Was sollen wir mit den Rachepsalmen anfangen?
April 14, 2026
Alttestamentliche Vergeltungsgebete aus christlicher Sicht
«O Gott, zerbrich ihnen die Zähne…» (Psalm 58,7) – frei von jeglicher Verhüllung und Scham bringen die Israeliten in den sogenannten Feindespsalmen und verwandten Gebeten ihre Wut zum Ausdruck. Solche Gebete gehören zu den schwierigsten biblischen Texten für Christen. In der Bergpredigt lehrt Jesus: «Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, so werdet ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel» (Matthäus 5,43-45). Am Kreuz praktizierte Jesus seine Lehre, als er betete: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!» (Lukas 23,34).
Nach C. S. Lewis gehören alttestamentliche Vergeltungsgebete einer vor-christlichen Frömmigkeit an. Der englische Apologet plädiert dafür, diese aus einem liturgisch genutzten Kanon auszuschliessen, wie es einige Kirchen tun. Bevor wir uns als Christen ein Urteil über diese schwierigen Gebete bilden, sollten wir versuchen, ihre Logik im Kontext des Alten Testaments zu verstehen. Dazu betrachten wir Psalm 69 etwas genauer.
Psalm 69: Hilferuf eines Unschuldigen
Die Feindespsalmen sind eine Untergattung der Klagepsalmen. Was sie hervorhebt, sind ihre Bitten um Vergeltung (vgl. Psalm 69,23-29). Psalm 69 wird David zugeschrieben. Psalmentitel sind jedoch später hinzugefügt worden und entsprechen nicht immer historischen Angaben. Obwohl David auch häufig allen Grund gehabt hätte, seinen Widersachern zu fluchen, gehört Psalm 69 wahrscheinlich eher in die exilische oder nach-exilische Zeit. Im Psalm ist bereits von Gottes Haus (d. h. vom Tempel) und vom Wiederaufbau der Städte Judas die Rede (Vers 10.36). Von manchen Auslegern wird Psalm 69 mit dem Propheten Jeremia in Verbindung gebracht. Jeremia eiferte ebenfalls um die Heiligkeit von Gottes Haus (vgl. Psalm 69,10 mit Jeremia 7,1-15) und wurde buchstäblich in «tiefen Schlamm», in eine Zisterne, geworfen (vgl. Psalm 69,3.15-16 mit Jeremia 38,6). Er litt um des Herrn willen, war von seiner Familie und seinen Mitmenschen entfremdet, schrie wegen seines Leids zu Gott und betete darum, dass Jahwe ihm Recht verschaffe und seine Verfolger bestrafe (vgl. Jeremia 11,18-20; 15,15-18; 17,14-18). Wenn wir diesem Zusammenhang folgen, können wir sagen:
Sowohl Jeremia als auch der Psalmist ertragen es schmerzvoll, dass Feinde sie wegen ihrer Treue zu Gott demütigen (Psalm 69,6-7; Jeremia 15,15; 17,15). Die Feindespsalmen sind emotional aufgeladen, müssen dabei aber auch im Rahmen der Bundesbeziehung mit Gott verstanden werden. Alle Psalmbeter stehen in Bundesbeziehung mit Jahwe (vgl. 5 Mose 5,2-3). Zusammen mit einem Unschuldsbekenntnis (vgl. Psalm 69,6; Jer 11,19-20) bilden der Bund und die Treue zu Jahwe die theologische Grundlage der Feindespsalmen. Sollte Jahwe nicht rettend eingreifen, stünde sein Ruf und das Gottvertrauen anderer Gläubiger auf dem Spiel: «Mögen durch mich nicht zuschanden werden, die auf dich hoffen, Herr…» (Psalm 69,7).
«Die Feindespsalmen sind emotional aufgeladen, müssen dabei aber auch im Rahmen der Bundesbeziehung mit Gott verstanden werden.»
Dr. Michael Widmer, TSC-Dozent für Bibelwissenschaften
Vergeltungsgebete im Kontext des Alten Testaments
Der Gebetsruf nach Vergeltung gründet letztendlich auf dem Bruch des Bundes. Widersacher sind Bundesbrüchige (vgl. Jeremia 11,2-3). «Sie sollen ausgelöscht werden aus dem Buch des Lebens und nicht eingeschrieben werden mit den Gerechten» (Psalm 69,29). In Gottes Volk war der Zusammenhang vertraut: Göttliche Strafe wird vollzogen, wenn die Gebote nicht eingehalten werden (vgl. 3. Mose 26; 5. Mose 27–28). Die Logik hinter den Vergeltungs-Psalmen ist, dass jede Rebellion gegen den König, sein Reich und seine Treuen «gemeldet» werden muss (2. Mose 23,22). So entpuppt sich das, was anfänglich nach Rachegelüsten klingt, zunehmend als ein emotionaler Ruf nach Bundesgerechtigkeit (vgl. Jer 12,1-3).
Die emotionale Dringlichkeit der Gebete mit ihrem Wunsch nach göttlichem Gericht ist zudem dadurch zu verstehen, dass es im Alten Testament weithin noch keinen etablierten Glauben an ein Leben nach dem Tod gibt (vgl. Psalm 30,10; Jesaja 38,18; vgl. Hiob 3). Deshalb soll Gottes Gerechtigkeit im hiesigen Leben ersichtlich werden (Psalm 58,11-12). Erst in jüngeren alttestamentlichen Schriften finden sich explizite Hinweise auf einen Glauben an ein Endgericht mit Konsequenzen für die Ewigkeit (vgl. Daniel 12,1-2).
Wer sind die Feinde?
In den Volks-Klagepsalmen sind die umliegenden Völker die Feinde. In den Klagepsalmen des Einzelnen ist die Identifikation der Feinde komplexer. Die Widersacher sind mächtig und darauf aus, die Schwachen zu zermalmen (Psalm 69,4). Sie sind voller Hass und benehmen sich unmenschlich, wie wilde Tiere (69,5). Die Bilder weisen über menschliche Schlechtigkeit hinaus und nehmen dämonische Züge an.
Bei diesen Feinden handelt es sich oft um gewöhnliche Israeliten. Sie grüssen den Psalmisten heuchlerisch (Psalm 35,19; 41,5-10; 55,14-15). Sie nehmen Jahwe nicht mehr ernst. Sie verhöhnen und unterdrücken die Frommen wegen ihres Eifers für Jahwe (Ps 69,10-11). Die Bewohner von Jeremias Heimatstadt Anatot wollen den Propheten zum Schweigen bringen (Jeremia 7; 11,18-19). Wichtig zu bemerken ist, dass die Beter nicht zu Selbstjustiz greifen, sondern ihren Schrei nach Gerechtigkeit in Gottes Hand legen (vgl. 5. Mose 32,35; Römer 12,19).
Auch wenn die Bitten um gerechte Strafe im Alten Testament nachvollziehbar sind, müssen sich Christinnen und Christen immer noch fragen, ob sie so beten dürfen.
Jesus und die Feindespsalmen
Jesus warnt vor dem Zürnen und ruft zur Feindesliebe auf (Matthäus 5,21-26). Am Kreuz vollendet er seine Lehre, indem er für seine «Henker» um Vergebung bittet (Lukas 23,34). Ausserdem macht Jesus göttliche Vergebung davon abhängig, ob man seinen Mitmenschen vergibt (Matthäus 6,14-15). Im Neuen Testament zeigt sich Gottes Gerechtigkeit nicht mehr primär in der Bestrafung der Bösen, sondern im Tod und der Auferstehung von Jesus Christus (Röm 3,23-26). Nach Paulus hat Jesus am Kreuz den Fluch des gebrochenen Bundes auf sich genommen und damit seine Nachfolger vom Fluch des Gesetzes befreit. So wie im Alten Bund das Blut der Gottlosen den Sieg des gerechten Psalmisten symbolisiert (Psalm 58,11), so wird im Neuen Bund das Blut von Christus zur Rettung für die Menschen (Jesaja 53,5; 1. Petrus 2,24).
Wie jeder fromme Jude hat auch Jesus die Psalmen rezitiert. Hat er auch die Feindespsalmen mitgebetet? Wir wissen es nicht. Doch eine Anschlussfrage ergibt sich: Wer waren die Feinde von Jesus? Im Neuen Testament werden der Satan und die Dämonen als die Hauptfeinde der Herrschaft Gottes beschrieben. Jesus lehrt, dass die dämonischen Mächte dem Gericht Gottes verfallen sind, und handelt dementsprechend (Matthäus 8,29; 25,41). Wäre es von daher nicht legitim, die schärfsten Vergeltungsgebete der Psalmen gegen den Satan und seine Dämonen zu richten? Zwar tauchen die Verweise auf den Teufel und seine Mächte im Neuen Testament in unsystematischer Weise auf, doch den Autoren war bewusst, dass eine übernatürliche Macht darauf abzielt, die Menschheit von Gott zu trennen (vgl. Römer 8,38-39; Epheser 6,12; 1. Petrus 5,8-9).
Die Realität des Bösen: Die Feinde der Christen
Obwohl sich durch Christus die Bundesbeziehung mit Gott verändert hat, haben Tod und Auferstehung von Jesus die Ungerechtigkeit, Bosheit und den Schmerz in der Welt nicht beseitigt. Missbrauch und Ausbeutung von Menschen, Diskriminierung, Antisemitismus, Verfolgung der Kirche und vieles mehr sind nach wie vor allgegenwärtig. Der Schrei nach Gerechtigkeit und Rechtfertigung klingt auch im Neuen Testament noch laut auf (vgl. Offenbarung 6,10). Die Gerechtigkeitspsalmen können Opfern von Gewalt und Ungerechtigkeit dabei helfen, ihren Schmerz, ihre Ohnmacht und ihre Wut an einem sicheren Ort – in Gottes Gegenwart – zu platzieren. Indem man den Wunsch nach Gerechtigkeit bei Gott ablegt, verzichtet man auf Selbstjustiz und verhindert eine Gewaltspirale: Sein ist die Rache.
Das Neue Testament macht deutlich, dass das Gottwidrige nicht nur «draussen» existiert, sondern auch im Herzen jedes Menschen (Matthäus 7,1-5; 15,19). Jeder Mensch ist gefährdet, dem Bösen Raum zu geben. Paulus schreibt: «Da ist kein Gerechter, auch nicht einer» (Römer 3,10-19). Der Apostel spricht über seinen inneren Kampf gegen Sünde und «Fleisch» (vgl. Römer 7,23). «Werke des Fleisches» können sinnbildlich auch als «innere Feinde» bezeichnet werden, die den Menschen daran hindern, Gott gehorsam zu sein und in sein Reich einzugehen (Galater 5,19-21).
Ein möglicher christlicher Umgang mit Feindesgebeten
Wer seinen Glauben entlang den biblischen Linien gestalten will, sollte sich Gedanken darüber machen, was dies im Hinblick auf die Feindespsalmen bedeutet. Dabei können folgende Überlegungen eine Rolle spielen:
- Beim Beten der Feindespsalmen sollten wir das Evangelium des ewigen Lebens unter dem neuen Bund und die andauernde Realität des Bösen miteinbeziehen.
- Gläubige müssen beides anerkennen: die Schlechtigkeit und die Würde aller Menschen. Demut und nüchterne Selbsteinschätzung sind Grundvoraussetzungen für das Beten von Psalmen.
- Wir müssen erfassen, was Jesus als seinen Feind sieht. Jesus geht streng mit jeder Macht ins Gericht, die sich gegen Gottes Herrschaft auflehnt. Dies lässt sich in der Triade aus Teufel, der von Gott entfremdeten Welt und dem zur Sünde neigenden «Fleisch» zusammenfassen.
- Warum nicht die «Dämonen» (verstanden als Metapher für jede gottwidrige Macht) mit der Strenge der Feindespsalmen bekämpfen? (Sofern wir uns im Gebet dabei nicht zu einseitig auf das Böse fokussieren.)
- Der Gebetsschrei nach Gerechtigkeit gibt Leidtragenden von Gewalt eine Stimme vor dem Richter der Welt und zugleich die Hoffnung, dass Gott der Sache nachgeht.
- Es gibt altbewährte christliche Traditionen, die die Feindesgebete im persönlichen Gebetsleben gegen die «inneren Feinde Gottes» verwenden. William Holladay gibt den «inneren Feinden» konkrete Namen: Stolz, Habgier, Eifersucht, Jähzorn, Trägheit, Lust, Langeweile, Machtstreben usw. Könnten die Feindespsalmen uns dabei helfen, unsere Schattenseiten zu benennen und zu entlarven?
Trotz ihrer theologischen Herausforderung für die Kirche sind die Feindespsalmen wertvolle Zeugnisse biblischer Wahrheit in einer Welt, die noch auf Erlösung vom Bösen wartet.
Dieser Artikel ist zuerst veröffentlicht worden im Magazin Faszination Bibel 04/2025, SCM Bundes-Verlag.
Autoreninfo
Dr. Michael Widmer ist Dozent für Bibelwissenschaften mit dem Schwerpunkt Altes Testament am Theologischen Seminar St. Chrischona (TSC). Er war viele Jahre im interkulturellen Dienst mit OMF in Japan. Seine Forschungsschwerpunkte sind biblische Hermeneutik und Theologie.