Communicatio-Magazin, Kommunikative Theologie

4 Strategien zum Umgang mit dem gewalttätigen Gott der Bibel

Communicatio-Magazin 2/2019: Der gewalttätige Gott der Bibel (Kämpfer, 1500x500px)
Artikel aus dem Communicatio-Magazin 2/2019

4 Strategien zum Umgang mit einem anstössigen Gottesbild

Autor: Dr. Andreas Loos

Ungefähr 1000 Bibelstellen bringen Gott in direkte Verbindung mit brutaler Gewalt. Sein Zorn entbrennt, er bestraft mit Tod und Untergang, rächt sich. Die Theologie hat verschiedene Strategien entwickelt, diese Gewalttätigkeit zu erklären und einzordnen. Vier davon stellt Dr. Andreas Loos (Dozent für Systematische Theologie am tsc) genauer vor:

Die atheistische Kritik stösst uns auf ein echtes Problem

Manche Kritik am christlichen Glauben lässt sich entschärfen, indem man zugibt: «Ja, in der Geschichte der Christenheit geschah vieles, was nicht mit dem guten Willen Gottes übereinstimmt.» Und dann kann man einem Atheisten empfehlen, sich das Original des Glaubens anzuschauen, wie es in der Bibel bezeugt wird. Der Vorwurf, dass Gott gewalttätig ist und gewaltbereit macht, lässt sich so nicht entkräften. Denn er kommt daher, dass Atheisten die Bibel lesen, und zwar mindestens so aufmerksam und intensiv wie die Gläubigen. Etwa Kurt Flasch, wenn er den «Gott der Väter» näher betrachtet, der in 1. Samuel 15 – wie so oft – den Befehl erteilt, eine komplette Stadt und alle Menschen darin auszulöschen: «Ich kann diesen Gott nicht anerkennen … Dass niemand Kinder und Säuglinge töten darf, dessen bin ich mir sicherer als dass es die Stimme Gottes ist, die aus dem Mund des Schlächters Samuel Pogrome befiehlt» (Warum ich kein Christ bin, S. 158–159).

Dieser Atheismus klingt völlig anders als «Der Gotteswahn», den Richard Dawkins den Christen in einer nicht gerade gewaltfreien Sprache vorwirft. Denn das nachdenkliche «Ich kann an diesen Gott nicht glauben» schlummert in den Herzen vieler Christen, wenn sie die Bibel einmal ungeschminkt und ungezähmt zu Wort kommen lassen. Ich finde, der Atheismus erweist dem Glauben an Gott einen guten Dienst. Er lässt es mir nicht durchgehen, dass ich die Gewaltstellen der Bibel lese, aber dann zur Seite lege. Im Gegenteil, er mutet mir unbequeme Fragen zu: War ich zu faul, mal ernsthaft die dunklen Seiten Gottes zu bedenken? Hatte ich Angst, den «guten Gott», den «lieben Gott» zu verlieren? Haben mich diese biblischen Texte kalt gelassen, weil ich selbst nie Opfer von Gewalt war?

Auch wenn es mir nicht in meinen Glaubenskram passt, ich nehme es mit Franz Buggle erst mal zur Kenntnis: «Die Bibel beinhaltet und propagiert an erschreckend zahlreichen Stellen und in ausgeprägter Weise eine Tendenz zu archaisch grausamer Gewalttätigkeit» (Denn sie wissen nicht, was sie glauben, S. 36). Der Theologe Raymund Schwager listet diese Gewalt so auf: An ca. 600 Stellen erzählt die Bibel, wie Völker, Könige oder einzelne Menschen sich grausam an anderen vergehen. Ungefähr 1000 Stellen bringen Gott in direkte Verbindung mit brutaler Gewalt: Sein Zorn entbrennt, er bestraft mit Tod und Untergang, rächt sich. An über 100 Stellen befiehlt Gott ausdrücklich, menschliches Leben zu vernichten (Brauchen wir einen Sündenbock?, S. 64–81). Und manchmal scheint es, als würde Gott sich selbst am vergossenen Blut berauschen: «Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen, und mein Schwert soll Fleisch fressen, mit Blut von Erschlagenen und Gefangenen» (5Mo 32,42).

Es wäre vermutlich wirkungsvoll, jetzt ein paar biblische Blutproben zu nehmen. Ich verzichte auf diese Effekthascherei. Stattdessen male ich eine Skizze mit den theologischen Lösungsversuchen, die mir gegenwärtig als die einflussreichsten erscheinen. Wichtig ist mir dabei Folgendes: Im wirklichen Leben überlappen sich diese Ansätze. Theologinnen und Theologen nehmen meistens Aspekte aus mehreren Strategien auf. Mit Kritik halte ich mich bewusst zurück, will aber kurz erläutern, wie jeder Weg zur Erfassung und Lösung des Problems beiträgt.

Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie.
Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona für Systematische Theologie.

Der Theologe Raymund Schwager listet diese Gewalt so auf: An ca. 600 Stellen erzählt die Bibel, wie Völker, Könige oder einzelne Menschen sich grausam an anderen vergehen. Ungefähr 1000 Stellen bringen Gott in direkte Verbindung mit brutaler Gewalt: Sein Zorn entbrennt, er bestraft mit Tod und Untergang, rächt sich. An über 100 Stellen befiehlt Gott ausdrücklich, menschliches Leben zu vernichten

Strategie 1: Die Bibel reinigen und anpassen

Was, wenn die anstössigen Gewalttexte der Bibel eigentlich gar nicht Wort Gottes sind? Dann wäre das Problem erledigt. Eine bekannte Variante dieser Strategie präsentiert der Theologe Marcion (gestorben 160 n.Chr.). Ähnlich wie die Gnosis trennt er zwischen einem guten und vollkommenen Gott und einem Gott, der die Welt erschaffen hat und sie wild und unbarmherzig richtet. Die Gewaltstellen des Alten und Neuen Testaments stammen von diesem zweiten, fragwürdigen Gott und gehören nicht in die Bibel. So entwickelt Marcion seinen eigenen biblischen Kanon.

Eine andere Variante der Bereinigungsstrategie geht davon aus, dass manche oder sogar alle Gewalttexte der Bibel keine historischen Ereignisse berichten. Sie haben ihren Weg in die Bibel aus anderen Gründen gefunden. Diese Gründe lassen sich mit den Werkzeugen der historisch-kritischen Bibelauslegung herausfinden. Man untersucht das geschichtliche Umfeld der Texte, die weltbildlichen und religiösen Vorstellungen der Verfasser und Leser damals sowie die Bedingungen, unter denen die Texte entstanden und vor allem weitergewachsen sind. So lässt sich beispielweise rekonstruieren, wie das Volk Gottes seine eigene Geschichte erzählt hat. Um sich so seiner Identität als auserwähltes Volk Gottes zu vergewissern – etwa durch übertriebene Erzählungen von Gottes gewaltigen Siegen über die Feinde. In den Gewalttexten der Bibel spricht also nicht Gott. Sie sind Texte von Menschen, die in fragwürdiger Weise von Gott reden wie von einem sündigen, rachsüchtigen und gewalttätigen Menschen (anthropomorphe Redeweise).

Diese Herangehensweise hilft uns zu verstehen, wie Gewalt die Zeit und Umwelt des Alten Testament geprägt hat. Vertreter dieser Sichtweise haben erkannt, dass die Spannung zwischen dem Gott und Vater, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat, und dem gewalttätigen Gott des Alten Testaments für den Glauben zerreissend sein kann. Und sie nehmen ernst, wie grundsätzlich unsere heutigen, ethisch vernünftigen Grundintuitionen und Erkenntnisse abweichen von dem, was uns die Bibel über das brutale Verhalten Gottes und seines Volkes berichtet.

3 Vorteile der Strategie 1:

  • hilft verstehen, wie Gewalt die Zeit und Umwelt des Alten Testaments geprägt hat.
  • weiss, dass die Spannung zwischen dem Gott und Vater, der sich in Jesus offenbart hat, und dem gewalttätigen Gott des Alten Testaments für den Glauben zerreisend sein kann.
  • zeigt Diskrepanz auf zwischen heutigen Grundintuitionen und dem, was die Bibel über das brutale Verhalten Gottes und seines Volkes berichtet.

Strategie 2: Gottes gewalttätiges Handeln plausibilisieren

Hier nimmt man die ganze Bibel als inspiriertes Wort Gottes ernst. Mit den Mitteln einer historisch-theologischen Exegese versucht man nun herauszufinden, was die guten Gründe und Absichten sind, die Gottes gewalttätigem Handeln zugrunde liegen. Es geht nicht darum, das für gut zu erklären oder schön zu reden, was die Bibel an Gewalt berichtet. Es geht darum, den Glauben an Gott zu rechtfertigen, indem man sein gewalttätiges Handeln zum Beispiel als gerechtes Gericht oder begründete Vergeltung an den sündigen Völkern und ihren Göttern aufzeigt
(2Mo 12,12). Oder auch, indem man auf das grössere Gut verweist, das Gott mit seinem Handeln verfolgt (Bonisierungsstrategie). So bewahrt er sein Volk vor tödlichem Götzendienst und schuldhaftem Handeln durch die Vermischung mit anderen Völkern. Oder er verhindert durch sein gewaltiges Handeln noch mehr und brutalere Gewalt. Er erzieht und leitet sein Volk auf Wegen, die wir Menschen nicht immer nachvollziehen können (Jer 30,11).

Vertreter dieser Strategie ermöglichen tiefe Einblicke in das heilsgeschichtliche Handeln Gottes. Die Gewalt Gottes kommt als Handeln zum Heil seines Volkes und der Menschen zum Vorschein. Auf diese Weise wird die angebliche Kluft zwischen einem Gott des Alten und einem Gott des Neuen Testamentes überbrückt. Und aus Sicht der Opfer von Gewalt scheint mir der Gedanke unerlässlich, dass Gott sich den Gewalttätern entgegenstellt.

3 Vorteile der Strategie 2:

  • ermöglicht tiefe Einblicke in das heilsgeschichtliche Handeln Gottes.
  • überbrückt die angebliche Kluft zwischen einem Gott des Alten Testaments und einem Gott des Neuen Testaments.
  • macht klar, dass Gott sich den Gewalttätern entgegenstellt.

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Strategie 3: Gottes Heilshandeln dynamisch verstehen

Auch hier weigert man sich, die gewalttätigen Darstellungen Gottes mit Hilfe eines vorgefassten Gottesbildes für unbiblisch zu erklären. Man liest sie als echtes Zeugnis davon, wie Gott sein Volk (und alle Menschen) vor innerer und äusserer Grausamkeit und Zerstörung schützen wollte. Dabei erkennt man einen Strategiewechsel in Gottes heilsgeschichtlichem Handeln. Auf den Wegen des Alten Bundes vermochte Gott die Menschen nicht zu erlösen, dieser Weg ist gescheitert. Deshalb verheisst und stiftet Gott einen Neuen Bund. In Jesus Christus zeigt sich ein dynamischer und beweglicher Gott, der sein Verhalten gegenüber uns Menschen ändert. Nur so kann er uns weiter treu bleiben und lieben. Er überwindet die sündige Spirale des Bösen und der Gewalt nicht, indem er in Zorn, Rache und Gericht zurückschlägt, sondern indem er sich selbst schlagen lässt (siehe Hempelmann: Gott ohne Gewalt, S. 88–117).

Vertreter dieses Ansatzes machen deutlich: Gott ist im Neuen Testament kein anderer als im Alten Testament, aber er handelt und verhält sich anders. Die atheistische Kritik läuft hier weitgehend ins Leere angesichts eines Gottes, der selbst Opfer von Gewalt wird, um Gewalt zu beenden. Die Torheit und Schwachheit des Kreuzes Christi (1Kor 1,18–25) leuchtet hell auf, sodass der heute immer noch weitverbreitete Mythos von der erlösenden Gewalt entlarvt wird.

3 Vorteile der Strategie 3:

  • macht deutlich, dass Gott im Neuen Testament kein anderer ist als im Alten Testament, sich aber anders verhält.
  • lässt die atheistische Kritik ins Leere laufen, weil Gott selbst Opfer von Gewalt wird, um Gewalt zu beenden.
  • entlarvt den Mythos von der erlösenden Gewalt.

Strategie 4: Die gewalttätigen Porträts Gottes durch das Kreuz Christi verstehen

Die Grundüberzeugung dieses Lösungsversuchs lautet: Die ganze Bibel ist von Gott durch seinen Geist gehaucht und hat ein Zentrum: der menschgewordene Sohn Gottes, Jesus Christus. Wer Gott ist und wie er sich gegenüber uns verhält, das hat er selbst definiert im Kreuzes­tod seines Sohnes: Gott ist Liebe, die sich sogar für die Feinde hingibt. Bereits die Schriften des Alten Testaments handeln von Christus (Joh 5,36; Lk 24,27). Daher, so die Argumentation, muss man das, was dort von Gottes gewalttätigem Handeln berichtet wird, lesen und verstehen durch die Christusbrille der gekreuzigten und gewaltlosen Liebe Gottes. Mit dieser Strategie versucht man, die kreuzesgemässe Gestalt des Handelns Gottes im Alten Testament zu enthüllen. Etwa dort, wo Gott sich zurückzieht, der Gewalt freien Lauf lässt, bis sie sich selbst verzehrt. Das cruciforme Verhalten Gottes zeigt sich auch darin, dass er jene Gottesbilder, die ihn als gewalttätig porträtieren, nicht aus der Bibel entfernt hat. So tief neigt er sich in Liebe zu den Menschen, dass er ihre entstellten Gottesbilder aushält und in Jesus Christus durchkreuzt.

Vertreter dieses Ansatzes verharmlosen die gläubigen und atheistischen Zweifel an Gott nicht. Sie helfen der bibellesenden Christenheit inmitten der unterschiedlichen und sich reibenden Gottesbilder, die uns die Bibel zumutet. Und sie suchen die Lösung, indem sie der Bibel zu ihrer Mitte hin folgen – zu Jesus Christus. Zunächst ist das wie eine heilsame Flucht zum gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes – typisch für den christlichen Glauben. Aber aus dieser Flucht wird eine biblische Erneuerung des Gottesbildes, die vergessene und vernachlässigte Seiten Gottes beleuchtet.

3 Vorteile der Strategie 4:

  • verharmlost nicht die Zweifel an Gott.
  • folgt der Bibel zu ihrer Mitte hin: zu Jesus Christus.
  • versucht die Spannung der unterschiedlichen Gottesbilder aufzulösen.

Literaturangaben

  • Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann. Eine Streitschrift, Aschaffenburg 2012.
  • Kurt Flasch: Warum ich kein Christ bin. Bericht und Argumentation, München 2013.
  • Heinzpeter Hempelmann: Gott ohne Gewalt! Warum Toleranz und Wahrheit für den christlichen Glauben zusammengehören, Gießen 2009.
  • Raymund Schwager: Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften, München 1986.
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Über Dr. Andreas Loos

Dozent für Systematische Theologie am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc). Die Gewalttätigkeit Gottes ist für seinen Glauben zu einer der schwierigsten Herausforderungen geworden.

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5 Kommentare zu “4 Strategien zum Umgang mit dem gewalttätigen Gott der Bibel

  1. Lusti sagt:

    Die ganze Argumentation des Berichts dreht sich im Kreis. Wieso sollten die gewaltsamen Stellen von Menschenhand sein und die gewaltlosen vom wahren Gott Zeugnis ablegen? Wieso nicht andersrum?
    Stellen nicht gerade unsere humanistischen, sakulären Werte die Bibel und Gott auf den Prüfstand?
    Warum lehnt der Humanist Sklaverei ab? Weil er vielleicht nicht selbst Sklave sein möchte und dieses Leid auch keinem anderen zufügen will.

    Auch das Loophole mit Jesus, womit die Argumentation erzeugt werden soll, dass sich der Allmächtige selbst geopfert hat entfällt mit seiner Wiederauferstehung. Somit war sein “Opfer” sinnlos, da es am Ende keines war. Klar man kann veruschen die Bibel zum x-ten mal neu zu interpretieren, die entsprechenden Rosinen zu picken und die unliebsamen Wahrheiten in irgendeiner Form zu erklären. Das ist im Endeffekt intelektuell unehrlich. Entweder man akzeptiert die Bibel als Gottes Wort in seiner Gesamtheit und akzeptiert einen rachsüchtigen und gewaltvollen Gott oder man ist zu sich selbst so ehrlich einzugestehen dass die gesamte Bibel ein historisches Werk ist, von Menschenhand gestaltet und somit nicht das Zeugnis des Allmächtigen. Jeder versuchte Mittelweg endet wie oben als intelektuelle, ziellose Gedankengymnastik.

    1. Andreas Loos sagt:

      Danke, dass Sie sich mit dem Text zu den vier Strategien beschäftigt haben und darauf reagieren.

      Verstehe ich richtig, dass Sie die Strategien 3 und 4 kritisch sehen? Im Aufsatz habe ich die Strategien ja erst mal nur dargestellt, ohne sie aus meiner Warte zu beurteilen. Jetzt beziehe ich selber Position und versuche, auf Ihre kritischen Anmerkungen zu antworten:

      Ich frage mich, ob die beiden Alternativen, die Sie am Ende recht selbstbewusst zeichnen, jemals funktionieren. Gerade diejenigen, die die Bibel als Wort Gottes in seiner Gesamtheit ernst nehmen, entdecken doch, dass die Bibel selbst in keiner Weise gebietet, einen rachsüchtigen und gewaltvollen Gott zu akzeptieren. Die größte Spannung entsteht , wenn man Jesu Aussagen zur Gewalt mit anderen Aussagen vergleicht. Auf hunderten von Bibelseiten finden sich die Gläubigen überhaupt nicht ab mit dem, was Gott tut. Sie klagen und protestieren, und an über vierzig Stellen führt das dazu, dass Gott sich die Gewalttat, die er zu tun gedenkt, gereuen lässt!
      Intellektuell unerhlich und biblisch wäre für mich, alle Aussagen der Bibel auf einem Level zu lesen. Denn die Bibel selbst sagt uns, dass in Jesus Christus erst wirklich deutlich wird, wer Gott ist, in welcher Beziehung er zu uns steht. “… ich aber sage Euch”, spricht Jesus und korrigiert damit teilweise das, was an anderer Stelle geschrieben steht.
      Hebt die Auferstehung Jesu sein ohnmächtiges Leiden auf? Bereits Rudolf Bultmann meinte: “Wer weiss, dass er am dritten Tage auferstehen wird, für den will das Sterben nicht viel bedeuten.” Die Bibel spricht aber davon, dass Jesus Christus sein geschundenes und zu Tode gefoltertes Menschsein auf Ewigkeit nicht ablegt. Auf dem Thron Gottes, den der Seher Johannes sieht, sitzt das geschlachtete Lamm. Das Leiden wird zu einer “ewigen Signatur des Wesens Gottes” (Jürgen Moltmann).
      Ein Mittelweg ist nötig und auch möglich, weil die Bibel uns hier an der Hand nimmt.

      1. Lusti sagt:

        Besten Dank für Ohre Antwort. ich will versuchen meine Schlussfolgerung zu erklären und auf ihre Punkte einzugehen.
        Mir wurde als im Religionsunterricht die Bibel als vollkommenes Werk eines vollkommenen Gottes präsentiert. Gleichzeitig habe ich ein Elternhaus genossen, in welchem das kritische Hinterfragen erwünscht und gefördert wurde. So habe ich die Bibel gelesen und sehr schnell bemerkt, dass die Bibel in sich geschlossen die Logik nicht einhält. Vereinfacht gesagt widerspricht sich die Bibel in vielen Punkten selbst.
        So beziehen Sie sich z.B. auf eine Gott der Reue empfindet. Widerspricht das nicht der Tatsache, dass dieses omnipotente, omnipräsente, allwissende Wesen gar keine Fehler machen kann, oder der Logik folgend, darf. Mit der Schöpfung des Menschen wusste er bereits alles was passieren wird. Hier wird gerne mit dem “freien Willen” argumentiert, aber die Taten die Gott plant und durch Reue nicht ausführt sind nicht Teil dieses freiens Willens. Ergo ist Gott entweder perfekt und die Bibel definiert ihn falsch, oder er ist es eben nicht.
        Sie deuten an das Jesus gewisse stellen korrigiert. Das kann man durchaus so sehen, an anderen Stellen trägt er aber das fatalistische Gedankengut weiter. Ein Beispiel:
        Mt 10,24 “Ein Jünger steht nicht über seinem Meister und ein Sklave nicht über seinem Herrn.” – hier wird also klar das Dogma der erlaubten Sklaverei durch Jesus wiederholt und bestärkt.
        Mt 10,34ff “Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.” – also ist auch die Inkarnation Gottes in Christus keineswegs die eines liebenden Gottes. Und exakt dieser Vers hat mich entgültig zum Atheisten gemacht. Ich bin nicht würdig, denn ich würde meine Töchter immer mehr lieben als Christus und ein Gott der mich vor diese Wahl stellt, hat meine Liebe und Demut auch nicht verdient.

        Insgesamt wusste Jesus von Anfang an von der Existenz Gottes, sein Sterben war tatsächlich sinnlos. Denn schlussendlich kehrt er doch nur in der warmen Schoss dessen zurück, was er bereits kannte. Ein Wissen das wir Menschen keineswegs teilen, sondern bestenfalls hoffen dürfen.

        Ich will hier keineswegs Atheisten produzieren, jedem Menschen sei sein Glaube erlaubt und wenn ein Mensch durch seinen Glauben, Hoffnung, Sinn und Lebensmut schöpft oder sogar im Namen seines Glaubens Gutes tut, so bin ich der allerletzte der hier irgendwelche Einwände vorbringen will, und ehrlich gesagt auch nicht kann. Wie soll ich gegen eine Quelle des Guten argumentieren, die Taten sind das wichtige, egal wodurch diese motiviert wurden. Wir aber mit der Bibel als Wort Gottes argumentiert wird es schwierig, denn die Fehler in der inneren Logik und die Charakterisierung des darin enthaltenen Gottes legen der Logik nach nahe, dass es entweder das eine (menschgemacht) oder das andere (ein sehr brutaler und rachsüchtiger Gott) sein muss. Den von Ihnen beschriebenen Mittelweg kann ich beim besten Willen nicht sehen.

  2. Andreas Loos sagt:

    Ich glaube, ich verstehe Ihre Gedanken und Anliegen nun besser, danke für die Präzisierungen.
    Und nicht nur das: Sie weisen mit vollem Recht auf große Spannungen, wenn nicht gar Risse hin, die man gerade dann entdeckt, wenn man die Bibel gründlich liest. Und das tun Sie anscheinend.
    Am tiefsten trifft mich mit meiner cruciformen Strategie natürlich das von Ihnen zietierte Wort Jesu aus MT 10,34ff., durch das Sie endgültig zum Atheisten geworden sind. Und ich gebe unumwunden zu: So eindeutig, wie wir ihn nach unserer Logik (welche Logik ist das eigetnlich?) gerne hätten, ist Jesus Christus nicht. Er lässt sich nicht vereinnahmen. Sie legen also den Finger auf eine Schwachstelle meiner Argumentation, die ich so zusammenfassen würde: Wer die Spannungen eines biblischen Gottesbildes meint auflösen zu können, indem er/sie auf Jesus Christus als Mitte der Bibel verweist, der muss sich dessen bewusst sein, dass auch Jesus Christus eine spannungsvolle, nicht einfach so eindeutige Person der Bibel ist.
    Was wir hier leider nicht verfolgen können, das ist die Frage nach einem angemessenen Verständnis dieser Sätze. Ich deute nur kurz an, dass “Schwert” hier nicht für Gewalt und Blutvergiessen steht, sondern für scharfe Unterscheidungen, die der Glaube an Jesus als Christus mit sich bringen kann. Und ich gebe direkt mal ein Beispiel: In der Synagoge von Nazareth liest Jesus den Text aus Jes 62,1-2 und lässt den Satz vom “Tag der Rache unseres Gottes” weg. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben sich die Menschen damals darüber empört, weil die Vorstellung eines Tages des Zorns, an dem Gott sein Volk vor allen Völkern rechtfertigen wird, zentraler Aspekt der Messiaserwartung war. Dass Jesus auf diese Weise eine Umdeutung messiansicher Vorstellungen vollzieht und verkündigt, führt dazu, dass man ihn steinigen will. Aber wie gesagt, es wäre für diesen Blog wohl zu lange, sich hier in die exegetischen Details zu vertiefen. Also noch mal, da bleiben auch bei Jesus spannungen.
    Eine Rückfrage habe ich allerdings: Stehen wir nicht beide in der Gefahr, eine Logik an die Bibel heranzutragen, die der Bibel aber in dieser Weise gar nicht eigen ist? Woher stammt denn die von Ihnen vertretene “entweder göttlich oder menschlich” Logik? Nach meiner Erkenntnis ist es in der Tat eine ganz bestimmte Form des Theismus, die selbst dazu beigetragen hat. Wer den vollkommenen Gott als eine Art Person denkt, die in absoluter Weise allmächtig, allwissend, ewig und allgegenwärtig ist, der darf sich nicht wundern wenn dabei ein Gott-Welt Verhältnis herauskommt, bei dem alles, was auf dieser Erde geschieht, für Gott nichts Ernsthaftes bedeutet – noch nicht mal das Erleiden des Todes. Er ist unveränderlich, vollkommen perfekt, alles geschieht nach seinem vollkommenen Ratschluss. In gewisser Weise logisch ist das, aber was für eine Logik? Jedenfalls eine, die mich förmlich zum Ahteismus treiben würde, weil hier Gott in deutlicher Konkurrenz zum Menschen gedacht ist: Je mehr Gott, desto weniger Mensch. Und es scheint uns nichts anderes übrig zu bleiben als zu sagen: Mehr Mensch und weniger oder vielleicht sogar gar kein Gott.
    Die Botschaft der Bibel ist eine andere: Je mehr Gott, deso mehr Mensch – und umgekehrt. Und der, von dem ich sage, dass er wahrer Mensch und wahrer Gott war, bestätigt das eindrücklich.
    Mir scheint, Sie sind dieser modernen Logik, die zwischen Theismus und Atheismus hin und her pendelt, zugetan. Ich meinerseits versuche, diese Logik hinter mir zu lassen und durch eine Logik der Liebe zu ersetzen. Und das heisst für mich auch, personal-theistische Vorstellungen von Gott zu modifizieren. Und zwar mit Hilfe der Bibel. Eben, ein Gott, der fähig ist zur Reue. Ein Gott, der die Freiheit der Menschen nicht rückgängig macht, wenn sie aus dem Ruder läuft. Ein Gott, der damit klarkommen muss, dass es Sklaverei gibt, und geduldig warten muss, bis die Zeit reif ist, sie abzuschaffen. Ein Gott, der es sich gefallen lässt, dass man von ihm in der Logik der Gewalt und menschlicher (All)Macht denkt. Ein Gott, der sich Gewalt antun lässt und sie erleidet und eben nicht zurückkehrt in den warem Gottesschoss.
    Ihre Kritik trifft ein bestimmtes Bild von einem vollkommen gedachten Gott, der uns ein vollkommenes Buch gegeben hat. Und genau diese Kritik ist nötig zur Selbstreinigung des christlichen Glaubens, damit man heute mit guten Gründen an Gott glauben kann.

  3. Lusti sagt:

    Besten Dank für Ihre Antwort. Ich versuche die Punkte thematisch Abzuarbeiten:
    Zur Logik:
    Nun es gibt keine “moderne Logik”, es gibt nur Logik. Sie ist ein von Menschen kriertes Denkschema welches ermöglichen soll zu vernünftigen Schlussfolgerungen zu kommen. Ihre “Existenzberechtigung” zieht sie aus der Tatsache, dass sie reproduzierbare und überprüfbare Aussagen über die Realität erstellt und diese mit der Realität auch übereinstimmen. Ich kann aber für meine Logik natürlich Argumente aus der moderne heranziehen. So kann ich gegen Zeus als Gott der Blitze argumentieren, da ich weiss wie Blitze enstehen und dadurch auch seine Macht an diesem Phänomen anzweifeln.

    Zur Exegese:
    Wieso braucht es diese “Kunst der Interpretation” überhaupt? Sobald ich das Wort Gottes anfange zu interpretieren, schaffe ich damit nicht meine eigene Religion? Sind all die Denominationen im Christentum (und natürlich auch aller anderen Religionen) nicht gerade darauf fundiert, das eben kein uninterpretierbares Werk vorhanden ist? Und wenn wir gerade bei der Exegese sind: Sie hören mich vor ihrem Haus aus der Dunkelheit rufen: “Ich bin nicht gekommen im ihnen Frieden zu bringen, sondern das Schwert.” Würde sie hier die Polizei alarmieren oder das Risiko der Exegese eingehen, ich könnte nur einen argumentatorischen Standpunkt etwas scharf Unterscheiden wollen?

    Zur Existenz Gottes:
    Meine Frage als Junger Mensch damals und als Erwachsener Mensch heute ist diesselbe: Kann die Bibel Gottes Schrift sein und kann dieser Gott aus der Bibel überhaupt existieren. Und falls er es nicht tut, welche Konsequenzen hätte diese Erkentnis für mich oder die Menschheit als gesamtes.
    Gott scheint durchaus in der Lage zu sein, direkte Anweisungen an seine Kinder zu geben. So hat er kein Problem damit unsere Ernährung zu definieren. Was gegessen werden kann und was nicht. Auch in Bezug auf die Sklaverei, also den Besitz und die Behandlung eines Menschen der Eigentum eines anderen ist, kann er Regeln erlassen. Er kann es aber nicht verbieten, dass soll die Schöpfung dann selbst herausfinden?

    Zur Bibel, Mensch und Gott:
    Wie viel mehr Mensch kann sein, wenn Gott existiert. Oder anders gefragt: Wie viel weniger Mensch kann sein, wenn Gott nicht existiert. Sie beschreiben dies in Ihrem Fall als Abkehr von der Logik und Zuwendung zur Logik der Liebe. Das ist alles kein Problem, solange diese personaltheistische Vorstellung und die Modifikation von Gott durch einen Menschen mit humanistischen Grundwerten gemacht wird. Es wird zu Problem wenn diese Grundwerte zum Beispiel durch national-sozialistische Ersetz werden. Es ist nicht der Fehler der Bibel dass die Waffen-SS “Gott mit uns” auf dem Gürtel trug, es zeigt aber auf, dass solche eine Interpretation aus den falschen Motiven heraus fatal ist. Es ist mir wichtig dass diese Beispiel nicht als Totschlagargument benutzt wird (was viele Atheisten leider tun) sondern als Mahnwache an die Menschheit, wie sie mit solch mächtigen Werkzeugen wie der Bibel umgehen soll.

    Im Endeffekt kann ich die nächsten 1000 Post und Reposts auf die Fehler der Bibel und die Diskrepanz der darin enthaltenen Moral gegenüber meiner sakulären humanistischen Weltanschauung verweisen. Und sie könnten um Gegenzug immer wieder (auch sehr gute, das sei an dieser Stelle auch vermerkt) Gegenargumente vorbringen, wie man die Bibel in die Welt des 21. Jh portieren soll. Es läuft aber darauf hinaus, dass sie immer Exegese betreiben müssen, um das Wort Gottes zu portieren. Und ich muss meine Weltanschauung auch immer wieder an den Grundwerten und an der Realität und den Bedürfnissen der Menschen anpassen, die um mich herum existieren.

    Im Prinzip gehen wir denselben Weg, einfach auf parallel verlaufenden Strassen. Sie haben die Strasse Gottes gewählt, nehmen seine Existenz als gegeben und lösen die Konflikte der heiligen Schriften durch die Exegese. Ich habe die Strasse des Atheisten gewählt.
    Wir setzen uns beide mit den Menschen um uns herum auseinander, begreifen sie als atmende, fühlende und liebende Wesen mit Hoffnung und Ängsten. Ob sie in ihnen die Kinder Gottes mit einer Seele sehen oder ich als Produkt einer Evolution ist irrelevant. Es mag für einen intellektuellen Diskurs wie wir ihn führen relevant sein. Meinen Töchtern ist aber egal warum ich sie am Abend in den Arm nehme, durch einen Glauben oder einfach aus einem angeborenen Brutpflegeverhalten heraus.

    Und so kann die Frage mehr oder weniger Mensch für mich nicht durch mehr/weniger Gott beantwortet werden. Mehr Mensch kann sein, wenn andere Menschen sich mehr um Menschen kümmern. Ungeachtet der Mitovation …

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