung peinigt, quält und verdirbt, völlig ohnmächtig gegenübersteht, warum soll ich dann aus der Tiefe der Leiderfahrung überhaupt noch an ihn glauben?

3. Das Leid der Menschen auf dem Hintergrund der drei-einen Liebe Gottes

Die bisher angerissenen Lösungsstrategien haben alle ihre Grenzen. Das hält mich aber nicht davon ab, ihre verheissungsvollen Aspekte und Impulse aufzunehmen, wenn ich nun versuche, gute Gründe zu nennen, an Gott im Leid zu glauben. Und natürlich werden damit auch nicht alle Fragen und Probleme gelöst.

Mehr erfahren?

  • von Stosch: Theodizee, S. 87–111.
  • Greshake: Warum, S. 77–95.

Die Selbstbestimmung Gottes zur Gemeinschaft der Liebe mit den Menschen

Wer Gott ist und in welchem Verhältnis er zu uns steht, das hat er in Jesus Christus unübertroffen gezeigt. In ihm hat Gott sich selbst definiert als eine Liebe, die sich selbst hingibt, sogar für ihre Feinde!
Diese Liebe Gottes zu uns als seinen Ebenbildern hat eine ewige Quelle, nämlich die Liebe zwischen dem Vater, seinem ewigen Ebenbild (Sohn) und dem Heiligen Geist. Anders gesagt: Gott will mit uns eine Beziehung der Liebe verwirklichen, die so ähnlich sein soll wie seine ewige Liebe.

Das Leid als mögliches Risiko der Liebe Gottes

Es lässt sich nun argumentieren, dass physische Übel (Leid in der Natur und verursacht durch die Natur) und moralische Übel (Leid verursacht durch Menschen) ihren Grund in der Freiheit haben, mit der Gott die Schöpfung und vor allem die Menschen in Liebe begabt hat.

  • Weil die Liebe Gottes heilig und vollkommen ist, kann sie sich nicht mit Gewalt, Manipulation oder Zwang durchsetzen. Vielmehr setzt sie den Menschen frei, damit der aus freien Stücken Gott lieben und gegenüber ihm handeln kann.
  • Die Liebe Gottes schenkt Raum und Zeit (1Kor 13,4-8), damit die Menschen zu einer Beziehung der Liebe finden und darin wachsen können. Gott will mit den Menschen eine echte Heilsgeschichte durchschreiten, die man als das Abenteuer seiner Liebe bezeichnen kann.
  • Gott nimmt die einmal gegebene Freiheit nicht zurück. Dies gilt auch dann, wenn der Mensch sie gebraucht zum Gegenteil frei geschenkter Liebe, nämlich zur Sünde. Gott bleibt seiner Selbstbestimmung zur Gemeinschaft der Liebe treu.
  • Um seiner Liebe willen geht Gott das Risiko ein, dass die Freiheit der Schöpfung und besonders der Menschen in einer Weise vollzogen wird, dass dabei Leiden und Übel verursacht werden.
  • Gott kann physische und moralische Übel nicht allmächtig verhindern, weil er damit der Schöpfung und den Menschen die ihnen geschenkte Freiheit wieder nehmen würde.

Ist mit dieser Argumentation das Widerspruchsproblem gelöst? Naja, einerseits schon, denn mit der Liebe Gottes lässt sich ein gewichtiger Grund dafür angeben, dass Gott die Welt nicht in einem vollendeten Zustand erschaffen hat, in dem die Möglichkeit des Leidens für immer ausgeschlossen ist (Offb 21,1-5). Dieser Ausschluss soll das Ergebnis einer gemeinsamen Liebesgeschichte sein. Weder verhindert, noch beseitigt Gott das Leid einfach in seiner Geschichte mit den Menschen. Gottes Güte und Allmacht sind damit theodizeesensibel reinterpretiert. Andererseits stossen wir auf neue Fragen: dem eigentlichen Nerv der Theodizee.

Jesus Christus: Zentrum der Bibel und wahre Selbstoffenbarung Gottes

  • Lk 10,22; 11,31-32
  • Joh 1,14-18; 5,31-47
  • Röm 5,8; 8,32
  • Kol 2,9
  • Hebr 1,1-3
  • 1Joh 3,16; 4,8.16

Die Liebe Gottes zu uns ist identisch mit der drei-einen Liebe Gottes

  • 1Mo 1,27
  • Jo 17,5.23-26
  • Kol 1,15-23; 3,10
  • Eph 1,3-6; 4,24
  • Röm 8,29
  • 1Kor 15,49
  • 2Kor 3,18
  • 1Joh 3,1-2
  • 2Petr 1,4

Der eigentliche Nerv der Theodizee

  • Lässt es sich rechtfertigen, dass Gott das Risiko unermesslichen Leides in der Welt und im Leben der Menschen eingegangen ist? Zugespitzt: Wie konnte Gott es wagen, Menschen aus Liebe zu erschaffen, die unsägliches Leid in die Welt bringen?
  • Ist es nicht zynisch, die Freiheit der Liebe stärker zu gewichten als das Leiden? Konkret: Wäre es nicht moralisch einzufordern, die Freiheit des nationalsozialistischen Regimes allmächtig zu überschreiben angesichts der millionenfachen Opfer dieser diabolischen Freiheit?
  • Müsste man einen Gott, der das Risiko des Weltabenteuers eingeht, nicht als leichtfertigen Spieler bezeichnen, der seinen Einsatz auf Kosten der Mensch bezahlt?

Hier gelangt eine trinitarische Theodizee der Liebe Gottes an ihre Grenzen. Ob ein Leben in Freiheit und Liebe den Preis des Leidens wert ist, das kann keine Theologie pauschal gegenüber den leidenden Menschen vertreten. Nur der oder die Leidende selbst kann solche Abwägungen vornehmen. Es ist aber die Aufgabe der Theologie, die Leidgeplagten in diesem schwerwiegenden Prozess zu begleiten. Sie tut das, indem sie die Geschichte der Taten Gottes so bezeugt und lehrt, dass das Ja zum dreieinen Gott und zu seinem Geschenk eines risikobehafteten Lebens plausibler wird als ein Nein. Daher nenne ich zum Abschluss meine zwei besten Gründe dafür, im Leid an Gott zu glauben.

4. Meine Zwei besten Gründe, im Leid an Gott zu glauben

Der mitleidende Gott ist kein leichtfertiger Risikogeselle

Bereits das Alte Testament bezeugt eindrücklich, wie Gott am Leid der Menschen leidet, selbst dann, wenn das Elend der Menschen sündhaft selbstverschuldet ist: Gott ist betrübt, sein Herz bricht vor Jammer und brennt in ihm. Unüberbietbar ist, wie Gott sich dem Bösen, den Übeln und Leiden der Welt am Kreuz auf Golgatha aussetzt. Der Höhepunkt des Leidens liegt in der Erfahrung der Gottverlassenheit im Tod (Mt 27,46). In Christus haben es die Menschen mit einem Gott zu tun, der mit ihnen leidet, und im Heiligen Geist haben sie es mit einem Gott zu tun, der mit ihnen stöhnt und seufzt (Hebr 4,14ff., 5,7ff., 7,25; Röm 8,26f.).

Gott hat die Welt nicht wie ein abgezockter, leichtfertiger Risikospieler erschaffen. Vielmehr war er von Anfang an bereit, den möglichen Preis für die Freiheit, die er dem Menschen in Liebe zugeeignet hat, zu zahlen. Dies ist die Botschaft von 1Petr 1,18-20. Golgatha ist der Beweis Gottes dafür, dass er die Risikofinanzierung seiner Liebe selbst abdeckt: Er hat sich selbst als Löse- und Preisgeld gegeben, hat alles geschenkt, was er kann (Röm 8,31-39). Und das geschlachtete Lamm auf dem Thron (Offb 5,6; 14,10; 15,3; 22,1-5) deutet geheimnisvoll an, wie sehr Gott sich die Leiden und Qualen der Welt zu eigen gemacht hat. Sie werden, so hat der Theologe Jürgen Moltmann einmal gesagt, zur ewigen Signatur seines Wesens.

Unter diesen Voraussetzungen steht Gott nicht länger auf der anderen Seite des Leides. Die Leidgeplagten entdecken, wie nah er ihnen ist. Das ist ein echter Perspektivenwechsel. Und ich meine: Wenn Gott die Leiden der Menschen teilt, dann kann er dafür nicht einfach angeklagt werden. Dann sollte er auch nicht einfach aus dem Leid heraus atheisiert werden. Denn der Gott im Leiden ist nun auch der, der mich aus dem Leiden herauszuführen vermag.

Der mitleidende Gott im Alten Testament

  • 1Mo 6,5-7
  • Ps 91,15
  • Jes 57,15; 63,9-10
  • Jer 8,18-21; 31,20
  • Hos 11,7-9

Die Allmacht der gekreuzigten Liebe kann was

Wer göttliche Güte und Allmacht dort sucht, wo Gott mit absoluter und nachweisbarer Souveränität die Welt lenkt, wird vermutlich nicht viel Eindeutiges finden. Vielleicht hat der Atheismus an der falschen Stelle gesucht und daher angesichts der leidvollen, hässlichen und schmerzlichen Facetten des Lebens Gott verabschiedet. Kreuz und Auferstehung Christi zeigen, wie die Allmacht Gottes sich nicht als unwiderstehliche Kraft souverän durchsetzt. Sie erreicht das versprochene Heilsziel, indem sie das ultimative Übel erleidet, den Tod. Sie wirkt in sich selbst zurücknehmender Niedrigkeit (Phil 2,5ff.) und ohnmächtiger Schwachheit (1Kor 1,25; 2Kor 12,9).

Nun könnte man atheistisch einwenden, was auch berühmte Theologen wie Karl Rahner fragen: Wenn es Gott genauso dreckig geht wie mir, dann nützt er mir gar nichts, um aus meinem Dreck herauszukommen. Ja, das würde stimmen, wenn Tod und Leiden das letzte Wort hätten. Haben sie aber nicht. Die Auferweckung Jesu Christi von den Toten ist der Beweis Gottes dafür, dass er selbst das schlimmste und übelste aller Leiden, die Gottverlassenheit im Tod, mit uns teilt, um es endgültig zu überwinden. Eine grössere Allmacht ist nicht denkbar als die der gekreuzigten Liebe Gottes (Röm 8,34).

Die Geschichte der Taten Gottes ist voll von lauter kleinen Auferweckungen. Brüder führen mit ihrem Bruder Böses im Schilde, aber Gott geht mit und macht was Gutes draus (1Mo 50,20). Gott, dem Töpfer, misslingt ein Gefäss, aber dann zeigt er seine wahre Kunst und formt etwas anderes, etwas Neues (Jer 18,4). Menschen gehen das Risiko echter Liebe ein, machen sich unglaublich verletzlich, werden verletzt und betrogen, aber dann geschieht das Wunder der Vergebung. Und eine Liebe wird vielleicht neu, anders, irgendwie tiefer als vorher. Solche biblischen und ausserbiblischen Geschichten können es plausibel machen, an Gott zu glauben – mitten im Leid.

In gewisser Weise teile ich die nüchterne Einschätzung vieler Atheisten: Die Welt ist unerlöst. Ich muss damit leben, dass Gott sich entschieden hat eine Welt zu erschaffen, in der es keine Sicherheiten gibt, in der auch mich und meine Lieben jedwedes Leid zu jeglicher Zeit an allen Orten treffen kann. Das kann mir echten atheistischen Schwindel verpassen. Aber ich habe einen richtig guten Grund, einen felsigen Stein des Anstosses wider den Atheismus: Es ist der weggerollte Stein des Grabes Christi. Es ist die Tatsache, dass Gott seinen Sohn von den Toten auferweckt hat.

Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.
Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.

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Kontakt zum Autor: andreas.loos@tsc.education

Literaturhinweise

  • Gisbert Greshake: Warum lässt uns  Gottes Liebe leiden, Freiburg, 2007.
  • Armin Kreiner: Gott im Leid. Zur Stichhaltigkeit der Theodizee-Argumente, Freiburg 2005.
  • Klaus von Stosch: Theodizee, Paderborn 2013.
  • Holm Tetens: Gott denken, Ein Versuch über rationale Theologie, Stuttgart 2015.

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Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.