Das Gebet des Messias
Vision für die Kirche – Muster für unsere Spiritualität
Jesus als Beter – ihm begegnen wir an vielen Stellen in den vier Evangelien. Von ihm kann man beten lernen; das ahnten schon die zwölf Jünger, die Jesus baten «Herr, lehre uns beten» (Lukas 11,1). Einen ganz einzigartigen Einblick in das Beten von Jesus bietet uns das Kapitel Johannes 17. Diese Fürbitte von Jesus ist nicht nur unerschöpflich reich an Theologie, sondern auch ein Gebetsmodell für die persönliche Spiritualität – und eine Vision für die Jesusgemeinde.
Traditionell spricht man vom «hohepriesterlichem Gebet». Wir finden darin aber auch Schwerpunkte, die ihre Wurzeln bei den biblischen Propheten haben, z. B. Aussendung und Verkündigung. Darüber hinaus gibt es Elemente, die an Israels Könige erinnern, so die Bitte um Schutz und die Verherrlichung des Sohnes. Priesterlich, prophetisch, königlich – schon in der Alten Kirche entwickelte man die Lehre von den drei «Ämtern» von Jesus, nämlich König, Priester und Prophet. All das steckt auch in diesem Gebet. Aus diesem Grund spreche ich lieber vom «Gebet des Messias». Ein Titel, der die drei «Ämter» zusammenfasst und dem Ziel des Johannesevangeliums entspricht (Johannes 20,31).
Ausgehend vom Zentrum (Vers 1-5) weitet sich das Gebet über die Jünger (Vers 6-19) bis hin zur künftigen Gemeinde aus (Vers 20-26).
Das Ziel: Herrlichkeit und Ehre
Jesus hat alles erledigt, was ihm der Vater aufgetragen hat. Nun (Vers 1-5) betet er, dass der Vater ihn durch seinen bevorstehenden Tod und seine Auferstehung die Herrlichkeit zurückgibt, die der Sohn Gottes schon seit Ewigkeit hatte (17,1.5; 1,14). Wir hören also dem Sohn zu, der vor aller Zeit schon da war, nun Knechtsgestalt annahm und sich jetzt auf die Reise zurück zum Vater vorbereitet. Sowohl der Prolog (Kapitel 1) des Johannesevangeliums als auch das Messias-Gebet ermöglichen uns einen Blick über den diesseitigen Horizont hinaus in die ewigen Heilspläne Gottes. Aus dem unmittelbaren Kontext lässt sich ableiten, dass Jesus beabsichtigte, von den Jüngern gehört zu werden. Wer diesem Gebet lauscht, steht quasi im himmlischen Thronsaal (königliches Bild), im göttlichen Rat (prophetisches Bild) oder im Allerheiligsten (priesterliches Bild) und hört dem Sohn Gottes bei seinem Gespräch mit seinem Vater zu.
Obwohl es im ersten Teil des Gebets um die gegenseitige Verherrlichung von Vater und Sohn geht, hat Jesus auch die Jünger im Blick, wie wir in Vers 24 sehen. Weil Gott seinen Sohn verherrlicht hat, verfügt Jesus über die Vollmacht, allen, die ihm anvertraut wurden, «ewiges Leben zu geben» (17,2). Unter der gegenseitigen Verherrlichung müssen wir uns vorstellen, dass es das allergrösste Interesse ist, einander zu höchsten Ehren zu bringen.
Jesus betet für seine Jünger
Im mittleren Abschnitt des Gebets (Vers 9-16) bringt Jesus die Menschen vor Gott, die ihm anvertraut sind. Zuvor (Kapitel 13–16) hat Jesus seine Jünger vor den Versuchungen der Welt gewarnt. Darum betet er, dass sie in der Wahrheit bewahrt werden und eins sind, verwurzelt im Sohn und Vater.
Jesus hat seinen Nachfolgern den Namen Gottes bekannt gemacht. Wie sollen wir das verstehen? Hatte Gott seinen Namen (Jahwe) nicht bereits Mose offenbart (2. Mose 6,2; 34,5-7)? Ja, und Jesus offenbart Gott als Vater. Obschon Jahwe bereits im Alten Testament als Vater bezeichnet wird (z. B. 5. Mose 32,6), gibt es guten Grund zur Annahme, dass Jesus die Vaterschaft Gottes auf eine intimere Weise offenbarte. Er nimmt die Jünger in seinem Messias-Gebet mit hinein in seine Beziehung zum Vater. So gewinnen sie auch ein neues Verständnis ihrer eigenen Beziehung zu Gott als Vater (vgl. 17,23-24; 20,17). Wenn wir wie Jesus beten lernen wollen, müssen wir uns immer wieder ganz tief der Vaterliebe Gottes aussetzen.
Der Glaube der Jünger ist jetzt noch schwach und unvollständig. Was Gott mit dem Kreuz und der Auferstehung vorhatte, können sie erst im Nachhinein mit Hilfe des Geistes richtig verstehen (16,12-15). Das macht die Fürbitte von Jesus jetzt so nötig. Daher ist es auch verständlich, dass Jesus Gebetspriorität bei seinen Jüngern und nicht bei der Welt liegt (17,9).
Heilig und mitten in der Welt
Im Alten Testament wurden die Priester, Könige sowie die Propheten geheiligt, das heisst, sie wurden für Gott und seinen Dienst ausgesondert und gesalbt. Auch Jesus wurde für Gottes Plan ausgesondert und in die Welt gesandt. Der Begriff der «Sendung» ist für das gesamte Johannesevangelium von zentraler Bedeutung. Aus Liebe zur Welt hat Gott seinen Sohn gesandt, um die Welt zu retten. Das bestimmt die nächste Passage des Gebets (Vers 17-19): So wie er gesandt wurde, sendet Jesus seine Nachfolger in die Welt.
Diese Mission der Jünger ist damit verbunden, dass Jesus sich «um ihretwillen» heiligt. Die Jünger können sich nicht selbst heiligen. Heiligung und Mission – wieder verbinden sich zwei biblische Aufgaben, die des Priesters und die des Propheten. Als Priester sorgt Jesus durch sein Opfer stellvertretend dafür, dass die Jünger heilig werden, in prophetischer Weise setzen die Jünger die Mission von Jesus fort.
Jesus betet für die zukünftige Gemeinde
Im dritten Teil des Gebets (Vers 20-26) wird für künftige Generationen von Gläubigen gebetet, welche die Lehre der Apostel angenommen haben und dadurch zum Glauben an Christus gelangt sind. Darin setzt sich das Stichwort «Mission» fort: Der Heilsplan Gottes wird sich nicht während der begrenzten Zeit von Jesus auf der Erde verwirklichen, sondern durch die Kirche.
Im Fokus steht dabei die Einheit aller Gläubigen, verwurzelt in der vollkommenen Einheit von Vater und Sohn. Diese Einheit zwischen Vater, Sohn und den Gläubigen entfaltet auch eine evangelistische Wirkung – so erwartet Jesus es und diese Erwartung prägt sein Gebet. Wenn Menschen aus der Welt beobachten, in welcher Liebe die Glaubenden miteinander verbunden sind, werden sie nach der Quelle dieser Einheit fragen. Dabei ist bemerkenswert, dass die Liebe Gottes zu den Christen dieselbe ist wie die Liebe des Vaters zu seinem Sohn.
Können wir diese Liebe, die Vater, Sohn und die Gemeinde verbindet, noch näher beschreiben? Möglicherweise ist mit ihr der Heilige Geist gemeint. Jesus verlässt die Welt und geht zum Vater. Dass dann etwas vom Vater, «bei» den Jüngern und «in ihnen» ist, wird ganz parallel vom Heiligen Geist (14,17) und von der Vater-Sohn-Liebe (17,26) ausgesagt. Diese «Geist-Liebe» ist demnach diejenige, welche die Kirche vereint und sie zu einer glaubhaften Zeugin in der Welt macht.
Diese Mission der Jünger ist damit verbunden, dass Jesus sich «um ihretwillen» heiligt. Die Jünger können sich nicht selbst heiligen. Heiligung und Mission – wieder verbinden sich zwei biblische Aufgaben, die des Priesters und die des Propheten. Als Priester sorgt Jesus durch sein Opfer stellvertretend dafür, dass die Jünger heilig werden, in prophetischer Weise setzen die Jünger die Mission von Jesus fort.
Wir können Mass nehmen
Wir haben festgestellt, dass das gesamte Gebet von Jesu Wunsch durchdrungen ist, den Vater verherrlicht zu sehen (17,1.5). Das fordert uns heraus, unsere Gebetsschwerpunkte zu überdenken. Unsere Gebete kreisen oft um uns selbst und breiten sich zu unseren Lieben, zu unseren Verantwortlichkeiten und Bedürfnissen aus. Das Gebet von Jesus stellt jedoch das Interesse in den Mittelpunkt, dass der Vater zu höchsten Ehren kommt. Von diesem Zentrum aus breitet sich die Fürbitte nach Gottes Willen in konzentrischen Kreisen aus. Vater und Sohn werden verherrlicht, wenn die Kirche versucht, der Gebetsvision von Jesus gerecht zu werden. Im Wesentlichen betet Jesus für vier Anliegen:
- Bewahrung der Jünger in der von Jesus offenbarten Wahrheit. Diese Wahrheit bildet die Grundlage für die Einheit.
- Dass die Jünger durch das Werk Jesu geheiligt und in der Wahrheit ausgesondert werden.
- Dass die Jünger die Mission Jesu fortzusetzen und Christus in der Welt bezeugen.
- Dass die Jünger eins seien, verwurzelt in der Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Diese Gebetsvision könnte man, auf uns heute bezogen, zusammenfassen: (1) dass Gott die Kirche in der offenbarten Wahrheit beschützt, (2) dass Gott seine Kirche heiligt, (3) dass die Kirche eine missionarische und (4) in Einheit verbundene Jesusgemeinschaft sei.
Ein Gebet, das uns in Balance bringt
Zum Gebet von Johannes 17 hat der britische Theologe John Stott einmal gepredigt. Dabei stellte er heraus: Ein biblisch ausgewogenes Verhältnis von Wahrheit, Heiligkeit, Mission und Einheit ist die Voraussetzung, um den dreieinigen Gott zu ehren und um in der Welt glaubhaft für das Evangelium einzutreten. Stott verweist auf die ständige Gefahr, das biblische Gleichgewicht zwischen diesen vier tragenden Wesenseigenschaften der Kirche zu verlieren.
Es könnte passieren, dass wir die Einheit schützen – auf Kosten der Wahrheit und der Heiligkeit. Was genau ist die unverhandelbare Wahrheit, welche die Grundlage für die Einheit bildet? Nach dem Gebet von Jesus ist die Wahrheit über Gott als heiligen Vater offenbart in Jesus – dies ist das Fundament, auf dem die Einheit ruhen muss. Jesus erwartet, dass eine Generation nach der anderen durch die Lehre der Apostel zum Glauben kommt, und betet für eine Einheit, die auf ihren Worten beruht.
Allerdings besteht bei einigen Kirchen die Gefahr, dass sie sich zu sehr mit Einzelaspekten der biblischen Lehre beschäftigen, die nicht zum Kern der offenbarten Wahrheit gehören. So entsteht schnell eine überhebliche Haltung, die andere ausgrenzt. Wer so unterwegs ist, hat die Gebetsvision von Einheit und Liebe verloren, die in Vater, Sohn und Geist wurzelt.
Wiederum andere Gemeinden streben in einem solchen Masse nach Heiligkeit, dass sie den Kontakt zur Welt verloren haben. Sie vernachlässigen dem Auftrag von Jesus, dass die Kirche gerade zu dem Zweck ausgesondert ist, dass sie mit einer Mission in die Welt zurückgesandt wird.
Einige Kirchen sind jedoch so sehr mit evangelistischen Aktivitäten beschäftigt, dass sie Gefahr laufen, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren, wenn sie nicht Wahrheit, Liebe, Heiligkeit und Einheit widerspiegeln. Stott plädiert darum einprägsam für «BBC», für eine (B)iblically (B)alanced (C)hristianity, also für eine biblisch ausgewogene Kirche.
Wie entsteht eine solche Kirche? Nach allem, was wir gesehen haben, entsteht sie im Gebet, Und zwar in einem Beten, das Mass am Messias-Gebet von Johannes 17 nimmt. Jesus schenkt uns in hier eine Gebetsvorlage, welche die Verherrlichung des drei-einen Gottes in den Mittelpunkt stellt. Sie bietet uns ein Muster, um unsere Gebetsanliegen für die Kirche und für unsere persönliche Spiritualität zu priorisieren. Nicht zuletzt ist es zutiefst bewegend, zu erkennen, dass wir heute glauben, weil Jesus für uns betete – und das immer noch tut (Hebräer 7,25).
Dr. Michael Widmer ist TSC-Dozent für Bibelwissenschaften mit Schwerpunkt Altes Testament.
Dieser Artikel ist zuerst veröffentlicht worden im Magazin Faszination Bibel 01/2025, SCM Bundes-Verlag.