Kirstine Fratz, Zeitgeistforscherin und Autorin (3000x1000px)

Heiliger Geist trifft Zeitgeist

Interview mit Kirstine Fratz und Dr. Andreas Loos

«Zeitgeist und Heiliger Geist wollen uns beide wachsen sehen!»

Die Hamburger Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz und tsc-Dozent Dr. Andreas Loos luden im Oktober 2019 zu einem Wochenendseminar auf den Chrischona-Campus ein. Dabei stellten sie Zeitgeist und Heiligen Geist als Spielgefährten vor. Im Interview erklären sie, wie das «Zeit – Geist – Spiel» zu verstehen ist.

tsc: Frau Fratz, als Zeitgeistforscherin haben Sie die Antennen weit ausgefahren ins Leben der Menschen und der Gesellschaft. Leben wir in einer Zeit, die von allen guten Geistern verlassen ist?

Kirstine Fratz: Der Gedanke kommt einem sicherlich schnell, schaut man sich um in den aktuellen Problemfeldern der Zeit. Die Kunst ist es aber, zwischen den Feldern wieder Kontakt mit den guten Geistern aufzunehmen und zu erkennen, wo neuer Wille für Versöhnung und Heilung gestartet wird. Dieser kommt oft in ganz anderen Formen und Farben, als wir es von vergangenen Zeitgeistern gewohnt sind. Daher fällt es uns häufig schwer es zu sehen, weil wir uns die guten Geister so noch nicht vorgestellt haben.

So glauben wir etwa, dass die demografische Verschiebung und der vermeintliche Verfall von familiären Werten die Grundlagen unserer Gesellschaft zerstören, und erkennen nicht, dass gerade diese Verschiebung das Konzept Familie neu hat atmen lassen. Ein Phänomen für diesen guten Geist ist, dass besonders junge Frauen wieder zunehmend Lust auf Mutterschaft haben. Denn der neue gesellschaftliche Kontext macht es für sie wieder attraktiv. Und sie haben das Gefühl, es ist Zeit, das Thema wieder positiv für ihr Leben zu bewerten. Eine Entwicklung, die für uns so vorher nicht erkennbar war.

tsc: Der Zeitgeist, über den Sie schreiben: Wer ist er und was macht er?

Kirstine Fratz: Er ist eine sehr machtvolle und kreative Kraft. Der Zeitgeist hat die Macht, unser Denken, Handeln und Fühlen zu verändern. Das macht vielen Menschen Angst und manche verteufeln ihn sogar dafür.
Der Vorwurf, der dem Zeitgeist immer wieder gemacht wird, ist, dass er destabilisiert, Werte mit Füssen tritt, oberflächlich und launisch wäre. Das ist allerdings eine recht oberflächliche Sichtweise auf sein Werk. In der Tat steht er nicht für Stabilität, Bewahren und Erhalten. Doch was passiert mit einer Gesellschaft, die versucht, sich vor Bewegung und Veränderung zu schützen? Das System erstarrt und bietet zunehmend Raum für Macht, Schmerz und Leid.
Der Zeitgeist bricht erstarrte Strukturen auf, nimmt sich der darin entstandenen Defizite und Sehnsüchte an und bietet neue Möglichkeiten, diese zu erfüllen. Diese Dynamik erscheint einem oft erst als eine Bedrohung, ein Vorzeichen für den Untergang. Doch ist es meist eine neue Annäherung an etwas Lebenswichtiges, was im alten System zu sterben drohte. Und dann verlieren wir wie von Zauberhand auf einmal die Lust so viel Alkohol zu konsumieren wie einst, bevor unser Körper uns wichtig wurde. Wir verzichten darauf, unsere Kinder einfach zum Gehorsam zu erziehen, weil wir sie auf einmal in ganzer Blüte und Entfaltung sehen wollen. Und junge Frauen wollen plötzlich nicht mehr auf Mutterschaft warten, wie sie es im alten System gelernt haben.
Das alles sind immer wieder neue Chancen, die Gesellschaft lebendig und damit auch gesünder zu gestalten.

Kirstine Fratz, Zeitgeistforscherin (768x1024px)
Kirstine Fratz, Zeitgeistforscherin und Autorin

Der Vorwurf, der dem Zeitgeist immer wieder gemacht wird, ist, dass er destabilisiert, Werte mit Füssen tritt, oberflächlich und launisch wäre. Das ist allerdings eine recht oberflächliche Sichtweise auf sein Werk. In der Tat steht er nicht für Stabilität, Bewahren und Erhalten. Doch was passiert mit einer Gesellschaft, die versucht, sich vor Bewegung und Veränderung zu schützen? Das System erstarrt und bietet zunehmend Raum für Macht, Schmerz und Leid. (Kirstine Fratz)

tsc: Andreas Loos, wie kommst du auf die Idee, der Heilige Geist könnte etwas mit dem Zeitgeist zu tun haben?

Andreas Loos: Eben, weil er heilig ist. Das heisst für einen Theologen, dass ich dem Heiligen Geist nicht vorschreiben sollte, wo und wie er wirkt. Leider hat die Christenheit das immer wieder getan und den Heiligen Geist zu einseitig mit Erlösung verknüpft und an die Institution Kirche geknüpft. Diese starre Entgegensetzung von Kirche und Gesellschaft, Heiligem Geist der Gläubigen und unheiligem Geist der Zeit hat mich lange blind gemacht dafür, wie weit und tief der Heilige Geist sich einlässt auf das Leben. Die Bibel erzählt, wie der Heilige Geist jeden Menschen zu einer lebendigen Seele macht, zu bedürftigen Mängelwesen mit Hunger und Durst nach Leben, Liebe und Glück. Er inspiriert, begabt und ermächtigt Menschen dazu, liebe- und lustvoll die Schöpfung aufblühen zu lassen, Neues hervorzubringen, Schönes zu erschaffen – häufig geradezu spielerisch. Und dort, wo wir uns auf Geister, Prinzipien und Strukturen eingelassen haben, die das Leben entheiligen und bedrohen, da erfüllt der Heilige Geist Menschen mit neuen Ideen, mutigen Handlungsweisen und erstaunlich resilienter Welthoffnung. So belebt er, was tot ist, bewegt, was erstarrt ist, befreit, was zwanghaft ist, und stimmt neu an, was verstummt ist.

Wenn nun die Zeitgeistforschung von spontanen und unerwarteten Zeitgeistbewegungen berichtet, welche die lebensuntauglichen und starren Vorgaben des Zeitgeistes für ein erfülltes Leben aufbrechen und überbieten, dann frage ich mich: Woher kommt diese selbstregulierende Kraft des Zeitgeistes? Steckt dahinter etwa das stille und unaufdringliche Handeln des Heiligen Geistes?

Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie.
Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie.

Diese starre Entgegensetzung von Kirche und Gesellschaft, Heiligem Geist der Gläubigen und unheiligem Geist der Zeit hat mich lange blind gemacht dafür, wie weit und tief der Heilige Geist sich einlässt auf das Leben. (Dr. Andreas Loos)

tsc: Mit dem Zeitgeist spielen – ist das eher Risiko oder Verheissung?

Kirstine Fratz: Es ist beides. Sich auf verheissungsvolles Terrain zu wagen, ist immer mit einem Risiko verbunden. Doch die Verheissung lässt uns dieses Risiko oft erst eingehen. Verheissung ist immer auch Antrieb, etwas zu wagen, zu hoffen und zu erfahren.

Andreas Loos: Keine Verheissung ohne Risiko, das hat letztlich damit zu tun, dass Gott Liebe ist und mit uns Liebe verwirklichen will. Und zwar in der Kraft des Heiligen Geistes, der Liebe Gottes in unseren Herzen (Römer 5,5). Liebe kann die Gegenliebe weder erzwingen, noch verfügen, noch manipulieren. Ich glaube, dass Gott selbst das Wagnis und Risiko der Liebe eingegangen ist. Und ich hoffe, dass die Verheissung von Leben und Liebe uns immer wieder lockt. Das hat nichts mit leichtfertigem Zocken zu tun, wohl aber mit gelassener Freiheit, Fehler zu machen und zu scheitern. Wie Petrus: Lieber mal absaufen mit Jesus, aber dafür mit ihm über das Wasser gehen.

Lieber mal absaufen mit Jesus, aber dafür mit ihm über das Wasser gehen. (Dr. Andreas Loos)

tsc: Lassen sich Zeitgeist und Heiliger Geist klar unterscheiden?

Kirstine Fratz: Der Zeitgeist ist das Fieber des Neuen. Seine Kraft ist die Erneuerung, seine Vision das Unvorstellbare, seine Macht die Resonanz. Er strebt, er sehnt, er drängt und treibt und gibt uns keine Ruhe. Denn würde er uns in Ruhe lassen, so würden wir den anderen Geistern zu viel Raum geben. Den trägen und vertrauten Geistern, die uns eigensinnig machen und entmutigen. So erinnert er uns stets an die Freiheit des Denkens und des Gestaltens. Das ist beschwerlich und auch euphorisch, denn durch den Zeitgeist haben wir die Möglichkeit, uns und unserer Welt immer wieder neu zu begegnen. So ist der Zeitgeist stets temporär, der Heilige Geist in seinem Streben aber ewig und unverrückbar in seinem Wollen und in seiner Liebe. Ihre Herangehensweise an den Menschen ist klar zu unterscheiden, doch in Ihrem Wirken tun sich ähnliche Absichten und Ziele auf.

Andreas Loos: Theologisch ist das gar nicht so einfach. Nämlich dort, wo die guten Geister des Menschen zusammenspielen mit dem Heiligen Geist. Ein Beispiel: Der Heilige Geist ruft im Herzen der Gläubigen «Abba, lieber Vater» (Galater 4,6). Aber das schliesst die Gläubigen und ihren Geist nicht aus, sondern setzt sie frei. Sie rufen jetzt selbst «Abba, lieber Vater», weil der Heilige Geist ihrem Geist bezeugt, dass sie Gottes Kinder sind (Römer 8,15–16). Hier sind beide untrennbar am Werk. Andererseits gibt es klare Kriterien für die Unterscheidung der Geister. Etwa überall dort, wo Angst, Zwang und Gewalt geschürt werden, haben wir es nicht mit dem Heiligen Geist der Freiheit zu tun.

Der Zeitgeist ist das Fieber des Neuen. Seine Kraft ist die Erneuerung, seine Vision das Unvorstellbare, seine Macht die Resonanz. Er strebt, er sehnt, er drängt und treibt und gibt uns keine Ruhe. (Kirstine Fratz)

tsc: Zeitgeistforschung trifft Theologie, und Sie nennen das «Zeit – Geist – Spiel». Welche thematischen Bälle spielen Sie sich gegenseitig zu?

Kirstine Fratz: Wir werden gemeinsam beleuchten, wie sich das Wirken des Zeitgeistes im Sinne des Heiligen Geistes darstellt. Wir werden uns voller Schöpfergeist darüber beraten, ob es nicht an der Zeit ist, die strikte Trennung zwischen Glauben und Zeitgeist liebevoll aufzulösen. Für weniger Angst und mehr Versöhnung, die zu neuem Mut, Hoffnung und Freude für das Wirken von den beiden Geistern führen kann. Wir haben uns vorgenommen, ein Tabuthema anzupacken, weil wir nicht mehr daran glauben, dass diese beiden Kräfte sich nicht leiden können, sondern beide uns gerne frei und wachsen sehen.

Andreas Loos: Ich werde ein paar zeitgeistsensible Facetten des Heiligen Geistes ins Spiel bringen, die eher in Vergessenheit geraten sind. Zum Beispiel, dass jeder Mensch mit dem Heiligen Geist zu tun hat und ihm den herrlichen Kreislauf von Mangel, Begehren und Erfüllung verdankt, durch den wir zu Gott, zueinander und zu uns selbst finden. Oder die schöpferische, künstlerische und spielerische Seite des Heiligen Geistes, die uns kreativ und spielerisch macht. Ach ja, und dass der Heilige Geist es liebt, unsere Zeit zu erfüllen, wenn sie reif dafür ist, um unserem Geist zuzuflüstern, dass wir geliebte Kinder des Höchsten sind. Ich bin ziemlich neugierig, was wir und alle Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer auf dieser weiten Spielwiese entdecken und erleben werden.

Wir haben uns vorgenommen, ein Tabuthema anzupacken, weil wir nicht mehr daran glauben, dass diese beiden Kräfte sich nicht leiden können, sondern beide uns gerne frei und wachsen sehen. (Kirstine Fratz)

tsc: Sie wollen dazu beitragen, dass die Menschen zu mündigen Zeitgeistteilnehmerinnen und -teilnehmern werden. Woran denken Sie dabei?

Kirstine Fratz: Mündigkeit entsteht durch Bewusstheit. Für den Zeitgeist fehlt oft das Bewusstsein für seine Dynamik. Meistens halten wir uns im Bewerten und Urteilen auf und erkennen dabei nicht die Chancen. Zeit – Geist – Spiel soll eine neue Wahrnehmung schulen für die gestalterische Kraft der beiden Mächte und der gestalterischen Kraft in uns selbst. Das macht uns mündig, um mit beiden Mächten in einen spielerischen Austausch zu gehen und dann zu erschaffen, was uns als sinnvoll erscheint. So bleiben wir frei in der Entscheidung und doch angebunden an die Schönheit des Ewigen und die Chancen des Temporären.

Andreas Loos: Angstfähig werden. Damit meine ich, sich selbst als Zeitgeistteilnehmer an- und ernst zu nehmen. Den durchaus furchteinflössenden Seiten des Zeitgeistes ins Auge schauen, aber manchen Spuk auch durchschauen. Über sich selbst lachen und dem Heiligen Geist zutrauen, dass er mich hält, wenn die nächste Zeitgeistwelle auf mich zurollt. Aber noch mehr. Spiritualität ist die Kunst, geistbestimmt zu leben (ars spiritualis). Das will gelernt und eingeübt werden. Mündig ist, wer sich immer wieder dafür entscheidet und dabei Fehler und Scheitern nicht scheut. So entdecke ich mit anderen, wie der Heilige Geist zur passenden Zeit das Gute zu mir kommen lässt, mich zum Guten kommen lässt – manchmal trotz, aber immer wieder auch mit Hilfe des Zeitgeistes.

So entdecke ich mit anderen, wie der Heilige Geist zur passenden Zeit das Gute zu mir kommen lässt, mich zum Guten kommen lässt – manchmal trotz, aber immer wieder auch mit Hilfe des Zeitgeistes. (Dr. Andreas Loos)

Communicatio-Magazin 1/2019: Kaum zu rechtfertigen? Der Glaube an Gott angesichts des Leidens (Foto: © wundervisuals / www.istockphoto.com)

Kaum zu rechtfertigen? Der Glaube an Gott angesichts des Leidens

Artikel aus dem Communicatio-Magazin 1/2019

Kaum zu rechtfertigen?

Der Glaube an Gott angesichts des Leidens (Autor: Dr. Andreas Loos)

Wie können Menschen angesichts des Leidens in dieser Welt an einen gütigen und allmächtigen Gott glauben? Im Communicatio-Magazin 1/2019 formuliert Dr. Andreas Loos, Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie, eine leidsensible Lehre von Gott. Und er gibt eine Antwort, wie Menschen im Leid ein Ja zu Gott finden können: Denn Gott selbst erleidet die Übel und das Böse der Welt. In der Auferweckung Jesu Christi von den Toten hat er unter Beweis gestellt, dass Tod und Leiden nicht das letzte Wort haben. Dr. Loos schreibt:

Das Leid ist – nach wie vor – der Fels des Atheismus. Da stimme ich Joachim Kahl erst mal zu (Anm. d. Redaktion: Dr. Dr. Joachim Kahl hat in einem anderen Beitrag im Communicatio-Magazin die zwei Säulen des Atheismus definiert). Die personal-theistische Vorstellung von einem gütigen, allmächtigen und allwissenden Gott, der die Welt erhält, regiert und zu einem guten Ziel lenkt, zerschellt vielen Menschen, wenn sie mit der üblen, leidvollen und schmerzhaften Dimension des Lebens konfrontiert sind. Aber ich bin so frei und frage zurück: Kann denn der Atheismus vernünftigere und hilfreichere Antworten geben, um die Leiden der Welt zu bewältigen? Der Philosoph Holm Tetens, der sich selbst zu den atheistischen Naturalisten zählt, ist eindeutig skeptisch (Gott denken, S. 78):

«In der Perspektive des Naturalismus lässt sich gegen die Übel und Leiden in der Welt ankämpfen, aber nur in einer problematischen Haltung wie der Resignation, der tragischen Auflehnung, des zynischen egoistischen Hedonismus oder des selbstzerstörerischen Selbsterlösungswahns und in jedem Falle in der moralischen Verlegenheit, ungeheuer viel von den Übeln und Leiden in der Welt bestenfalls als Mittel zum Menschheitsfortschritt einen vermeintlichen Sinn zu verleihen.»

Weil mir die leidenden Menschen am Herzen liegen, höre ich nicht damit auf, das Leid theologisch – also auf dem Weg über Gott – zu bedenken. Der Fachausdruck dafür heisst «Theodizee».

Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie.
Dr. Andreas Loos ist Dozent des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) für Systematische Theologie.

Interesse am Communicatio-Magazin?

Communicatio heisst das Magazin des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc). Es widmet sich den vielfältigen Themen einer «Kommunikativen Theologie», wie sie am tsc gepflegt und erarbeitet wird. Das Communicatio-Magazin erscheint zweimal pro Jahr. Sie können es kostenlos abonnieren per Post oder per E-Mail.

Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.

1. Theodizee: Das «Ja» zu Gott und zum Leben offenhalten

Der Begriff, das Problem und die Aufgabe

Setzt man die griechischen Wörter theos (Gott) und dike (Gerechtigkeit) zusammen, dann entsteht der Begriff Theodizee. Es geht dabei nicht um eine Rechtfertigung Gottes, wenn er wegen des Leides in der Welt auf der Anklagebank sitzt. Es geht darum, die Beziehung des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zu Gott zu rechtfertigen und zu plausibilisieren.

Nun macht der Atheismus ja genau das Gegenteil. Für ihn ist das quantitative und qualitative Ausmass an Leid ein schlagender Grund dafür, dass es Gott gar nicht gibt. Damit sind wir beim sogenannten Widerspruchsproblem. Es ist wohl so alt wie die Menschheit. Kompakt und logisch hat es der Kirchenvater Laktanz (ca. 250-320) in seiner Schrift über den Zorn Gottes formuliert (zitiert nach Stosch, Theodizee, S. 10):

«Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, oder er kann es und will es nicht: Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist, oder er will es nicht und kann es nicht: Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott, oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?»

Wie personaler Theismus und Atheismus dem Leiden begegnen (Grafik von Dr. Andreas Loos)
Wie personaler Theismus und Atheismus dem Leiden begegnen (Grafik von Dr. Andreas Loos)

Mehr erfahren?

  • Kreiner: Gott im Leid, S. 15–48.
  • von Stosch: Theodizee, S. 5–17.

Theoretische und praktische Theodizee

Wer dieses Widerspruchsproblem zu lösen versucht, betreibt theoretische Theodizee. Viele schütteln den Kopf und lehnen das ab. Sie plädieren für eine praktische Theodizee. Die Hauptargumente sind:

  • Wegen der Geheimnishaftigkeit und Unbegreiflichkeit Gottes bleibt auch die Erfahrung des Leides letztlich unerklärlich.
  • Alle theoretischen Erklärungsversuche neigen dazu, Leid zu verharmlosen und die Leidenden selbst nicht ernst zu nehmen oder gar zu vernachlässigen.
  • Leidende Menschen suchen nicht zuerst nach theoretischen Erklärungen, um Leid zu verstehen, sondern nach praktischer Hilfe, um im Leid zu bestehen.

Das sind berechtigte Vorbehalte. Zugleich aber mache ich folgende Erfahrung: Für viele Menschen ist der denkerische Widerspruch zwischen Gott und Leid so stark, dass es ihnen überhaupt nicht hilft, zu hören: «Ja, Gott und sein Handeln sind unbegreifbar, aber Du kannst trotzdem weiter an ihn glauben.» Die praktische und die theoretische Theodizee bedingen sich wechselseitig. Das macht die grau hinterlegte Auflistung deutlich. Wie ein Mensch mit Leid umgeht, hängt erheblich davon ab, wie er darüber denkt.

Ich plädiere für eine Theologie, die auf der Seite der Leidenden steht. Wer das tut, weicht der atheistischen Infragestellung Gottes nicht aus, sondern packt das Widerspruchsproblem an. Ziel ist es, das Ja zu dem Gott offen zu halten, der uns begegnen und helfen will, Leid zu verarbeiten und zu bewältigen, um ein neues Ja zum Leben zu finden.

Theoretische Theodizee:
Leid verstehen

  • Leiden hat einen höheren Sinn.
  • Leiden ist unergründlich.
  • Leiden ist eine Strafe Gottes.
  • Leiden hat lebensvertiefende Wirkung.
  • Leiden ist irdisch begrenzt und nicht ewig.
  • Leiden ist nicht Gottes Wille.
  • Leiden kommt schicksalhaft.

Praktische Theodizee:
Leid bewältigen

  • Ich optimiere mich durch das Leid.
  • Ich stemme mich gegen das Leid.
  • Ich erdulde das Leid.
  • Ich integriere das Leid positiv ins Leben.
  • Ich stelle mich dem Leid und besiege es.
  • Ich nehme das Leid an, wie es kommt.
  • Ich hoffe auf leidfreie Zeiten.

2. Populäre Strategien zur Lösung des Widerspruchsproblems

Die atheistische Infragestellung Gottes aufgrund des Leides folgt logisch aus den theistischen Prämissen A), B) und C), die über Gott und das Leid aufgestellt werden. Was aber, wenn diese Annahmen so nicht stimmen? Was, wenn wir gute Gründe dafür angeben könnten, die erklären, warum und wozu Gott das Leiden nicht verhindert oder beseitigt? Dann wäre der Atheismus nicht mehr zwingend. Man müsste dazu entweder das Leiden anders interpretieren oder aber die Eigenschaften der Güte, Allmacht und Allwissenheit Gottes. Ich präsentiere nun kurz die wichtigsten Ansätze und frage jeweils, wie tauglich und leistungsfähig sie für die Lösung des Theodizeeproblems sind.

Das Leid positiv interpretieren (Bonisierungsstrategie)

Wenn man zeigen könnte, dass das Leid letztlich dem Guten (bonum) dient, wäre es gerechtfertigt an einen Gott zu glauben, der das Leid nicht verhindert oder aus der Welt schafft. Die wichtigsten Ansätze, das Leid und die Übel zu entübeln, lassen sich so skizzieren:

Mehr erfahren?

  • Kreiner: Gott im Leid, S. 125–163.
  • von Stosch: Theodizee, S. 18–39.

Funktionalisierung des Leides

Durch Übel und Leid entwickeln sich Natur, Menschsein und Geschichte weiter. So erwerben wir Menschen uns das Wissen über Gut und Böse dadurch, dass wir Leid erfahren und Schmerz empfinden. Nur, wenn es das Böse gibt, kann der Mensch sich für das Gute entscheiden und so zu einem moralischen Wesen werden. Wertvolle Tugenden wie Solidarität, Treue, Tapferkeit, Mitleid entstehen auf der Basis von Leiderfahrungen. In seiner Theodizee der Seelenbildung (soul-making theodicy) verstand der Theologe John Hick die Übel und das Leid als Bedingungen dafür, dass der Mensch zu einer Persönlichkeit heranreift und sich für Gott entscheidet. Manche Theologien versuchen zu erklären, dass Gott den Sündenfall vorherbestimmt hat, damit der Mensch sich wirklich für Gott und für das Gute entscheiden kann. Dass Gott die Menschen durch das Leiden reifen lässt und auf den (leidlosen) Himmel vorbereitet, ist ein Gedanke, der in zahlreichen geistlichen Liedern Ausdruck gefunden hat: «…denn durch Trübsal hier geht der Weg zu Dir», dichtete Zinzendorf in seinem Lied «Jesu, geh voran».

Mögliche Bibelstellen

  • 1. Mo 3,22–24
  • 1. Mo 50,20
  • 1Petr 5,10
  • Röm 8,18.28
  • Offb 21,3.4

Pädagogisierung des Leides

Eng verwandt mit der Funktionalisierungsstrategie ist die Sicht, dass Gott durch das Leiden den sündigen Menschen straft und ihn – letztlich aus Liebe – erzieht. Gerade für die Opfer, denen Böses und Übles zugefügt worden ist, kann der Gedanke, dass Gott die Täter straft, wichtig sein. Eine lange und biblische Tradition sieht im Leiden Prüfungen Gottes, durch die er die Glaubensresilienz der Menschen stärkt. Not lehrt beten. Leiden vertieft die Gottesbeziehung.

Mögliche Bibelstellen

  • 1. Mo 22
  • 5. Mo 8,5
  • 2Sam 24
  • Hi 1,1–2,10
  • Ps 17,3
  • Spr 3,11–12
  • Hebr 12,4.13
  • Jak 1,2–18

Ästhetisierung des Leides

Vertreter dieser Strategie argumentieren so: Schönheit und Harmonie, Glück und Freude kann es nur geben, wenn es auch das Hässliche und die Dissonanz, das Unglück und die Trauer gibt. Schuld führt zur Vergebung und Versöhnung, gemeinsames Erleiden führt zu einer Glücksvertiefung in zwischenmenschlichen Beziehungen; Not schweisst zusammen. Vielleicht eine der bekanntesten Bibelstellen in diesem Zusammenhang ist Römer 8,28: «Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.» Gott mutet niemandem mehr zu, als man tragen kann.

Zur Theodizeetauglichkeit

Leidgeplagte Menschen bezeugen, wie aus ihrem Leiden in erstaunlicher Weise Gutes erwachsen ist. Es gibt Leiden, die einem höheren Gut dienen, was ein Grund dafür sein könnte, dass Gott es nicht verhindert. Das kann als Argument gegen den Atheismus eingebracht werden. Aber dieser Aspekt darf nun nicht absolut gesetzt werden. Etwa indem man den Menschen theologisch demonstrieren will, dass ihr Leiden auf jeden Fall einen höheren Sinn hat, den sie vielleicht jetzt noch nicht – oder gar erst nach dem Tod – erkennen. Römer 8,28 wird dann zu einem Prinzip für jede Erfahrung von Leid erhoben. Es gibt aber Leiderfahrungen, die weder als sinnvoll erlebt noch als sinnvoll gedacht werden können, weil sie quantitativ und qualitativ schlicht masslos sind. So wäre es ein Hohn zu behaupten, der Holocaust, ein Tsunami oder sexueller Missbrauch würden dieser Welt zu einem höheren Gut dienen. Als würde der Geschichte Gottes mit der Menschheit etwas fehlen, wenn solche Ereignisse nicht passiert wären! Es gibt sinnloses Leiden. Jede Theologie, die das nicht festhält, trägt in sich die Tendenz, Leiden und Übel zu bagatellisieren auf Kosten der leidenden Personen.

Gottes Eigenschaften anders interpretieren

Statt das Leiden neu zu fassen, könnte man das Widerspruchsproblem auch lösen, indem man die Eigenschaften Gottes neu interpretiert. Ich beschränke mich auf Gottes Güte und Allmacht.

Mehr erfahren?

  • Kreiner: Gott im Leid, S. 79–100.
  • von Stosch: Theodizee, S. 40–55.

Die Güte Gottes

Vielleicht sind Gottes Güte und moralische Vollkommenheit ganz anders als wir sie uns vorstellen. Nicht wenige Denker kritisieren die flauschige und kuschlige Vorstellung vom Gott der Liebe und schlagen vor, die dunklen und schrecklichen Seiten Gottes nicht zu vergessen. Dabei will man einen schroffen Dualismus vermeiden, demgemäss Gott gut und böse zugleich ist. Aber mit Hinweis auf entsprechende Bibelstellen führt man die Übel und die Leiden unmittelbar auf Gott zurück. Wo nun völlig unverständlich bleibt, warum und wozu Gott auf böse Weise handelt, verweisen die Vertreter dieses Ansatzes gerne auf den lutherischen Gedanken des verborgenen Gottes (Deus absconditus). Das leidverursachende Handeln Gottes bleibt unbegreiflich.

Andere sprechen in diesem Zusammenhang davon, dass Gott die Leiden und Übel lediglich zulässt. Zur Entlastung Gottes führt man hier die Figur des Teufels und seiner Dämonen ein. Dieser Erklärungsansatz dient dazu, die Allmacht und Souveränität Gottes zu wahren, ohne seine Güte komplett zu verdunkeln.

Mögliche Bibelstellen

  • 2Mo 4,1.24
  • 1Sam 2,6–8
  • Klgl 3,24–38
  • Jes 45,6–7
  • Am 3,6

Die Allmacht Gottes

Mit der Neuinterpretation von Gottes Allmacht will die Theologie an Gottes Güte festhalten und zugleich Übel und Leid als das, was nicht sein soll, fassen. Der Philosoph Hans Jonas sah keine andere Möglichkeit, um nach
Auschwitz von Gott reden zu können: Gott hat nicht deshalb nicht eingegriffen, weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte. Mit der Erschaffung der Welt hat Gott seine Allmacht aufgegeben. Damit ist das Theodizeeproblem aber immer noch nicht ganz gelöst. Denn Gott bleibt als Schöpfer letztlich dafür verantwortlich, eine Welt ins Leben gerufen zu haben, die er nicht bewältigen und vor dem Übel bewahren kann. Die Prozesstheologie versteht deshalb Gottes Allmacht von Ewigkeit her nicht als zwingendes und kontrollierendes, sondern als werbendes, lockendes und überredendes Handeln.

Mehr erfahren?

  • Kreiner: Gott im Leid, S. 275–281.
  • Greshake: Warum, S. 41–63.

Zur Theodizeetauglichkeit

Tatsächlich löst sich das Problem der Theodizee auf, wenn man an einen Gott denkt, der nicht gütig oder völlig anders gütig ist als wir es uns vorstellen. Aber diese Lösung geht auf Kosten des Glaubens. Denn Glaube meint biblisch betrachtet, dass ein Mensch sich existenziell und ganzheitlich in Vertrauen, Liebe und Hoffnung an Gott hingibt und ihn verehrt. Dies geht aber nur, wenn Gott glaubwürdig, vertrauenswürdig und liebenswürdig ist. Nur einem Gott, der es gut mit uns meint und uns liebt, können und sollten wir unseren Glauben schenken. Die Neuinterpretation der Güte Gottes giesst daher noch zusätzlich Öl in das Feuer von Leiderfahrungen. Wenn Gott mir – einfach weil er es will – Übel und Leiden zufügt, wenn er das auch in unberechenbarer Weise zukünftig tun könnte, dann bin ich dem Leiden in einer entsetzlich hoffnungslosen Weise ausgeliefert.

Auch der Einbezug des Teufels bietet nur scheinbar eine Lösung. Die Frage bleibt, warum Gott Kreaturen gewollt und geschaffen hat, die in der Lage sind, derart viel und schwerwiegendes Leid über die Menschen zu bringen. Und aus den gleichen Gründen darf der christliche Glaube auch den Gedanken an die Allmacht Gottes nicht verabschieden. Wenn Gott dem, was seine Schöpfung peinigt, quält und verdirbt, völlig ohnmächtig gegenübersteht, warum soll ich dann aus der Tiefe der Leiderfahrung überhaupt noch an ihn glauben?

3. Das Leid der Menschen auf dem Hintergrund der drei-einen Liebe Gottes

Die bisher angerissenen Lösungsstrategien haben alle ihre Grenzen. Das hält mich aber nicht davon ab, ihre verheissungsvollen Aspekte und Impulse aufzunehmen, wenn ich nun versuche, gute Gründe zu nennen, an Gott im Leid zu glauben. Und natürlich werden damit auch nicht alle Fragen und Probleme gelöst.

Mehr erfahren?

  • von Stosch: Theodizee, S. 87–111.
  • Greshake: Warum, S. 77–95.

Die Selbstbestimmung Gottes zur Gemeinschaft der Liebe mit den Menschen

Wer Gott ist und in welchem Verhältnis er zu uns steht, das hat er in Jesus Christus unübertroffen gezeigt. In ihm hat Gott sich selbst definiert als eine Liebe, die sich selbst hingibt, sogar für ihre Feinde!
Diese Liebe Gottes zu uns als seinen Ebenbildern hat eine ewige Quelle, nämlich die Liebe zwischen dem Vater, seinem ewigen Ebenbild (Sohn) und dem Heiligen Geist. Anders gesagt: Gott will mit uns eine Beziehung der Liebe verwirklichen, die so ähnlich sein soll wie seine ewige Liebe.

Das Leid als mögliches Risiko der Liebe Gottes

Es lässt sich nun argumentieren, dass physische Übel (Leid in der Natur und verursacht durch die Natur) und moralische Übel (Leid verursacht durch Menschen) ihren Grund in der Freiheit haben, mit der Gott die Schöpfung und vor allem die Menschen in Liebe begabt hat.

  • Weil die Liebe Gottes heilig und vollkommen ist, kann sie sich nicht mit Gewalt, Manipulation oder Zwang durchsetzen. Vielmehr setzt sie den Menschen frei, damit der aus freien Stücken Gott lieben und gegenüber ihm handeln kann.
  • Die Liebe Gottes schenkt Raum und Zeit (1Kor 13,4-8), damit die Menschen zu einer Beziehung der Liebe finden und darin wachsen können. Gott will mit den Menschen eine echte Heilsgeschichte durchschreiten, die man als das Abenteuer seiner Liebe bezeichnen kann.
  • Gott nimmt die einmal gegebene Freiheit nicht zurück. Dies gilt auch dann, wenn der Mensch sie gebraucht zum Gegenteil frei geschenkter Liebe, nämlich zur Sünde. Gott bleibt seiner Selbstbestimmung zur Gemeinschaft der Liebe treu.
  • Um seiner Liebe willen geht Gott das Risiko ein, dass die Freiheit der Schöpfung und besonders der Menschen in einer Weise vollzogen wird, dass dabei Leiden und Übel verursacht werden.
  • Gott kann physische und moralische Übel nicht allmächtig verhindern, weil er damit der Schöpfung und den Menschen die ihnen geschenkte Freiheit wieder nehmen würde.

Ist mit dieser Argumentation das Widerspruchsproblem gelöst? Naja, einerseits schon, denn mit der Liebe Gottes lässt sich ein gewichtiger Grund dafür angeben, dass Gott die Welt nicht in einem vollendeten Zustand erschaffen hat, in dem die Möglichkeit des Leidens für immer ausgeschlossen ist (Offb 21,1-5). Dieser Ausschluss soll das Ergebnis einer gemeinsamen Liebesgeschichte sein. Weder verhindert, noch beseitigt Gott das Leid einfach in seiner Geschichte mit den Menschen. Gottes Güte und Allmacht sind damit theodizeesensibel reinterpretiert. Andererseits stossen wir auf neue Fragen: dem eigentlichen Nerv der Theodizee.

Jesus Christus: Zentrum der Bibel und wahre Selbstoffenbarung Gottes

  • Lk 10,22; 11,31-32
  • Joh 1,14-18; 5,31-47
  • Röm 5,8; 8,32
  • Kol 2,9
  • Hebr 1,1-3
  • 1Joh 3,16; 4,8.16

Die Liebe Gottes zu uns ist identisch mit der drei-einen Liebe Gottes

  • 1Mo 1,27
  • Jo 17,5.23-26
  • Kol 1,15-23; 3,10
  • Eph 1,3-6; 4,24
  • Röm 8,29
  • 1Kor 15,49
  • 2Kor 3,18
  • 1Joh 3,1-2
  • 2Petr 1,4

Der eigentliche Nerv der Theodizee

  • Lässt es sich rechtfertigen, dass Gott das Risiko unermesslichen Leides in der Welt und im Leben der Menschen eingegangen ist? Zugespitzt: Wie konnte Gott es wagen, Menschen aus Liebe zu erschaffen, die unsägliches Leid in die Welt bringen?
  • Ist es nicht zynisch, die Freiheit der Liebe stärker zu gewichten als das Leiden? Konkret: Wäre es nicht moralisch einzufordern, die Freiheit des nationalsozialistischen Regimes allmächtig zu überschreiben angesichts der millionenfachen Opfer dieser diabolischen Freiheit?
  • Müsste man einen Gott, der das Risiko des Weltabenteuers eingeht, nicht als leichtfertigen Spieler bezeichnen, der seinen Einsatz auf Kosten der Mensch bezahlt?

Hier gelangt eine trinitarische Theodizee der Liebe Gottes an ihre Grenzen. Ob ein Leben in Freiheit und Liebe den Preis des Leidens wert ist, das kann keine Theologie pauschal gegenüber den leidenden Menschen vertreten. Nur der oder die Leidende selbst kann solche Abwägungen vornehmen. Es ist aber die Aufgabe der Theologie, die Leidgeplagten in diesem schwerwiegenden Prozess zu begleiten. Sie tut das, indem sie die Geschichte der Taten Gottes so bezeugt und lehrt, dass das Ja zum dreieinen Gott und zu seinem Geschenk eines risikobehafteten Lebens plausibler wird als ein Nein. Daher nenne ich zum Abschluss meine zwei besten Gründe dafür, im Leid an Gott zu glauben.

4. Meine Zwei besten Gründe, im Leid an Gott zu glauben

Der mitleidende Gott ist kein leichtfertiger Risikogeselle

Bereits das Alte Testament bezeugt eindrücklich, wie Gott am Leid der Menschen leidet, selbst dann, wenn das Elend der Menschen sündhaft selbstverschuldet ist: Gott ist betrübt, sein Herz bricht vor Jammer und brennt in ihm. Unüberbietbar ist, wie Gott sich dem Bösen, den Übeln und Leiden der Welt am Kreuz auf Golgatha aussetzt. Der Höhepunkt des Leidens liegt in der Erfahrung der Gottverlassenheit im Tod (Mt 27,46). In Christus haben es die Menschen mit einem Gott zu tun, der mit ihnen leidet, und im Heiligen Geist haben sie es mit einem Gott zu tun, der mit ihnen stöhnt und seufzt (Hebr 4,14ff., 5,7ff., 7,25; Röm 8,26f.).

Gott hat die Welt nicht wie ein abgezockter, leichtfertiger Risikospieler erschaffen. Vielmehr war er von Anfang an bereit, den möglichen Preis für die Freiheit, die er dem Menschen in Liebe zugeeignet hat, zu zahlen. Dies ist die Botschaft von 1Petr 1,18-20. Golgatha ist der Beweis Gottes dafür, dass er die Risikofinanzierung seiner Liebe selbst abdeckt: Er hat sich selbst als Löse- und Preisgeld gegeben, hat alles geschenkt, was er kann (Röm 8,31-39). Und das geschlachtete Lamm auf dem Thron (Offb 5,6; 14,10; 15,3; 22,1-5) deutet geheimnisvoll an, wie sehr Gott sich die Leiden und Qualen der Welt zu eigen gemacht hat. Sie werden, so hat der Theologe Jürgen Moltmann einmal gesagt, zur ewigen Signatur seines Wesens.

Unter diesen Voraussetzungen steht Gott nicht länger auf der anderen Seite des Leides. Die Leidgeplagten entdecken, wie nah er ihnen ist. Das ist ein echter Perspektivenwechsel. Und ich meine: Wenn Gott die Leiden der Menschen teilt, dann kann er dafür nicht einfach angeklagt werden. Dann sollte er auch nicht einfach aus dem Leid heraus atheisiert werden. Denn der Gott im Leiden ist nun auch der, der mich aus dem Leiden herauszuführen vermag.

Der mitleidende Gott im Alten Testament

  • 1Mo 6,5-7
  • Ps 91,15
  • Jes 57,15; 63,9-10
  • Jer 8,18-21; 31,20
  • Hos 11,7-9

Die Allmacht der gekreuzigten Liebe kann was

Wer göttliche Güte und Allmacht dort sucht, wo Gott mit absoluter und nachweisbarer Souveränität die Welt lenkt, wird vermutlich nicht viel Eindeutiges finden. Vielleicht hat der Atheismus an der falschen Stelle gesucht und daher angesichts der leidvollen, hässlichen und schmerzlichen Facetten des Lebens Gott verabschiedet. Kreuz und Auferstehung Christi zeigen, wie die Allmacht Gottes sich nicht als unwiderstehliche Kraft souverän durchsetzt. Sie erreicht das versprochene Heilsziel, indem sie das ultimative Übel erleidet, den Tod. Sie wirkt in sich selbst zurücknehmender Niedrigkeit (Phil 2,5ff.) und ohnmächtiger Schwachheit (1Kor 1,25; 2Kor 12,9).

Nun könnte man atheistisch einwenden, was auch berühmte Theologen wie Karl Rahner fragen: Wenn es Gott genauso dreckig geht wie mir, dann nützt er mir gar nichts, um aus meinem Dreck herauszukommen. Ja, das würde stimmen, wenn Tod und Leiden das letzte Wort hätten. Haben sie aber nicht. Die Auferweckung Jesu Christi von den Toten ist der Beweis Gottes dafür, dass er selbst das schlimmste und übelste aller Leiden, die Gottverlassenheit im Tod, mit uns teilt, um es endgültig zu überwinden. Eine grössere Allmacht ist nicht denkbar als die der gekreuzigten Liebe Gottes (Röm 8,34).

Die Geschichte der Taten Gottes ist voll von lauter kleinen Auferweckungen. Brüder führen mit ihrem Bruder Böses im Schilde, aber Gott geht mit und macht was Gutes draus (1Mo 50,20). Gott, dem Töpfer, misslingt ein Gefäss, aber dann zeigt er seine wahre Kunst und formt etwas anderes, etwas Neues (Jer 18,4). Menschen gehen das Risiko echter Liebe ein, machen sich unglaublich verletzlich, werden verletzt und betrogen, aber dann geschieht das Wunder der Vergebung. Und eine Liebe wird vielleicht neu, anders, irgendwie tiefer als vorher. Solche biblischen und ausserbiblischen Geschichten können es plausibel machen, an Gott zu glauben – mitten im Leid.

In gewisser Weise teile ich die nüchterne Einschätzung vieler Atheisten: Die Welt ist unerlöst. Ich muss damit leben, dass Gott sich entschieden hat eine Welt zu erschaffen, in der es keine Sicherheiten gibt, in der auch mich und meine Lieben jedwedes Leid zu jeglicher Zeit an allen Orten treffen kann. Das kann mir echten atheistischen Schwindel verpassen. Aber ich habe einen richtig guten Grund, einen felsigen Stein des Anstosses wider den Atheismus: Es ist der weggerollte Stein des Grabes Christi. Es ist die Tatsache, dass Gott seinen Sohn von den Toten auferweckt hat.

Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.
Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.

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Kontakt zum Autor: andreas.loos@tsc.education

Literaturhinweise

  • Gisbert Greshake: Warum lässt uns  Gottes Liebe leiden, Freiburg, 2007.
  • Armin Kreiner: Gott im Leid. Zur Stichhaltigkeit der Theodizee-Argumente, Freiburg 2005.
  • Klaus von Stosch: Theodizee, Paderborn 2013.
  • Holm Tetens: Gott denken, Ein Versuch über rationale Theologie, Stuttgart 2015.

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Der Artikel von Dr. Andreas Loos stammt aus dem Communicatio-Magazin 1/2019.
Trainingstag Worship 2019: Lobpreisschulung

Das Geheimnis des Lobpreises

Bericht vom Trainingstag Worship am 4. Mai 2019

Auf einer Reise durch Musik und Theologie der Anbetung

Autorin: Desirée Kratzat, tsc-Studentin

Wer kennt das nicht? Man hört ein bestimmtes Lied und es nimmt einen mit auf eine Reise, lässt einen einfach nicht mehr stillsitzen und der sogenannte Ohrwurm ist vorprogrammiert. Beim Trainingstag Worship des Theologischen Seminars St. Chrischona (tsc) am 4. Mai 2019 erfuhren rund 60 Teilnehmer einige Geheimnisse der Musik und der Theologie.

Nach einer gemeinsamen musikalischen Anbetungszeit begann tsc-Dozent Andreas Loos, in die Tiefen der Theologie einzutauchen. Susanne Hagen, Studiengangsleiterin Theologie & Musik am tsc, ergänzte den musikalischen Aspekt. Nach einer kurzen Mittagspause folgten musikalische Workshops.

Eine neue Perspektive auf Lobpreis

Der Trainingstag Worship zeigte: Im Lobpreis geht es nicht darum, alles perfekt zu können, sondern um das Geschenk, in den bereits vorhandenen Lobpreis mithineingenommen zu werden. Diese Perspektive faszinierte auch Hans-Martin Rentschler, Pastor der Chrischona-Gemeinde Grüningen: «Mit dieser Sicht ist Lobpreis etwas völlig Anderes, also nicht ich muss etwas liefern. Denn ich glaube, wenn wir etwas liefern müssen, wird es eher zum Kampf.» Als Pastor ist es ihm wichtig, seine Musiker zu begleiten, um eine gleiche Grundlage zu haben. Denn nur, «wenn wir gemeinsam unterwegs sind, können wir Sachen verändern.» Dieses Bewusstsein der Einheit sei etwas sehr Wertvolles, denn die musikalische Anbetungszeit in der Gemeinde sollte mit eingeflochten sein in den restlichen Teil des Gottesdienstes.

Die tsc-Dozenten Dr. Andreas Loos und Susanne Hagen geben beim Trainingstag Worship theologische und musikalische Denkanstösse.
Die tsc-Dozenten Dr. Andreas Loos und Susanne Hagen geben beim Trainingstag Worship theologische und musikalische Denkanstösse.
Bandcoaching ist eines der verschiedenen musikalisch-praktischen Wahlprogramme des Trainingstag Worship.
Bandcoaching ist eines der verschiedenen musikalisch-praktischen Wahlprogramme des Trainingstag Worship.

Der Theologie und der Musik tiefgründig auf die Spur kommen

«Bei einer solchen Schulung ist es herausfordernd, auf die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmer einzugehen und ihnen gerecht zu werden. Dies betrifft gerade auch die praktischen Musikkurse, wenn man mit Anfängern und Fortgeschrittenen zu tun hat», berichtet Susanne Hagen. Sie schätzt es sehr, der «Theologie und der Musik tiefgründig auf die Spuren zu kommen und beides miteinander in Verbindung zu bringen.» Musikalischer Lobpreis sei etwas sehr Komplexes, da er sowohl die Theorie als auch die Praxis von Musik und Theologie fordere. Hierbei sei es wichtig, sich den Herausforderungen zu stellen und in beide Bereiche zu investieren.

Warum das tsc Trainingstage Worship anbietet

Die Vision hinter dem Trainingstag Worship erklärt Andreas Loos: «Ich träume davon, dass Lobpreis und Anbetung Gottes in den Gemeinden und Gottesdiensten durch diese Trainingstage beflügelt und vertieft werden. Am besten auf allen Kanälen, also praktisch, musikalisch, theologisch, geistlich.» Die moderne Lobpreismusik sei ein Geschenk des Heiligen Geistes, und wie jede Geistgabe müsse auch sie gepflegt und geübt, und wo nötig auch vor Fehlentwicklungen und Missbrauch bewahrt werden.