Das Potential von christlichen Festen

August 18, 2026

Festen wird in der Bibel eine grosse Bedeutung zugemessen: für die persönliche ebenso wie für die gemeinschaftliche Lebens- und Glaubensgestaltung. Finde heraus, welche Erfahrungen sie in unserer digitalisierten Welt bereithalten.

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn (2 Mo 20, 8-11).

In 5 Mo 5, 12-15 wird dieses Gebot wiederholt, diesmal begründet mit der Befreiung aus der Sklaverei. Auch andere Festtage werden in der Bibel nicht nur beschrieben, erklärt und begründet, sondern mit dem Gebot versehen, sie zu feiern.

[Und ihr] sollt das Fest dem HERRN halten jährlich sieben Tage lang. Das soll eine ewige Ordnung sein bei euren Nachkommen, dass sie im siebenten Monat so feiern. Sieben Tage sollt ihr in Laubhütten wohnen (3 Mo 23, 41-42a).

Inhalte, Abläufe, musikalische Elemente, Orte, Zeiten bis hin zu Speisen sind dabei zum (Gross-)Teil festgelegt. Auch rechtliche Fragen (beispielsweise Rechte von Knechten und Mägden, Fremdlingen etc.) sind bedacht. Selbst der Charakter der Feste mit seinen Emotionen ist ausgewiesen. [Und du] sollst fröhlich sein vor dem HERRN, deinem Gott, du und dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd und der Levit, der in deiner Stadt lebt, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deiner Mitte sind, an der Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name da wohne (5 Mo 16,11).

Festen wird in der Bibel eine grosse Bedeutung zugemessen: für die persönliche ebenso wie für die gemeinschaftliche Lebens- und Glaubensgestaltung. Von ihnen her kann das Leben gedeutet und das Sein in einen grösseren (Sinn-)Zusammenhang gestellt werden. Wird jedoch nur vom Menschen oder der Gesellschaft aus gedacht, fehlt diesen Festen das entscheidende Moment. Jörg Neijenhuis gibt zu bedenken: «[E]ine religiöse Feier lebt aus dem Mysterium Gottes, das mit nichts in dieser Wirklichkeit identifiziert werden kann» (Neijenhuis, 2012, 129). Feste vermögen einen Raum der Gottesbegegnung zu eröffnen – immer im Bewusstsein, dass sich Gott nicht instrumentalisieren und begrenzen lässt. In Amos 5, 21-24 wird dies deutlich zum Ausdruck gebracht: Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen – es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Die innere Haltung – auch den Mitmenschen gegenüber – und nicht die äussere Form ist für diesen Raum der Gottesbegegnung entscheidend.

Feste und ihre Bedeutung für Lern- und Entwicklungsprozesse

Ein Fest, das in Gemeinschaft mit vor Ort anwesenden Personen unter Einbezug aller Sinne gefeiert wird, hat Auswirkungen auf die Aufnahme, Verarbeitung, Speicherung und Abruffähigkeit von Informationen. Darin liegen grosse Lernchancen, die heutzutage immer weniger genutzt werden, obwohl das Wissen um ihre Bedeutung immer grösser wird. Einige Aspekte sollen dies verdeutlichen.

Martin Grunwald mahnt an, dass die Pädagogik «in ihr methodisches Repertoire immer weniger Aspekte der physisch-analogen Welt integriert und stattdessen auf noch mehr visuellen und auditiven Input durch digitale Systeme setzt» (Grunwald, 2020, 112). Lerninhalte sowie Lehrpersonen treten mehr und mehr über Medien mit den Lernenden in Verbindung. Dadurch beschränken sich haptische Erfahrungen auf das Streichen über glatte Tablet-Oberflächen und physische Kontakte mit Personen oder Lerngegenständen reduzieren sich. Das Lernen wird auf die kognitive Ebene verlagert, die materiell-stoffliche Aneignung findet wenig Beachtung (Grunwald, 2020, 112). Dabei stimulieren Berührungsreize Prozesse des Wachstums, der sozialen Bindung und der Stressregulation (Grunwald, 2020, 114). Das menschliche Gehirn ist vor allem «während der Reifungsphase darauf angewiesen, die dreidimensionale Umwelt auch in dieser Mehrdimensionalität ohne Dimensionsreduzierung [durch Bildschirme] zu erkunden. Erst nach Abschluss sensibler Reifungsphasen des Gehirns entwickelt sich eine Abstraktionsfähigkeit ohne direkten körperlichen Bezug zur gegenständlichen Umwelt» (Grunwald, 2020, 120).

Darüber hinaus kann durch leiblich-sinnliche Erfahrungen das episodische Gedächtnis zur Speicherung von Informationen genutzt werden. Erinnerungen in diesem Gedächtnissystem werden in bildhafter Form gespeichert, sind reich an Details und verknüpft mit konkreten Orten und Zeiten (Mietzel, 2017, 229). Lerninhalte in Episoden umgesetzt (durch Projekte, Rollenspiele, gemeinsame Erlebnisse, Feste), führen zu einer Verankerung im episodischen Gedächtnis und werden leichter erinnert.

Für den (kreativen) Schaffensprozess sind Pausen unerlässlich. Der «Wechsel zwischen Spannung und Entspannung ermöglicht das Finden einer überraschenden Lösungsidee» (Edelmann, 2000, 217). Dies gilt sowohl im Kleinen (für eine spezielle Aufgabe) wie im Grossen (Rhythmus von Arbeit und Ruhe, Alltag und Festtag).

Feste und ihre pädagogische Bedeutung

Feste zeichnen sich durch einen ganzheitlichen Charakter aus: Allen Sinnen ist etwas geboten und die Teilnehmenden sind aktiv beteiligt. Räume werden entsprechend geschmückt und gestaltet, Menschen kleiden sich festlich, besondere Speisen werden genossen, Lieder und Tanz laden zum Mitmachen ein, gemeinschaftliche Rituale verstärken das Zusammengehörigkeitsgefühl, Zeit für Gespräche und Musse gehören ebenso dazu wie Ansprachen und Darbietungen, bestimmte Farben, Klänge und Düfte.

Jüdische Feste verstehen sich auf dieses sinnlich-ganzheitliche Feiern. Auch zentrale theologische Inhalte werden auf diese Weise eingekleidet. Christliche Feste zeichnen sich hingegen vielfach durch Wortlastigkeit aus. Durch das im Laufe der Zeit entstandene Brauchtum (Ostereier suchen, Weihnachtsbaum schmücken etc.) haben zwar viele christliche Feste auch sinnliche und handlungsorientierte Elemente, doch die theologischen Inhalte sind kaum mehr tast-, schmeck- oder erlebbar. Wie es im Verlauf der Kirchengeschichte dazu kann, kann an dieser Stelle nicht ausgeführt werden, doch sind beispielsweise vom Abend-Mahl nur eine Hostie und je nach Konfession ein Schluck Wein oder Traubensaft übriggeblieben, und die Taufhandlung begnügt sich vielerorts mit ein paar Tropfen Wasser, die auf die Stirn geträufelt werden. Das Erlebnis des Unter- und Auftauchens – mit Jesus sterben und auferstehen – wird nicht mehr körperlich nachvollzogen. Das Potenzial, das in einem leiblich-sinnlichen Erleben steckt, gilt es wieder neu zu entdecken und für zentrale Inhalte des Glaubens fruchtbar zu machen.

Feste setzen einen Kontrapunkt zur eigenen Leistung. Die Bibel gibt vor: Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun (2 Mo 20,8). (…) Auch heutzutage definieren sich viele Menschen über ihre Arbeit und ihre Qualifikation(en) und streben nach einem guten Verdienst, weil die Teilhabe am Freizeitleben durch diesen ermöglicht und vergrössert wird. Einer «Identität durch Arbeit und Position» können Feiertage auch heute noch entgegensetzen, Werte und Sinn jenseits von Leistung zu entdecken. Für die Schule bedeutet dies, Angebote zu initiieren, die ausserhalb von Kompetenzrastern, Effizienz und Leistungsbewertungen liegen. Feste oder Festelemente (Lieder, Rituale etc.) ermöglichen solche Atempausen sowie Neuorientierung.

Didaktik des Erinnerns

Feste haben eine kollektive Gedächtnisfunktion, «indem sie kulturelle Erinnerungen nicht nur abstrakt verfügbar halten, sondern diese in das Bewusstsein und die Lebensvollzüge einer Gemeinschaft einbringen» (Schüle, 2003, 355). Allerdings gibt Andreas Schüle auch zu bedenken, dass «das Paradigma des kulturellen Gedächtnisses im Sinne einer konnektiven, integrale Semantik für moderne Gesellschaften nicht mehr erschwinglich zu sein [scheint, denn es] besteht im Kontext modernen Pluralismus´ kein hinreichend tragfähiger Konsens mehr darüber, was eigentlich erinnert werden soll» (Schüle, 2003, 372). Doch angesichts des Krieges an den Grenzen Europas, des wieder in der Öffentlichkeit in Erscheinung tretenden Antisemitismus sowie gesellschaftlicher Polarisierungen stellt sich in der Gesellschaft wieder die Frage, was erinnert werden soll. Welche Narrative Staaten oder Gruppierungen formen und wie unterschiedlich diese ausfallen können, ist ein brisantes Thema geworden. Feste können dafür verzweckt werden, können aber auch die aktuell populäre Meinung in Frage stellen, weil sie von etwas Älterem und Grösserem zeugen.

Feste erinnern an eine Geschichte, die weit über das eigene Leben hinausgeht. Gleichzeitig gestalten sie Gegenwart und halten die Zukunft offen. Astrid Greve plädiert in diesem Sinne für eine «Didaktik des Erinnerns» (Greve, 2014, 180). Sie trägt u.a. den Keim für Widerstand und Hoffnung in sich, denn sie ermöglicht, dass Vergangenes angeschaut, Gegebenes nicht einfach hingenommen, Vorgegebenes in Frage gestellt und daraus Zukünftiges bewusst gestaltet wird. Im Feiern biblischer Feste sieht sie grosses Potenzial dafür. Dann wird beispielsweise die «Erinnerung an den Auszug aus Ägypten zum ‹Wider-Spruch› gegen Selbstüberhebung, zum ‹Wider-Spruch› auch der Gleichgültigkeit fremdem Leid gegenüber» (Greve, 2014, 17). Ingo Baldermann greift die Gedanken Greves auf und gibt zu bedenken: «Das bewusste Bewahren von Erinnerungen aber setzt eine andere Geisteshaltung voraus als die des Erwerbs und der Anhäufung von Wissen [und Können]. Nicht ich beherrsche die Erinnerung, sondern sie beherrscht und formt mich» (Baldermann, 2014, 22). In dieser Haltung werden Feste nicht zu Selbstdarstellungs- und Optimierungs-Gelegenheiten.

Feste und ihre theologische Bedeutung

Biblische Feste eröffnen heilsgeschichtliches Verständnis und binden Teilnehmende in diese Heilsgeschichte ein. «In frühen Kulturen und ihren religiösen Deutungssystemen [dominierte] die zyklische, kreisförmige Zeiterfahrung, […] die sich vor allem an den naturhaften, kosmischen und biologischen Rhythmen und am Lauf der Gestirne und der Jahreszeiten [orientierte]» (Bieritz, 2014, 24). In der Geschichte des Volkes Israels zeigt sich eine lineare Vorstellung, die Ereignisse in einem heilsgeschichtlichen Zusammenhang deutet und als Rettungstaten Gottes feiert. «Wenn das Volk sich an die Grosstaten Gottes erinnerte, wurden diese als ein gegenwärtig wirksames und rettendes, die Gegenwart bestimmendes, Geschehen erfahren. In gleicher Weise reichte auch Zukünftiges in die Gegenwart hinein» (Bieritz, 2014, 26). Daher bemerkt Samson Raphael Hirsch: «Der Katechismus des Judentums ist sein Kalender» (zit. n. Baltes, 2020, 14). Guido Baltes fügt an: «Wer den Jahreskreis der Feste einmal durchlebt und mitgefeiert hat, der hat die Grundlagen der jüdischen Theologie lebendig und anschaulich erfahren» (Baltes, 2020, 15). Dies gilt ebenso für den christlichen Festkalender. «Die Christusfeste sind in ihrer Entstehung und Bedeutung eng mit dem christologischen und dem trinitätstheologischen Dogma verbunden. Es geht im Kirchenjahr insgesamt um die erinnernde Vergegenwärtigung der grundlegenden heilsgeschichtlichen Ereignisse, um die immer wieder neu zu bedenkenden Inhalte des Glaubensbekenntnisses» (Leipold, 2005, 136). Die Feste des Kirchenjahres sind daher sowohl Glaubenslehre wie Glaubenspraxis.

Biblische Feste stiften religiöse Identität. Das Feiern der Feste ermöglicht die Beheimatung des Menschen (Greve, 2014, 71), in biblischen Geschichten ebenso wie im Leib Christi, der weit grösser ist als die eigene Spiritualität, die örtliche Gemeinde oder die weltweite Kirche, weil über Generationen hinweg Menschen verbunden werden.

Das Feiern der biblischen Feste kann sich als «sinnstiftend und heilsam, vielleicht sogar ‹not-wendig›» erweisen (Greve, 2014, 62). Kommt es zu einer Identifikation – welche nicht in der Zuschauer- oder Konsumentenrolle, sondern nur in der Erschliessung von innen heraus möglich ist – können die Heils- und Rettungserfahrungen der Feste zu eigenen Heilserfahrungen werden.

Der Text wurde von Rahel Bidlingmaier, Studiengangsleiterin Theologie + Pädagogik verfasst. Das ganze Kapitel zum Potential von christlichen Festen findest du im Buch «Christliche Bildungslehre» (2026), Hg. Arndt Schnepper und Daniel Strass (S. 525-543). Ausserdem gibt es dort weitere Anregungen, welche Bedeutung Feste für unsere Gesellschaft spielen und wie sie im Schulalltag implementiert werden können.

 

Quellen

  • Baldermann, Ingo. Der Imperativ des Erzählens in der Hebräischen Bibel, in: Fuchs, Monika/ Schliephake, Dirk (Hg.). Bibel erzählen, Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlag 2014, S. 19-27.
  • Baltes, Guido. Die Verborgene Theologie der Evangelien. Die jüdischen Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu, Marburg a. d. Lahn: Francke Verlag 2020. 
  • Bieritz, Karl-Heinrich. Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart, München: Beck Verlag ⁹2014
  • Edelmann, Walter. Lernpsychologie, Weinheim: Beltz Verlag ⁶2000
  • Greve, Astrid. Zachor – Erinnern Lernen. Aktuelle Entdeckungen in der jüdischen Kultur des Erinnerns, Berlin: epubli Verlag 2014.  
  • Grunwald, Martin. Homo Hapticus. Der Mensch als Kontaktwesen lernt mit allen Sinnen, exemplarisch dargestellt anhand des Tastsinnes, in: Hermann, Ulrich (Hg.). Grundlagen für eine Neuropsychologie des Lernens, Weinheim und Basel: Beltz Verlag ³2020, S. 111-129.
  • Leipold, Andreas. Die Feier der Kirchenfeste. Beitrag zu einer theologischen Festtheorie, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht Verlag 2005. 
  • Mietzel, Gerd. Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens, Göttingen: Hogrefe Verlag ⁹2017
  • Neijenhuis, Jörg. Feste und Feiern. Eine theologische Theorie, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2012. 
  • Schüle, Andreas. Ereignis versus Erinnerung. Gibt es eine moderne Festkultur, in: Ebner, Martin u.a. (Hg.). Das Fest: Jenseits des Alltags. Jahrbuch für biblische Theologie, Bd. 18, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2003, S. 353-377.
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