Wirksames wundes Wort – von der Macht der Sprache

Artikel aus dem Communicatio-Magazin 1/2020

Wirksames wundes Wort – von der Macht der Sprache

Autor: Dr. Stefan Felber

Sprache macht was – denn sie hat Macht. Doch von welcher Art ist die Macht der Sprache? Am Beispiel des biografischen Tolkien-Films von 2019 werden wichtige Aspekte von Sprache deutlich. Und was sagt die Bibel dazu? Sie legt Zeugnis ab von einem wirksamen und zugleich wunden Wort. Sie gewährt uns einen Blick via Gottes Wort in Gottes Herz – und hilft uns, die Wunder der Sprache zu verstehen.

1. Alles eine Frage der Definition? Macht und Bemächtigung

Friedrich Nietzsche (1844–1900), der säkulare Prophet der Postmoderne, hat einmal gesagt, der entscheidende Machtfaktor der Zukunft liegt bei denen, die in der Lage sein werden, die Sprache zu regeln bzw. einen bestimmten Sprachgebrauch durchzusetzen. Da es Gott (für ihn) nicht gibt, kann kein menschlicher Satz mehr behaupten, einfach «wahr» zu sein. Das Band zwischen Sprache und Wirklichkeit geht verloren, jetzt gibt es nur noch Interpretationen, die miteinander ringen. Die interpretierte Wirklichkeit werde durch Sprache erst erzeugt und nicht einfach abgebildet. Von hier aus sind es nur noch kleine Schritte zu einem durchgreifenden Konstruktivismus. George Orwell (1903–1950) entwarf in «1984» die Schreckensvision eines «Wahrheitsministeriums», das sogar die richtigen Geschichtsdaten erst herstellte und wenn nötig änderte.

Wenn heute die Freiheit der Sprache eingeschränkt wird, liegen derlei Vorgänge im Prinzip auf derselben Linie. Im Februar 2020 stimmten die Schweizer über eine Sprachregelung zur Antirassismus-Strafnorm ab – gerade weil gewisse, und zwar vor allem nichtchristliche Gruppen die konservative Kritik an ihrer Lebensweise als Überschreitung des sozialverträglichen Sprachrahmens verbindlich neu definieren wollen.

Was wir erleben, ist also nicht einfach ein zufälliger Verfall, sondern eine bewusste Veränderung, Instrumentalisierung der Sprache durch Mächtige oder Regierungen. Andernorts habe ich eine ganze Reihe von Autoren aufgeführt, die diese Trends beklagen (Einleitung zu «Zwischen Babel und Jerusalem»). Es gab und gibt nicht wenige (einzelne und ganze Vereine), die sich dem Trend entgegenstellen (Hinweise bei Besch S. 328). Es gibt eine eigene Wikipedia-Liste von Vereinen, die sich die Pflege und den Schutz der deutschen Sprache auf die Fahne geschrieben haben, ganz unabhängig von parteipolitischen Präferenzen. Mit den politischen Eingriffen in die freie Entwicklung der Sprache bei der Rechtschreibung und bei den Geschlechtsbezeichnungen haben alle diese Bewegungen in den letzten ca. 25 Jahren neuen Schub erhalten. In Frankreich übernimmt die Académie française von Staats wegen die Aufgabe der Sprachwahrung; ein Gesetz verbietet die Verwendung englischer Slogans ohne französische Übersetzung. In Schweden und Spanien, in Italien und Island (dort besonders restriktiv) sind es ebenfalls staatliche Akademien, die sich der Pflege und dem Schutz der Nationalsprache widmen. Für das Deutsche gibt es eine solche Institution bezeichnenderweise nicht.

Das Bemühen um Sprache sollte auch eines der Grundanliegen der Theologie sein, speziell der evangelischen Theologie und der Kirche des Wortes. Hier geht es nicht nur um ein Binnenanliegen, sondern – wie die Vielzahl der Sprachbesorgten unserer Zeit impliziert – um etwas gesellschaftlich höchst Relevantes, bei dem ich zu meiner Freude auch mit christlich nicht gebundenen Literaturwissenschaftlern und einem renommierten Übersetzer in dem Sammelband «Zwischen Babel und Jerusalem» an einem Strang ziehen konnte.

Erstes Ergebnis

«Sprache macht was», denn sie hat Macht. Wörter verführen und attackieren (Schneider S. 12). An den Sprachbemächtigungsversuchen wie am Bemühen, sie zu verteidigen, wird erkennbar, dass anerkanntermassen (jeder) Sprache eine Macht innewohnt, und dass diejenigen, die die Sprache zu kontrollieren suchen, damit auch Denken und Handeln ihrer Sprecher kontrollieren wollen (Besch S. 249ff. über die Eingriffe der braunen und roten Sozialismen). Sprache hat Macht zum Guten und Bösen, zum Nützlichen und Schädlichen. Die Frage ist, wer jeweils am Werk ist.

Pfr. Dr. Stefan Felber, tsc-Dozent für Altes Testament (Portraitfoto, 3zu4)
Pfr. Dr. Stefan Felber ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona für Altes Testament.

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Communicatio-Magazin 1/2020: Kommunikation verstehen (212x300px)

Von welcher Art ist die Macht der Sprache?

Der biografische Tolkien-Film von 2019 (von Dome Karukoski) stellt ein schönes Panorama an Aspekten zur Sprache dar. In diesem Film arbeitet Sprache nicht nur wie in anderen Filmen als Mittel zum Zweck, sondern wird selbst Gegenstand wichtiger Dialoge. Worauf es mir ankommt, fasse ich dann je kurz zusammen. Die Ziffern geben je die Stunden, Minuten und Sekunden der Filmsequenz an, die mir zur Verfügung stand.

1. 0.6.33–0.7.46:

Während die Mutter erzählt, entsteht das Erzählte bei den Jungs real. Sie stirbt früh, doch die durch ihre Erzählung in den Jungs kreierte Imagination bleibt für ein Leben lang. Ihr Wort überdauert ihr Leben.

Der Ausschnitt zeigt: Sprache hat repräsentierende, darstellende, vergegenwärtigende Kraft.

Szene 1 aus dem Tolkien-Film

2. 0.26.29–0.27.34:

Die jungen Männer gründen einen Club, mit dem sie die Welt verändern wollen – «through art», wobei Kunst auch Poesie und Prosa umfasst, die sie studieren bzw. auch (im Falle von Tolkiens und Smith) produzieren werden. «Helheimr» ist eigentlich Begriff des Totenreichs von Soldaten, die friedlich, krank oder altersschwach sterben, statt in der Schlacht, d. h. die ihre Bestimmung verfehlen.– Niemand sonst weiss, warum die Jungs einfach «Helheimr» in die Gassen rufen.

Der Ausschnitt zeigt: Sprache hat sozial verbindende, nach aussen abgrenzende Kraft. George Steiner nennt dies «umfriedend». Schon Napoleons Polizeiminister Joseph Fouché sagte: «Die Worte sind dazu da, unsere Gedanken zu verbergen.»

Szene 2 aus dem Tolkien-Film

3. 0.29.13–0.34.15:

Tolkien und Edith Bratt (die andere Waise aus dem Haus der Gastmutter) sitzen in einem Nobelrestaurant. Plötzlich beginnt er, in einer erfundenen Sprache zu sprechen: Nur eine lächerliche Geschichte von einem Frosch, der unsanft landet und von einem Hund gefressen wird. Seine nächste Sprache, kündigt er an, werde eine sein, die Musik in sich aufnimmt, und er nennt den Begriff «Cellar door» (eigentlich nur: «Kellertür»). Edith fordert ihn auf, rund um «Cellar door» eine Geschichte zu erfinden. Er weigert sich. Da beginnt sie selbst; sie wünscht sich eine Geschichte von einer Prinzessin auf der Suche nach einem besseren Leben, tatsächlich also eine Geschichte von ihr selbst. Dann entfaltet sich in ihm wie aus dem Begriff heraus eine andere Geschichte …

In diesem Abschnitt sehen wir zwei Sprachverständnisse miteinander ringen. Tolkien lebt bereits so in seiner selbst geschaffenen Sprachwelt, dass ihm allein Klang und Musik des Wortes schon Schönheit und Erzählung erschliesst. Seine Freundin aber beharrt darauf, dass erst die «marriage of sound and meaning», die Verschmelzung von Klang und Bedeutung die Schönheit der Sprache bestimmen: «Things (!) aren’t beautiful because of how they sound. They’re beautiful because of what they mean.»

Sein Schluss lautet: Das Wasser von Cellar door zu trinken gibt Einsicht über die üblichen Erkenntnisse hinaus, nämlich eine Innensicht bis in die dunkelsten Stellen des menschlichen Herzens. Verallgemeinert könnte man sagen: Durch das Wort, durch Sprache haben wir ein Fenster ins Herz eines Menschen. Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über, sagt Jesus (Mt 12,31–37).

Der Filmausschnitt zeigt: Sprache lockt durch Schönheit und Vergegenwärtigung, Gestalt und Gehalt; Sprache stösst ab durch Grobheit und Distanzierung. Wozu sonst bringen wir unseren Kindern bei, dass Fäkalsprache nicht an den Essenstisch gehört, ja überhaupt nicht zu gepflegten Menschen? (Vgl. 1.Kor 15,33 in der King James Version: «Be not deceived: evil communications corrupt good manners.» Luther 1545: «Lasset euch nicht verführen! Böse Geschwätze verderben gute Sitten.»)

Szene 3 aus dem Tolkien-Film

4. 1.11.00–1.13.12:

Prof. Wright erläutert am Beispiel von oak (Eiche), was alles in einem einzigen Wort steckt: «Language is never nonsense. Language is meaning. History. Layer upon layer upon layer. And a word without meaning is what? Merely a sound.» «Someone else once said to me.» «With a good deal more economy, I shouldn’t wonder.»

Der Filmausschnitt zeigt: Sprache hat konservierenden, mithin konservativen Charakter. Schicht um Schicht birgt sie die Geschichte – so spiegelt sie die Geschichte ihrer Sprecher über Generationen hinweg. Wolf Schneider (S. 10+12): «Wörter sind immer Urenkel, und unsere Nachsicht mit ihnen ist grenzenlos», sie enthält, «mit Coleridge, ‚die Trophäen der Vergangenheit und die Waffen für künftige Eroberungen».

Szene 4 aus dem Tolkien-Film

5. 1.16.18–52:

Tolkien bewirbt sich bei Prof. Wright um ein Stipendium in alter Philologie, und zwar damit, dass er zeigt, er habe das Wesen der Sprache verstanden. Wozu ist die Sprache da? Nicht nur die Benennung … Tolkien: «not just the naming …, it’s the lifeblood of a culture, a people».

Der Ausschnitt zeigt: In der Begegnung mit einer eigentlich ausgestorbenen Sprache kommt das Wesen von Sprache überhaupt zum Vorschein: Sie ist lifeblood, das Herzblut oder das Lebenselixier eines Volkes! Sie ist Fenster nicht nur zum Einzelnen, sondern zu Volk und Kultur. Auch wenn dieses Lebenselixier unsere Heimat bedeutet; ein Bedenken der Sprache bedeutet auch, dass wir diesem Elixier – gerade wegen seiner Mächtigkeit – kritisch gegenüber treten.

Sprache angesichts des Todes

6. 1.32.12–50:

Der Erste Weltkrieg ist für Tolkien vorüber. Seine besten Freunde sind tot, Edith kann ihn kaum trösten. Der Priester (Father Francis), der für sein Studium aufgekommen war, erzählt, dass er ständig mit Witwen oder Müttern, deren Söhne gefallen sind, zu sprechen hat, und klagt, dass die Worte nichts nutzen, besonders die modernen Worte nicht. Da ist seine Zuflucht: «Ich sage einfach die Liturgie». «I speak the liturgy. There’s a comfort, I think, in distance. Ancient things.»

Auch der Theologe an sich selbst ist ratlos. Doch er nimmt seine Zuflucht zu den geprägten Worten der Liturgie. Mit ihnen, gerade in ihrer Distanz, ihrer Abständigkeit vermag er Trost zu spenden. Seine Antwort ist knapp, eigentlich zu knapp. Doch sie deutet an, warum es die Christen sind, die angesichts von Leid und Tod nicht verstummen müssen. Nicht so, dass sie eine fromme Sosse über alles giessen müssen. Dass sich das nicht empfiehlt, haben wir angesichts des persönlich bezeugten Leids im Forum Kommunikative Theologie des letzten Jahres gesehen (Communicatio-Ausgaben von 2019). Sondern sie können ein Wort sagen, das alt ist, oder besser: das ewig ist.

Szene 6 aus dem Tolkien-Film

7. 1.37.34–1.42.10:

Sein enger Freund Geoffrey Smith hat den Krieg nicht überlebt, Tolkien aber ist Professor geworden. Wieder stellt sich die Frage, ob Sprache angesichts des Todes nicht verstummen muss. Tolkien überzeugt Geoffreys Mutter: Wir müssen gerade jetzt den Toten Stimme geben. Er will die Gedichte des Freundes herausbringen und ihn durch sein Reden wieder aufleben lassen.

Zweites Ergebnis

Die Aspekte zu «Sprache angesichts des Todes» führen von den innerweltlichen Zusammenhängen in biblisch-theologische Zusammenhänge. Es bestätigt sich: Die Interessen von Christen und Nichtchristen überlappen sich beim Thema Sprache. Beide haben ein Interesse an einer guten Sprache, an einer funktionierenden Kommunikation. Wittgenstein: «Ich bin zwar kein religiöser Mensch, aber ich kann nicht anders: ich sehe jedes Problem von einem religiösen Standpunkt» (bei Clausen S. 175).

Auch wenn bei Tolkien bzw. im Tolkien-Film Jesus Christus nicht vorkommt: Was wir dort an Sprach-Anmut und Sprachgewalt sehen dürfen, überlappt sich mit der biblischen Offenbarung des Wortes, auch wenn der Film nicht an diese heranreichen kann. In der Heiligen Schrift und in Jesus Christus stehen Wort und Sprache in völliger Reinheit und Vollkommenheit da. Das nun ist eigentlich das, was Christen vom biblischen Wort erwarten, d. h. vom Wort in seiner höchsten Potenz und Schönheit: Dass sich durch dieses Wort ein Blick nicht nur ins menschliche Herz, in die Schöpfung, sondern ins Herz Gottes tun lässt. Und dieser Blick – via Gottes Wort in Gottes Herz – wird uns auch helfen, die Wunder der Sprache zu verstehen, die für eine materialistische Reflexion unerklärlich bleiben:

  • kosmologisch: dass, wie und warum die logische Struktur der Welt in Sprache zutreffend wiedergegeben werden kann;
  • anthropologisch: dass, wie und warum Sprache zu den Spezifika und zur speziellen Würde des Menschen gehört;
  • historisch: warum die westliche Kultur eine Kultur der Schrift geworden ist (vgl. V. Mangalwadi, Das Buch der Mitte, 2014): Es gibt einen heiligen Text, damit gibt es Wahrheit, die sagbar ist. An diesem Felsen zerbricht die Skepsis, für die alles gleichgültig ist.
Szene 7 aus dem Tolkien-Film

2. Wirksames Wort, wundes Wort: aus der Bibel

«Es werde Licht! Und es ward Licht.»

Die ersten Seiten der Bibel lassen bei unserem Thema staunen, wie ungebrochen das Vertrauen in die Mächtigkeit und Wahrhaftigkeit von Sprache ist. Da erschafft Gott alles durch ein wirkmächtiges Wort. Der Segen ergeht worthaft und gültig. Gott spricht seinen Auftrag an den Menschen verstehbar, klar und gültig im Wort (1.Mose 2,15–17). Und dann werden Adams Benennungen der Dinge gültige Benennungen sein; nicht nur die Sprache Gottes ist damit verlässlich, sondern auch die seines Geschöpfes (1.Mose 2,19).

Einer vom Sündenfall noch unberührten Sprache ist Klarheit, Gewissheit, performatives und repräsentatives Potential zu eigen. Von vornherein tritt der Unterschied des göttlichen und menschlichen Sprechens heraus: Wirklich hervorbringend im Sinne einer Schöpfung aus dem Nichts kann nur Gott sprechen. Beim menschlichen Reden gibt es das nicht: Zaubersprüche soll der Mensch gerade nicht sprechen (5.Mose 18); bei ihm überwiegt das repräsentative und reflexive Sprechen. Der performative Aspekt menschlichen Redens taucht unter göttlichem Auftrag wieder auf: bei den Sakramenten, beim Segnen und in der vollmächtigen prophetischen Rede.

«Sollte Gott gesagt haben?» «So spricht der HERR!»

Die Schlange verdreht Gottes Wort, indem sie Verheissung und Drohung Gottes spiegelbildlich vertauscht. Die Lüge tritt in die Welt und macht jedes Miteinander, jedes Kommunizieren unsicher. So geht es weiter. Adam und Eva verstecken sich vor Gott mit Ausflüchten. Fortan ist die Sprache verwundet. Kain belügt Gott direkt und darf ihm nicht mehr unter die Augen treten. In Babel kommt es zur Katastrophe: Bevor die Menschen den Himmel erreichen, verwirrt Gott die Sprache und sorgt dafür, dass es keine Welteinheitsregierung gibt.

Dann beruft er Abraham in mehreren persönlichen Anreden. Gott führt mit seinem Reden allerdings nicht einfach in ein bequemes Leben, sondern in die grösste Krise, nämlich dass Abraham seinen lang ersehnten Sohn opfern soll.

Auch Mose wird durch Gottes Wort berufen – trotz fehlender Redegabe soll er Israel vor dem Pharao vertreten. Am Sinai empfängt er die Tora als geschriebenes Wort, zugleich den Auftrag, es unverfälscht zu bewahren und weiterzugeben (5.Mose 4 und 13). Eine Kultur der Schriftlichkeit beginnt (5.Mose 6). Die späteren Propheten ziehen mit ihrer Sprachkunst alle Register, um Israel die Tora zu vergegenwärtigen. Doch vergeblich. Sie werden mundtot gemacht. So scheitert Israel am Wort Gottes und verliert sein Land, seinen Tempel, seinen König, seine Eigenstaatlichkeit, seine Freiheit.

Drittes Ergebnis

Unsicherheit und Lügen im Reden des Sünders bringen seine Welt durcheinander. Das Ende der Lüge ist der Tod. Die Sprache der Lügner muss verstummen. Die Bibel beschönigt ihre Hauptdarsteller nie.

Neue Klarheit und Gewissheit entsteht, wenn Gott spricht. Mehr noch: Leben entsteht, blüht auf: «Das Wort ist euer Leben …» (5.Mose 32,47). Auch zwischenmenschlich: «Eine gute Botschaft aus fernen Landen ist wie kühles Wasser für eine durstige Kehle.» (Sprüche 25,25)

«Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns»

Das menschgewordene Wort ist Gott selbst. Seine Worte, die er geredet hat, «sind Geist und sind Leben» (Joh 6,63). Sie sind Nadelöhr: «So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger» (8,31f.). Und sie sind schwach: Das fleischgewordene Wort wird gekreuzigt, denn es setzt sich nicht zwangsweise durch, sondern wird im Modus des Imperativ Passiv und der Bitte weitergegeben: «werdet getauft/werdet gerettet!» (Apg 2,38/40), «werdet versöhnt mit Gott!»(2.Kor 5,20), «werdet verwandelt!» (Röm 12,2).

«Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze … dass der Mensch Gottes vollkommen sei»

Wenn die Bibel vom Wort Gottes spricht, spricht sie wie von Gott selbst. Sein Wort hat göttliche Kraft, Lebendigkeit, ja Schärfe (Hebr 4,12f.). Es begegnet sogar in menschlicher Predigt (1.Thess 2; 1.Petr 1; Jak 1,18).

Hierin liegt eine riesige Ermutigung: Wo wir in göttlichem Auftrag und in Übereinstimmung mit dem Schriftwort predigen, gilt: durch zweier oder dreier Zeugen wird eine Sache bestehen.

Die ersten Seiten der Bibel lassen bei unserem Thema staunen, wie ungebrochen das Vertrauen in die Mächtigkeit und Wahrhaftigkeit von Sprache ist.

Das menschgewordene Wort ist Gott selbst. Seine Worte, die er geredet hat, «sind Geist und sind Leben». Und sie sind schwach: Das fleischgewordene Wort wird gekreuzigt, denn es setzt sich nicht zwangsweise durch.

3. Fazit: Unsere Aufgaben

1. Theologie und Kirche haben die höchste und umfassendste Motivation, sich um gute Kommunikation und Sprache zu bemühen, danach alle anderen Wissenschaften. Wenn Theologie «Wortreinigungswissenschaft» ist (Manfred Seitz), darf sie das andrängende Nachfragen nach dem Original nicht zurückstellen. Der Rückgang der Kompetenz in den alten Sprachen bei den Theologen ist ein Alarmsignal. Schon Luther meinte, das Evangelium könne ohne die Ursprachen nicht rein behalten werden.

2. Am Bibelwort können wir Sprache in ihrer höchsten Potenz, Würde und Kreativität lernen, ebenso, was Lüge und Verstellung bedeuten und nach sich ziehen.

3. Gewinnen und bewerben wir neu eine Wertschätzung von Sprache, von gutem, exaktem Ausdruck, von hörender und antwortender Kommunikation!
Das Bemühen um Sprache und um das gute Wort ist wie das Mühen des Bauern um einen guten Boden: Dieser braucht den rechten Dünger!
Ein Hoch auf allen Sprachunterricht!

4. Die Freiheit der Verkündigung sowie die Freiheit von Forschung und Lehre sollten wir auch dadurch sichern, dass wir die Sprache vor Überfremdung und Bemächtigung schützen. Das gilt in unserem kritischen Gegenüber sowohl zu den Regierungen als auch gegenüber dem Sprachgebrauch der Werbung.

Literaturangaben

  • Werner Besch u.a.: Geschichte der deutschen Sprache, 2009.
  • Matthias Clausen: Evangelisation, Erkenntnis und Sprache, 2010.
  • Stefan Felber (Hg.): Zwischen Babel und Jerusalem. Aspekte von Sprache und Übersetzung, 2. Auflage 2019.
  • Wolf Schneider: Wörter machen Leute. Magie und Macht der Sprache, 4. Auflage 1986.
  • George Steiner: Nach Babel. Aspekte der Sprache und des Übersetzens, 1981 (engl. 1975).
Podiumsgespräch am Forum Kommunikative Theologie 2020 (1500x500px)

Wie Christen besser kommunizieren

Bericht

Erkenntnisse des Forums Kommunikative Theologie 2020

Kommunikative Theologie zu betreiben, hat sich das Theologische Seminar St. Chrischona (tsc) auf die Fahnen geschrieben. Konkret geschieht dies beim zweitägigen Forum Kommunikative Theologie. Mitte Januar 2020 fand es wieder auf dem Chrischona-Campus statt. Diesmal dachten rund 50 Teilnehmer über ein Schlüsselthema nach, um den christlichen Glauben zu verbreiten: die Kommunikation.

Wer sich wissenschaftlich mit Kommunikation beschäftigt, landet schnell bei Paul Watzlawicks: «Man kann nicht nicht kommunizieren.» Darin einig waren sich auch die Referenten des Forums Kommunikative Theologie: die Professoren Vinzenz Wyss (ZHAW) und Harald Seubert (STH Basel), die tsc-Dozierenden Rahel Bidlingmaier, Dr. Stefan Felber und Dr. Jean-Georges Gantenbein sowie die Sprachtherapeutin Damaris Tschirner.

Kommunikative Herausforderungen für Christen

Besonders Religionsgemeinschaften und Christen stehen in der heutigen Zeit vor zahlreichen Herausforderungen, wenn sie öffentlich kommunizieren wollen. Der Professor für Journalistik Vinzenz Wyss arbeitete dies anhand der Systemtheorie von Niklas Luhmann und von empirischen Untersuchungen heraus. So seien Religionsinhalte selten Hauptthema, wenn Medien über Religion berichten. BBesonders Freikirchen macht es zu schaffen, dass sie in der Öffentlichkeit als «eine andere Welt» wahrgenommen werden. Zudem gebe es einen «Negativismus-Frame», der Religionsgemeinschaften mit Gewalt, Kriminalität oder Terrorismus in Verbindung bringt.

Prof. Wyss: «Geschwätziger werden!»

Was also tun? Prof. Wyss gab den Tipp, als Religionsgemeinschaft selbst aktiv zu kommunizieren und den Medien Personen und Geschichten anzubieten. Chancenreich sei es, christliche Werte mit aktuellen Fragen zu koppeln. Zudem sei eine Sehnsucht nach Gemeinschaften spürbar. Dies seien jedoch «neue Gemeinschaften, die sich nur noch durch Kommunikation definieren», wie Prof. Wyss erklärte. Und weiter: «Religionsgemeinschaften müssen geschwätziger werden, aber ohne zu moralisieren. Dann besteht die Hoffnung, wieder mehr wahrgenommen zu werden.»

Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Vinzenz Wyss zeigte die Herausforderungen auf, die Christen bei ihrer Kommunikation in der Öffentlichkeit haben.
Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Vinzenz Wyss zeigte die Herausforderungen auf, die Christen bei ihrer Kommunikation in der Öffentlichkeit haben.

Prof. Seubert: «Auf der Schrift gegründet und gesprächsfähig sein!»

Einen philosophisch-theologischen Blick auf das Kommunizieren in der heutigen Zeit warf Prof. Seubert. Mit einer guten Portion Humor und einer grossen Übersicht auf die Philosophiegeschichte konnte er die Zuhörerinnen und Zuhörer fesseln. Prof. Seubert ordnete die neuen Kommunikationsmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts als ähnliche Revolution wie den Buchdruck ein. «Kommunikation wird weltumspannend und allverfügbar. Zwischen menschlichen Beiträgern zu dieser Kommunikation und Bots ist nicht mehr ohne Weiteres zu unterscheiden», analysierte er. Kirche und Theologie müssten darauf Antworten finden, für die Prof. Seubert fünf Thesen vorstellte. Eine davon lautete: «Die grosse Aufgabe ist es, fest auf der Schrift gegründet zu bleiben – und zugleich gesprächsfähig zu sein.» Die Kommunikative Theologie schätzte er dabei als hilfreichen Denk-, Lese- und Überzeugungsweg ein.

Prof. Dr. Harald Seubert artikulierte 5 Thesen zu den Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren theologischen Kommunizierens heute.
Prof. Dr. Harald Seubert artikulierte 5 Thesen zu den Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren theologischen Kommunizierens heute.

«Sprache hat Macht!»

Am zweiten Tag des Forums Kommunikative Theologie spannten Dozierende des tsc den inhaltlichen Faden weiter. Sie referierten darüber, wie sich Kommunikation gestalten lässt. Zunächst führte Dr. Stefan Felber (tsc-Dozent für Altes Testament) die Macht der Sprache vor Augen. Anhand von Ausschnitten des Films «Tolkien» zeigte er: Sprache lockt durch Schönheit, hat konservierenden Charakter und ist das Lebenselixier eines Volkes. «Sprache hat Macht. Christen und Nichtchristen haben ein Interesse an einer guten Sprache, an einer funktionierenden Kommunikation. Theologie und Kirche haben die höchste Motivation, sich um gute Kommunikation und Sprache zu bemühen», sagte Stefan Felber.

«Ein Wunder, wenn Kommunikation als gelungen erfahren wird»

Sprache und Bibelübersetzung sind Forschungsthemen von Stefan Felber. 2018 hat er dazu das Buch herausgegeben «Zwischen Babel und Jerusalem – Aspekte von Sprache und Übersetzung». Eine seiner dort zu Papier gebrachten Thesen fasste er am Forum Kommunikative Theologie so zusammen: «Es ist wirklich Gnade und Vorrecht, dass wir kommunizieren dürfen – ja es ist nach Babel immer ein Wunder, wenn Kommunkation als gelungen erfahren wird. Und der Pfingstbericht in Apg 2 zeigt: Am ehesten werden Menschen dort eins, wo sie sich unter die Grosstaten Gottes stellen und diese in ihren jeweiligen Sprachen vergegenwärtigen.»

Die Macht der Sprache führte Dr. Stefan Felber (Dozent am tsc für Altes Testament) vor Augen.
Die Macht der Sprache führte Dr. Stefan Felber (Dozent am tsc für Altes Testament) vor Augen.

Zu Augen Gottes werden

Kunsthistorisch interessant wurde es beim Vortrag von Dr. Jean-Georges Gantenbein (tsc-Dozent für Interkulturelle Theologie). Er erzählte den Krimi der Wiederentdeckung der «Kreuzigung» des Renaissance-Malers Agnolo Bronzini. Massgeblichen Anteil daran hatten zwei italienische Kunstexperten, sogenannte «Augen», die Kunstwerke überprüfen. Seine These: Auch Mitarbeitende im Reich Gottes sollten sich zu Augen seiner Herrschaft entwickeln.

Methoden mutig ausprobieren

Zum Schluss wurde es mit Rahel Bidlingmaier praktisch-methodisch. Die Studiengangsleiterin der Theologie & Pädagogik machte Mut, sich auf neue Methoden einzulassen. Methoden seien viel mehr als eine nette Spielerei. Es gelte jedoch, Dinge auszuprobieren und Methoden nicht vorschnell zu verdammen. «Methoden müssen erlernt und eingeübt werden – sowohl vom Sender als auch vom Empfänger», lehrte Rahel Bidlingmaier.

Viel Stoff zum Weiterdenken

Die Zuhörerinnen und Zuhörer des Forums Kommunikative Theologie setzten sich zusammen aus tsc-Dozierenden, Vertreterinnen und Vertretern von tsc-Netzwerkpartnern und interessierten Gästen. Ihnen allen hat das Forum viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken gegeben. Es motivierte auch für konkrete nächste Schritte. Thomas Eberhardt, Pastor der Chrischona-Gemeinde Thun, will beim Thema Vergebung ansetzen: «Kirche kann beim Thema Vergebung punkten. Das müssen wir rüberbringen». Und sein Kollege Elias Vogel aus der Chrischona-Gemeinde Steckborn will Gemeindemitgliedern den Tipp geben, Werte zu benennen – ohne zu moralisieren. So kann Kommunikative Theologie in der Praxis aussehen.

Dr. Jean-Georges Gantenbein ist Dozent für Interkulturelle Theologie am tsc. Die These seines Vortrags: Christen sollten sich zu «Augen» Gottes entwickeln.
Dr. Jean-Georges Gantenbein ist Dozent für Interkulturelle Theologie am tsc. Die These seines Vortrags: Christen sollten sich zu «Augen» Gottes entwickeln.
Methoden nicht verdammen, sondern mutig ausprobieren, forderte Rahel Bidlingmaier (Studiengangsleiterin Theologie & Pädagogik am tsc).
Methoden nicht verdammen, sondern mutig ausprobieren, forderte Rahel Bidlingmaier (Studiengangsleiterin Theologie & Pädagogik am tsc).

Forum 2021

Das nächste Forum Kommunikative Theologie findet am 21. und 22. Januar 2021 auf dem Chrischona-Campus statt.

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