Forum Kommunikative Theologie 2019: Gesprächsrunden (1500x1000px)

Kommunikative Theologie fordert heraus

von Fritz Imhof, Livenet

Bericht vom Forum Kommunikative Theologie am 22. und 23. Januar 2019

Das erste Forum Kommunikative Theologie am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc) schaffte es, in eineinhalb Tagen gleich vier heisse Themen anzupacken. Ein breites Spektrum von Fragen, die von Religionsgegnern auf Christen einprasseln, und Leiderfahrungen, die Gläubige ganz persönlich ins Trudeln bringen oder in Glaubenszweifel stürzen, wurde miteinander geteilt.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachen über Erfahrungen, die ihren Glauben erschütterten. Am ersten Abend erhielt ein bekennender Atheist ein Podium, seine Argumente gegen den Glauben zu erläutern und aus seiner Sicht zu belegen, dass sich die Welt viel plausibler ohne einen Gott erklären lasse. Dr. Dr.  Joachim Kahl unterschied dabei einen methodischen von einem praktischen Atheismus.

Geforderte Teilnehmer

In der Tat: Wo bleibt Gott, wenn ein Kind trotz vieler Gebete schwer geschädigt auf die Welt kommt? Gibt es wirklich befriedigende Erklärungen dafür, dass Gott anordnet, die Bevölkerung ganzer Städte umzubringen? Kann ein gnädiger Gott wirklich zusehen, wie auf der Welt jeden Tag Gräuel aller Art stattfinden? Und ist Gott nicht ohnehin eine Illusion, wie uns Neurobiologen weismachen wollen, die uns erklären, wie das Gehirn Gott simuliert? All diese Fragen prasselten in zwei Tagen auf die Teilnehmenden des ersten Forums Kommunikative Theologie ein. Sie waren gefordert, vorerst selbst eine Antwort zu finden oder sie in Gruppengesprächen neu zu formulieren.

Forum Kommunikative Theologie 2019: Dr. Dr. Joachim Kahl im Gespräch
Dr. Dr. Joachim Kahl im Gespräch

Nicht über, sondern mit den Gegnern des Glaubens reden

Moderator Dr. Andreas Loos, tsc-Dozent für Systematische Theologie, begründete den neuen pädagogischen Ansatz. Mit der Kommunikativen Theologie, die auch am tsc gelehrt wird, wolle man nicht über die Gegner des Glaubens reden, sondern mit ihnen. Man decke die Studierenden nicht vorschnell mit vorgefertigten Antworten ein und erspare ihnen die eigene Auseinandersetzung mit schwierigen Fragen nicht. Loos gegenüber Livenet über das Forum: «Es ging uns um eine hörende Grundhaltung, die tiefer verstehen will, warum es für Menschen plausibler erscheint zu glauben, dass es keinen Gott gibt.»

Forum Kommunikative Theologie 2019: Referent Dr. Andreas Loos
Referent Dr. Andreas Loos

Gott als Gehirnfunktion?

Dennoch zeigten dann drei Dozenten konkret auf, wie sie sich selbst in schwierige Themen vertieft haben und welche Antworten sie dabei gefunden haben. Der Zellbiologe und Theologe Dr. Dr. Beat Schweitzer stellte sich der Behauptung, Gott sei nur ein Produkt unseres Gehirns, und führte in die neue Forschung der Neurobiologie ein. Sein Fazit: Gott lässt sich auf Grund der Neurowissenschaften nicht widerlegen… aber auch nicht beweisen. Er zitierte zum Schluss den Theologen Patrick Becker mit den Worten: «Können wir nicht allein deshalb, weil wir eine Art Sinnesorgan für Gott besitzen, darauf schliessen, dass dieses Sinn ergibt – und sich auch auf eine Realität bezieht? Ist es wirklich plausibel, dass die Evolution einen Gehirnbereich hervorbringt, der lediglich eine Illusion erzeugt?»

Forum Kommunikative Theologie 2019: Referent Dr. Dr. Beat Schweitzer
Beat Schweitzer bei seinem Referat während des Forums Kommunikative Theologie 2019 am tsc.

Gott als Gewalttäter

Die Beschreibung Gottes als Gewalttäter und Anstifter zur Gewalt ist für Bibelausleger eine bleibende Herausforderung, wie tsc-Dozent Pfr. Dr. Stefan Felber zeigte, der die verschiedenen Versuche, das Problem zu lösen, zusammenfasste und 14 Thesen zur Diskussion aufstellte. Er distanzierte sich dabei unter anderem von einem neuen Marcionismus, der den alttestamentlichen Gott vom neutestamentlichen unterscheidet. Er warnte davor, «Gott in einen Käfig so genannter ‚Liebe‘ und ‚Freiheit‘ zu sperren, der es ihm nicht mehr erlaubt, Menschen von aussen oder innen umzuwandeln». Die Gewalt Gottes sei immer auch im Licht des Sterbens Jesu Christi am Kreuz – dem Höhepunkt biblischen Leidens – zu sehen, das den Menschen zur Feindesliebe auffordert.

Forum Kommunikative Theologie 2019: Referent Dr. Stefan Felber
Referent Dr. Stefan Felber

Gott leidet selbst

In seinem Referat ging Andreas Loos dann indirekt auf den Atheismus ein, indem er sich dem Problem des Leidens, auch des Leidens Gottes, stellte. Er zeigte die verschiedenen Antwortversuche. Nach seiner Ansicht hat die Theologie die Aufgabe, die Geschichte der Taten Gottes so zu bezeugen und zu erklären, «dass das Ja zum dreieinen Gott und das Ja zu seinem Geschenk von Freiheit und Liebe auch angesichts des eigenen Leidens plausibler wird als ein Nein». Mit Bezug auf Römer, Kapitel 8, Vers 34 sagte Loos: «Die Auferweckung Jesu Christi von den Toten ist der Beweis Gottes dafür, dass er selbst das schlimmste und übelste aller Leiden, die Gottverlassenheit im Tod, mit uns teilt, um es endgültig zu überwinden. Eine grössere Allmacht ist nicht denkbar als die der gekreuzigten Liebe Gottes.»

Dieser Artikel ist am 25. Januar 2019 zuerst auf livenet.ch veröffentlicht worden.